Wechseljahre, das ist der heiße Scheiß, über den alle reden. Foto: KI/Midjourney//Montage: Ruckaberle
Mit dem Megathema Wechseljahre gerät eine der letzten Tabuzonen des weiblichen Körpers in den öffentlichen Blick. So befreiend das sein kann, laufen Frauen auch Gefahr, einer Selbstoptimierungslogik nach altem Muster zu folgen, meint unsere Autorin.
Der Algorithmus ist ein fieses Biest. Zweimal „Perimenopause“ gegoogelt, schon wirft er einem den Wechseljahrecontent vor die digitalen Füße. Anzeigen für Seren, Cremes und Nahrungszugaben für die mittelalte Alte ploppen auf. Instagram-Reels werben für Wechseljahre-Trips ins Luxus-Ressort auf Ko Samui.
Der Neuigkeiten-Feed vermeldet „Haarausfall in der Menopause: Das ist zu tun“ und verspricht eine „Health-Management-Strategie für Frauen“. Soweit die individuelle Empirie zum kollektiven Phänomen, Beispiele digitaler Verwertungslogik zum gesellschaftlichen Diskurs.
Tatsächlich ist die Perimenopause, die Zeit, bevor die Monatsblutung dauerhaft ausbleibt, nur ein Unterkapitel in den großen Menopausen-Monologen dieser Tage. Anders gesagt: Wechseljahre, das ist der heiße Scheiß, über den alle reden. In Podcasts und Gesprächsreihen („Menotalks“), Arte-Dokus und Ratgebern. Auf Instagram, Tiktok und Bühnen. Hollywood-Schauspielerin Halle Berry deklamierte 2024 auf dem Hügel des Washingtoner Kapitols: „Ich bin in der Menopause, okay?“, ihre Kollegin Naomi Watts bringt gerade ein Buch dazu heraus. In Deutschland spricht Drehbuchautorin Anika Decker omnipräsent über ihren „Gehirnnebel“, und Lilly Becker vermeldet vor dem Einzug ins Dschungelcamp, sie habe keine Blutung mehr: „Es ist wirklich ein Meilenstein.“
Das Klimakterium hat die Popkultur erobert
Auch die Kunst lässt sich von fallenden Hormonspiegeln inspirieren, wobei der euphorisch besprochene „erste große menopausale Roman“ („New York Times“) „Auf allen vieren“ von Miranda July nur das bekannteste Beispiel dafür ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb gar, die „aufregendsten Bücher der Saison handeln von der Mitte des Lebens, der Menopause“. Und die „Washington Post“ analysierte, das Klimakterium habe die Popkultur erobert, ungestüm wie ein „heißer Blitz“.
Dschungelkamp und Hochkultur – das sind denn auch die Pole, mit denen sich Umfang einerseits und Spannungsfeld andererseits beschreiben lassen, in denen eine der letzten Tabuzonen des weiblichen Körpers öffentlich verhandelt wird. Und so drängen sich gleich Fragen auf: Ist das die endgültige Befreiung der Frau von allen Schamgrenzen und patriarchalen Zuschreibungen? Darf sie nun selbstbestimmt und aufgeklärt altern? Oder wird der Frauenkörper einmal mehr zum Marktplatz ökonomischer Interessen, auf dem sich nun Achtsamkeits-, Kosmetik- und Ratgeberindustrie tummeln?
Beginn der Perimenopause liegt bei durchschnittlich 47 Jahren
Immerhin darf sich, wer nicht mitmacht beim offenen Talk, gleich ein bisschen verklemmt fühlen und so gar nicht selfcare-mäßig. Dabei entzieht er sich vielleicht nur der sublimen Selbstoptimierungslogik, die mitschwingt, wenn nicht nur Symptome gelindert, sondern Alterungsprozesse kaschiert, wenn nicht gleich aufgehalten werden sollen.
Mit der mittelalten Frau – der Beginn der Perimenopause liegt bei durchschnittlich 47 Jahren – tritt eine Figur ins Licht, die auf der medialen Bühne lange Zeit höchstens als weise Alte interessierte. Öffentliches Augenmerk war Frauenkörpern vorbehalten, die jugendlich-schön und gebärfähig waren, also eine Funktion nach männlicher Logik (Befriedigung von Trieben, Kinder schenken) erfüllten. Wobei die physiologischen Prozesse dahinter (Menstruation, Geburtsvorgang) weithin tabuisiert blieben.
Zuerst ging es um die Menstruation
Es kommt also nicht von ungefähr, dass in den vergangenen Jahren zunächst Themen wie Monatsblutung, Geburt und weibliche Sexualität bildmächtig in die Öffentlichkeit drängten. Dass es auf vielen Schultoiletten nun kostenlose Tampons gibt, junge Frauen Vulvenabformungskurse machen, in Grundschulen Klitoris-Schaubilder gezeigt werden und die ungeschönte Geburtsfotografie boomt, sind Beispiele, wie sich die Grenzen des Sag- und Zeigbaren verschoben haben. Die politischen Diskussionen um Krankentage für Menstruationsschmerzen oder den Hebammenmangel wären andere.
Warum nicht mal ein Vulven-Kalender? Themen wie Monatsblutung, Geburt und weibliche Sexualität sind schon länger in der Öffentlichkeit. Foto: dpa / Philipp von Ditfurth
Dass nun die Menopause und ihre Protagonistinnen auf der Bildfläche erscheinen, ist folgerichtig und wichtig– zumal zuletzt die MeToo-Bewegung gezeigt hat, wie wirkmächtig kollektive Frauenbekenntnisse sein können. Der demografische Wandel verleiht zusätzlich Schubkraft. Altern, das ist auch jenseits der Frage „Blutest du noch – oder lebst du schon?“ ein Megathema dieser Zeit.
Unzureichend erforscht
Dabei hat auch die Menopausenbewegung eine stark gesundheitspolitische Dimension. Es zeigt sich einmal mehr, wie unzureichend der weibliche Zyklus von einer jahrhundertelang männlich geprägten Medizin erforscht ist, wie wenig Information, Gehör und Beratung betroffene Frauen teils bei Ärzten, Arbeitgebern, Krankenkassen finden. Dass sich das ändert, fordert unter anderem die Bewegung „Wir sind 9 Millionen“, gestartet von Journalistinnen, Ärztinnen, Unternehmerinnen und Expertinnen, die damit auch gleich das schiere Ausmaß der betroffenen Gruppe im Namen trägt.
Dass der Bundestag auf Antrag von CDU/CSU im vergangenen Herbst über eine „Nationale Menopausen-Strategie“ beriet, darf als Zeichen gesehen werden, wie schnell diese Botschaften im Mainstream angekommen sind. Dabei kommt die politische Debatte stark ökonomisch konnotiert daher. So heißt es im Unions-Antrag, das Thema sei in Zeiten des Fachkräftemangels „hoch brisant“. Immerhin zeige sich in Befragungen, dass jede fünfte Frau ab 55 wegen Wechseljahrbeschwerden früher in Rente gehen wolle.
Das Schreckgespenst der verblühenden Frau
So richtig diese Argumentation ist, weil sie Arbeitgeber in die Pflicht nimmt, so ambivalent muss man diese volkswirtschaftliche Sichtweise auf die Menopause auch sehen, weist sie bei allem vordergründigem Wohlwollen den betroffenen Arbeitnehmerinnen doch eine defizitäre, weil weniger leistungsstarke Rolle zu. Wieder einmal geht es darum, den Arbeitskörper potent und damit jugendlich zu erhalten.
Viele Ratgeber-, Kosmetik-, Reise-, oder Ernährungsangebote spielen mit dem Schreckgespenst der verblühenden Frau, neben der ein junger Körper nur umso erstrebenswerter aufscheint. In dessen Richtung gilt es sich offenbar mit Hilfe eben jener Mittelchen, Übungen, Hormonersatzpräparaten rückabzuwickeln. Ironie dieser Geschichte, dass einige der prominenten Testimonials die passende Beauty- und Wellnesslinie auf den Markt schmeißen. Und dass die Ärztin Sheila de Liz, die mit ihrem Bestseller „Woman on Fire“ vielen als Säulenheilige der Bewegung gilt, mit dem Thema gut verdient.
Blaupause für den Umgang mit Krisen
Wie fallstrickereich der Weg in ein selbstbestimmt schönes Alter ist, zeigten zuletzt auch Filme wie „The Substance“ mit Demi Moore (62) oder „Babygirl“ mit Nicole Kidman (57), deren Darstellerinnen man dazu nur in die gebotoxten Gesichter blicken muss. Auch die einfache Umkehr alter Rollen (in diesem Fall: reife Frau hat Affäre mit jungem Mitarbeiter) führt in „Babygirl“ nicht notwendigerweise in die Selbstermächtigung, sondern zunächst in andere Abgründe.
So wichtig und richtig die öffentliche Wechseljahrewelle ist, so schnell kann sie also instrumentalisiert werden und die Freiheit, die sie einfordert, unter sich begraben. Diese gebe es für Frauen ohnehin nur – so schreibt die französische Philosophin Corine Pelluchon in „Die Durchquerung des Unmöglichen“ –, wenn die Menopause als Metamorphose begriffen werde. Als „beständiger Übergang zu einer anderen Seinsweise“. Dann nämlich, so Pelluchon, könnten die Wechseljahre gar zu einer Blaupause für den Umgang mit gesellschaftlichen Umbrüchen werden. Weil sie zeigen, das jeder Zustand endlich ist und Veränderungen unausweichlich. So verstanden wäre die Menopause tatsächlich das große Thema dieser Zeit.
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