„Allein unter Schwaben“ Schwarze Haut und schwäbische Seele

Von Petra Mostbacher-Dix 

Wie sich ein Gambier „Allein unter Schwaben“ fühlt, ist am Donnerstag in Elisabeth Kabateks Uraufführung im Theater der Altstadt zu erleben.

Szene aus „Allein unter Schwaben“ im Theater der Altstadt in Stuttgart Foto: Sabine Haymann
Szene aus „Allein unter Schwaben“ im Theater der Altstadt in Stuttgart Foto: Sabine Haymann

Stuttgart - Malik kann es kaum fassen. Da er in seiner Unterkunft kaum Ruhe hat, um für seine schwierige Deutschprüfung Vokabeln und Grammatik zu büffeln, lädt ihn Sara ein, nachmittags bei ihr zu Hause zu lernen. Sie muss sich sowieso aufs Abitur vorbereiten. Die Schülerin hat den cleveren unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aus Gambia bei einem Projekt in ihrem Stuttgarter Gymnasium kennengelernt. Auch Saras Eltern wollen Malik helfen, besonders die Mutter. Doch als sich dann die beiden Jugendlichen ineinander verlieben, geht ihr das zu weit. Was sonst über Fernsehbilder oder am Rande der Kommunen läuft, ist mitten in einer Stuttgarter Familie angekommen: die Flüchtlingskrise. Während Großtante Gertrud Malik schwäbische Sitten beibringen will, verdächtigt ihn Saras Lehrerin, dass er mit Drogen dealt. Und im Laufe des Chaos, das gespickt ist mit Lügen, Vorurteilen und Missverständnissen, stellt sich so mancher als Nimby heraus – das englische Akronym steht für „not in my back yard“ („nicht in meinem Hinterhof“).

„Allein unter Schwaben oder: Bloß net in onserm Hinterhof“ nennt denn auch Elisabeth Kabatek ihr Stück, das an diesem Donnerstag im Theater der Altstadt uraufgeführt wird, inszeniert von Stephan Bruckmeier. Es ist die erste Auftragsarbeit der Stuttgarter Romanautorin für das Haus, und die Intendantin Susanne Heydenreich übernimmt darin die Rolle der Großtante. „Ich bin schon als Schülerin gerne in das Theater der Altstadt gegangen“, so Kabatek. „Susanne Heydenreich hat mich bereits für ihre literarische Reihe ‚Lesezeichen‘ engagiert. Über ein Theaterstück haben wir schon vor längerer Zeit gesprochen.“ Im Januar 2017 sei die Idee mit den Neujahrsvorsätzen wieder aufgetaucht – und gleich für die kommende Spielzeit fest vereinbart worden. „Da war ich im Zugzwang!“, schmunzelt Kabatek.

Eigentlich wollte Kabatel eine reine Komödie schreiben

Damals sei das Thema Geflüchtete sehr präsent in Stuttgart gewesen. Zudem habe sie sich in einem Flüchtlingswohnheim im Stuttgarter Süden ehrenamtlich engagiert. „Da lag es auf der Hand, die Themen Geflüchtete und das Schwäbische zu kombinieren.“ Eigentlich wollte die Erfinderin von Pipeline Praetorius – die „schwäbische Bridget Jones“ sucht in der erfolgreichen Romanreihe von „Laugenweckle zum Frühstück“ über „Brezeltango“ bis zum im Herbst erscheinenden „Schätzle allein zu Haus“ nach Mr. Right – eine reine Komödie schreiben. Doch nun sei etwas zwischen Komödie und Tragödie entstanden. „Das geht nicht anders, wenn man über Flucht recherchiert. Schon der Weg über Land, bevor die Geflüchteten am Mittelmeer ankommen, ist die Hölle.“

Derlei fließt ebenso ins Stück ein wie die Frage, was passiert, wenn Kulturen aufeinandertreffen. „Im Ausland tritt man oft in Fettnäpfchen, ohne es zu wollen, weil man Etikette, Codes und Verhaltensweisen nicht kennt. Wenn Nationalitäten nicht miteinander klarkommen, liegt das oft an Missverständnissen.“ Vor diesem Hintergrund setzte sie den jungen Malik mitten in eine Stuttgarter Familie, in der jeder seine Probleme hat – „wie im wahren Leben eben auch“, so Kabatek. „Mir war wichtig, dass die Zuschauer sich identifizieren können mit dem, was auf der Bühne passiert. Auch wenn in Stuttgart Integration recht gut klappt, eine Insel der Seligen sind wir nicht.“ Daher kommentiere die Großtante mit der Nachbarin alias Monika Hirschle immer wieder das Geschehen – ähnlich wie einst Waldorf und Statler in der „Muppet Show“. Unter anderem gehe es da auch um Gutmenschentum. „Helfen ist okay, aber rück mir nicht zu nah auf die Pelle: Das ist da oft das Motto. Am Anfang ist Malik toll, aber das ist sofort vorbei, als er die Tochter liebt.“

Diese moderne „Romeo und Julia“-Geschichte zu schreiben sei ein spannender Selbsterfahrungskurs gewesen. Für die Bühne brauche es weniger Text als im Roman. „Ich als Einzelkämpferin war plötzlich mit vielen im Dialog, mit dem Regisseur, mit dem Bühnenbildner und der Kostümbildnerin, mit den Schauspielern.“ Malik wird gespielt von Erick Marigu, einem Mitglied des Hope Theatre Nairobi, das Regisseur Bruckmeier 2009 mit Jugendlichen aus Slums gründete. „Eine Idealbesetzung!“, so Kabatek. „Ich bin schon aufgeregt. Zur Premiere bekomme ich im Publikum sitzend hautnah die Reaktionen mit – und das ist etwas völlig anderes als bei einer Lesung.“




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