Alleinerziehend in Filderstadt Geteiltes Sorgerecht, einsame Sorgen
Helena Hoff ist alleinerziehende Mutter. Im Alltag fehlt es ihr an Geld, an Kraft und an Unterstützung. Ihr Traum: ein Wohnkonzept mit nachbarschaftlicher Hilfe.
Helena Hoff ist alleinerziehende Mutter. Im Alltag fehlt es ihr an Geld, an Kraft und an Unterstützung. Ihr Traum: ein Wohnkonzept mit nachbarschaftlicher Hilfe.
Filderstadt - Helena Hoff hat das Gefühl, nicht zu leben, sondern zu überleben. Seit fünf Jahren ist sie von ihrem Mann getrennt und zieht den heute achtjährigen Sohn alleine auf. „Ich betrachte meinen Zustand schon seit einigen Jahren als Überlebenskampf“, sagt sie mit fester Stimme. Ihr Leben ist eine Zerreißprobe zwischen dem Studium der Sozialen Arbeit, zwei Nebenjobs in Vollzeit und dem Alltag mitsamt der Verantwortung für ihren Jona, die zum Großteil alleine auf ihren Schultern lastet und manchmal schwer ist wie Blei. Viel dreht sich darum, ihren Sohn weg zu organisieren, um den Aufgabenberg zu stemmen. Es macht sie traurig, wenn sie vom Schreibtisch aus dem Fenster schaut und Jona alleine auf der Straße Skateboard fahren sieht. „Es schnürt mir die Kehle zu, denn eigentlich müsste ich die Zeit mit ihm verbringen.“
Helena Hoff möchte ihre Geschichte unbedingt teilen und aufzeigen, mit welchen Problemen Alleinerziehende konfrontiert sind. Am liebsten würde die Frau aus Harthausen ihren echten Namen in der Zeitung lesen, doch die Sorge davor, dass ihr von dem hart verdienten Geld, mit dem sie gerade so über die Runden kommt, etwas gestrichen werden könnte, machen das unmöglich.
Die Trennung des Ehepaars wurde unausweichlich, als der Kleine drei Jahre alt war. Immerhin habe es keinen Rosenkrieg gegeben, sagt die 38-Jährige. „Wir wissen: Wenn wir zwei eskalieren, verschlimmert sich alles.“ Es fällt ihr nicht schwer, zu sagen: „Mein Kind hat den allerbesten Papa, den es sich vorstellen kann.“ Alle zwei Wochen verbringt der Junge das Wochenende beim Vater und schläft dienstags bei ihm. Das Sorgerecht teilen sich die Eltern. „Aber es lastet mehr auf mir als auf ihm“, sagt Helena Hoff. Sie ärgert sich über die Selbstverständlichkeit, mit der ihr Ex-Partner seinen Managerposten als Argument nimmt, sich nicht mehr um Jona kümmern zu können. „Ich leiste mit Studium und zwei Jobs eigentlich 200 Prozent, aber seine Arbeit geht immer vor.“ Ein Wechselmodell, bei dem das Kind jeweils eine ganze Woche bei einem Elternteil verbringt, würde sie unheimlich entlasten – für den Vater kommt das aber nicht in Frage.
Ihr Alltag ist so vollgepackt, dass es eigentlich für drei Helenas reichen würde. Besonders schlimm sind die Prüfungsphasen. „Dann sage ich zu Jona: Jetzt wird’s wieder ein bisschen hektisch. Dann kullern bei ihm die Tränen, aber er weiß, es geht nicht anders.“ Ihren Schlafrhythmus habe sie so angepasst, dass sie mit vier Stunden pro Nacht auskomme. Das geht an die Substanz. Die 38-Jährige gibt offen zu, dass sie mit depressiven Episoden zu kämpfen hat. „An den Wochenenden, an denen Jona beim Vater ist, bin ich dann physisch und psychisch so fertig, dass ich oft nur zuhause bleibe und schlafe.“ Es fehlt ihr die Kraft und die Zeit, etwas zu unternehmen – oder einen neuen Partner kennenzulernen. Als Alleinerziehende sei man sozial isoliert. „Manchmal fühle ich mich, als würde ich auf einem anderen Planeten leben“, sagt sie.
Die Pandemie habe sie deshalb nervlich relativ kalt gelassen: Während andere darüber klagten, dass sie nicht mehr ausgehen, keine Freunde treffen oder Essen gehen können, änderte sich für die alleinerziehende Mutter fast nichts. Außer dass sich ihr Studium verzögerte und sie weniger arbeiten konnte, da sie vormittags mit Jona Homeschooling machte. Notbetreuung hatte sie zwar beantragt, im ersten Lockdown habe es aber geheißen, dass dieses Thema für Alleinerziehende nicht geregelt sei. „Ich habe es angenommen. Ich habe alles andere hinten angestellt, mein Kind hatte Vorrang.“
Was besonders an ihren Kräften zehrt, sind die Geldsorgen. BAföG, Wohngeld, die Nebenjobs und der Unterhalt des Vaters reichen kaum. Vor Corona vermietete Helena Hoff deshalb unter der Woche ein Zimmer. „Trotz aller Anstrengungen lebe ich am Existenzminimum“, sagt sie. Ihr Sohn nimmt das bescheidene Leben an. Seine Geburtstagsgeschenke haben immer Gebrauchsspuren, weil sie nie neu sind. Wenn es mal eine Kugel Eis gibt und er fragt, ob er Streusel haben darf, kennt er die Antwort: „Geht’s auch ohne?“ Urlaube gibt es nicht. Auftanken kann die Alleinerziehende in Mutter-Kind-Kuren, die sie alle drei Jahre beantragen darf. „Das sind die Momente, in denen wir zusammen Erinnerungen sammeln. Die lassen mich dann drei Jahre kämpfen bis zur nächsten Kur. Das ist mein Anker.“
Eine zündende Idee hatte Helena Hoff vor vier Jahren. Über das Internet suchte sie nach einer Frau in ähnlicher Lage, um eine WG zu gründen und sich gegenseitig zu unterstützen. Eine Mutter und deren Tochter zogen ein – und bald wieder aus. „Das Ende vom Lied war, dass ich zwei Kinder hatte und versucht habe, eine Hausarbeit zu schreiben, während sie in der Badewanne lag.“ Trotzdem hat die 38-Jährige die Hoffnung nicht aufgegeben, eine Form von alternativem Wohnen zu finden, bei der man sich gegenseitig hilft. Auch hofft sie, dass die öffentliche Hand Alleinerziehende mehr unterstützt. Sie habe sämtliche Förderungen ausgelotet – Kinderzuschlag, Kinderteilhabepaket –, diese seien aber oft „ein Witz“. „Aber ich will nicht jammern, ich bin nicht arm dran“, sagt sie. „Man hat keine Wahl, man bringt einfach die Kraft auf, die es braucht.“