#allesdichtmachen Schauspieler-Protest gegen Corona Wieviel Ironie verträgt die Pandemie?

Unzufrieden: Jan-Josef Liefers, Nina Proll, Nadja Uhl, Ulrich Tukur, Wotan Wilke Möhring, Maxim Mehmet, Katharina Schlothauer, Peri Baumeister, Richy Müller (von links oben nach rechts unten). Foto: dpa

Mit satirischen Videos haben prominente Schauspieler und Schauspielerinnen unter dem Hashtag #allesdichtmachen die Corona-Politik kommentiert. Die Reaktionen schwanken zwischen Empörung und Beifall. Die ersten Filme wurden bereits zurückgezogen.

Stuttgart - Auf den ersten Blick könnte man die Youtube-Seite mit den kurzen Filmen für das Personaltableau einer großen Videokonferenz halten, in der die führenden Figuren der deutschen Fernseh- und Bühnenschauspieler-Szene zusammenkommen, um sich auszutauschen. Viele „Tatort“-Kommissare sind darunter, die Stuttgarter-Ermittler, Felix Klare und Richy Müller, die Ludwigshafener Kommissarin Ulrike Folkerts, ihre Kollegen aus Münster und Wiesbaden, Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur.

 

Doch was die Darstellerprominenz zusammenbringt, ist kein Plausch unter Kollegen, sondern ihre Kritik an den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und ihren Folgen. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen kommentieren sie in ironisch-bissigen Clips, was ihrer Ansicht nach gerade alles falsch läuft. Ulrike Folkerts etwa wünscht sich satirisch immer mehr Maßnahmen, weil sie das Mehr so liebe, Martin Brambach, auch er ein alter „Tatort“-Bekannter, erzählt, wie er im letzten Jahr angefangen habe, solidarisch mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen. Richy Müller inhaliert virenfreie Luft aus Plastiktüten: „Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr“. Sein Kompagnon Felix Klare fordert im Sinne seines Urgroßvaters eine Erziehung zu Disziplin und Hygiene, Ulrich Tukur schlägt vor, am besten doch auch gleich die Supermärkte zu schließen, und der Babylon-Berlin-Star Volker Bruch hat einfach nur noch Angst – davor, dass seine Angst einmal nachlassen könnte.

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Meisterwerk oder Geschmacklosigkeit?

Insgesamt 53 solcher ironischen Statements sind in der Nacht zum Freitag bei Instagram, Twitter und auf der Videoplattform YouTube online gegangen. Vor allem in den Sozialen Netzwerken schlagen seitdem die Wellen hoch. Schon kurz darauf zählten die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer zu den frequentiertesten in Deutschland. Wegen des Ansturms war die begleitende Webseite allesdichtmachen.de bereits am Freitagmorgen zusammengebrochen.

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Begeisterte Zustimmung auf der einen, Abscheu und Empörung auf der anderen Seite bestimmen die Kommentare. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit feiert die Aktion als ein „Meisterwerk“, das „uns sehr nachdenklich machen“ sollte, der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, nannte die Videos „großartig“. Auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek zeigte Verständnis und plädierte für eine offene Debatten-Kultur. Dagegen verlinkte der TV-Satiriker Jan Böhmermann bei Twitter den ARD-Beitrag „Charité Intensiv: Station 43 – Sterben“ mit den Worten: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat.“

Nach hinten losgegangen

Einige der beteiligten Schauspieler und Schauspielerinnen verwahrten sich gegen den Beifall von rechts und seitens der Querdenker-Szene. Jan-Josef Liefers, der sich in seinem Beitrag, sarkastisch „bei allen Medien unseres Landes“ für ihren Alarmismus bedankt hatte, wies „eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern glasklar zurück“. Es gebe im aktuellen Spektrum des Bundestags keine Partei, der er ferner stehe als der AfD. Seine Kollegin Heike Makatsch zog ihr Video zurück: Sie habe weder die Gefahr, die von der Pandemie ausgehe, herunterspielen wollen, noch das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern. Ken Duken, Kostja Ulmann zogen nach. Meret Becker räumte ein, die Aktion sei wohl nach hinten losgegangen und entschuldigte sich dafür, dass das falsch verstanden werden konnte.

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Der Diskussion über die Videos folgt die Debatte über die Diskussion: Während die einen das übliche Muster erkennen wollen, erst anstößige Dinge zu sagen, um sich dann davon zu distanzieren, belegen die Reaktionen für andere den traurigen Zustand der Meinungsfreiheit in diesem Land. Unterdessen hat Gesundheitsminister Jens Spahn den Initiatoren ein Dialogangebot unterbreitet.

Ein coronakritischer Mediziner meldet sich zu Wort

Aber wer hat die Protestaktion der deutschen Schauspiel-Elite eigentlich überhaupt koordiniert? Im Impressum der nicht mehr erreichbaren Internetseite stand die Münchner Produktionsfirma „Wunder am Werk“. Deren Geschäftsführer ist der Filmemacher Bernd K. Wunder. Dieser bestätigte dem „Spiegel“, seine Firma stecke hinter den Videos, wollte aber nicht mehr darüber sagen als: „Das ist Kunst.“ Für die Unterstützung eines professionellen Unternehmens spricht die Machart der Filme, die alle dem gleichen Aufbau folgen und auf handwerklich hohem Niveau wie aus einem Guss gefertigt erscheinen.

Der Youtube-Kanal enthält kein Impressum und keinen Hinweis auf den Betreiber. Bei Instagram wurden die #allesdichtmachen-Videos auf dem Account des Magazins „1 bis 19“ gepostet, das von einer gleichnamigen Initiative betrieben wird. Diese beschreibt sich selbst auf dem Account als „überparteiliche Initiative zur Förderung der demokratischen Kultur“. Ihr Vorstandsvorsitzender ist Paul Brandenburg, ein Notfallmediziner und Publizist aus Berlin. Erst im April hatte er gemeinsam mit anderen Ärztinnen und Ärzten Karl Lauterbach in einem offenen Brief Panikmache vorgeworfen und nannte den SPD-Gesundheitsexperten auf Twitter eine „Schande für den Arztberuf“.

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Wer dahinter steckt, ist ungewiss

Auf Nachfrage sagte Brandenburg, er und die Initiative „1 bis 19“ habe die Aktion #allesdichtmachen nicht initiiert, auch wenn er sich das wünsche: „Ich würde mir die Feder gerne an den Hut stecken, kann es aber leider nicht“. Er unterstütze die Aktion jedoch voll und ganz und halte sie für „eine der brillantesten künstlerischen Aktionen“ der heutigen Zeit. Mit den tatsächlichen Initiatoren sei er wohl bekannt, sagte Brandenburg – diese hätten sich aber entschieden, nicht öffentlich in Erscheinung zu treten. „Wunder am Werk“ sei nicht der Kopf und Initiator hinter der Aktion. Womöglich hat Bernd K. Wunder die Videos zwar produziert, die Aktion aber nicht selbst koordiniert und ins Leben gerufen.

Inzwischen reklamieren auf Twitter die Aktionskünstler des Zentrums für politische Schönheit die Sache für sich, sie seien verantwortlich: „Wir wollten wissen, ob man #Tatort-Schauspieler:innen dazu bringt, völlig meinungslos gegen ihren eigenen Arbeitgeber zu hetzen. Bei 53 Schauspieler:innen hats geklappt!“ Doch auch dies darf man wohl getrost für Ironie halten.

Youtube.com, #allesdichtmachen

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