Allgäu-Oberschwaben Verhindert hitzige Stimmung den Dialog übers Biosphärengebiet?
Die Diskussion um das Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben spitzt sich zu. Der Widerstand führt gar zur Absage eines Infotermins wegen „Sicherheitsbedenken“.
Die Diskussion um das Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben spitzt sich zu. Der Widerstand führt gar zur Absage eines Infotermins wegen „Sicherheitsbedenken“.
Die kleine Meldung in der lokalen Tageszeitung liest sich etwas bedrohlich: „Aufgrund von Sicherheitsbedenken“ sagt der Nabu seine geplante Infoveranstaltung zum Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben im Vereinsheim des TSV Hochdorf (Kreis Biberach) ab, heißt es auf der Internetseite der „Schwäbischen Zeitung“ am 26. Mai. Hat sich die Diskussion um das umstrittene Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben etwa derart zugespitzt, dass vermeintlich harmlose Infoabende wie der für vergangene Woche geplante nicht mehr stattfinden können?
„Das Ganze darf man nicht zu hoch hängen“, meint Peter Holl von der Nabu-Gruppe „Südliches Riss- und Umlachtal“ erst. Dann berichtet er von einzelnen, aggressiv auftretenden Personen, wenn es in die Diskussion um das Biosphärengebiet geht. Bereits bei einer Veranstaltung im März in Wolfegg, eine halbe Stunde Autofahrt südlich von Hochdorf, sei es zu „Turbulenzen“ gekommen. Und dieses Mal habe man von mehreren Seiten den „dringenden Rat“ erhalten, den Infoabend lieber „nicht durchzuführen“.
Auch das sogenannte Prozessteam aus Bad Waldsee, das sich um die operative Umsetzung des Projekts kümmert und bei dem geplanten Nabu-Infoabend hätte auftreten sollen, berichtet von „verbalen unschönen Angriffen“ in Wolfegg – und einigen Aussagen aus der Richtung der Projektgegner, die keine Argumente und „nicht haltbar“ seien.
„Gerade Kritiker und Gegner üben schon starken Druck aus und sind sehr aktiv. Dementsprechend sind derzeit konstruktive Diskussionen kaum möglich“, heißt es vom Prozessteam. „In diesem Kontext eine Veranstaltung durchzuführen, ist daher kontraproduktiv und führt eher zu verhärteten Positionen.“ Mit Gewalt sei jedoch nicht gedroht worden, betont man.
Die Kritik an der hitzigen Stimmung richtet sich auch an die sogenannte Allianz für Allgäu-Oberschwaben, die sich mit Plakaten und Flyern unter dem Titel „Vernunft statt Bürokratie – Nein zum Biosphärengebiet“ gegen das Projekt ausspricht. „Diese Allianz trägt dazu bei, dass die Atmosphäre so ist“, heißt es vom Prozessteam. Die Gegner des Biosphärengebiets aber geben sich versöhnlich: „Wir bedauern die Absage der Infoveranstaltung, halten aber einen sachlichen Dialog weiterhin für möglich und notwendig“, heißt es. Man setze sich „konstruktiv für einen respektvollen Austausch ein“.
Das Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben soll nach jenen auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald das dritte in Baden-Württemberg werden. „Ziel ist es, das Klima und die biologische Vielfalt zu schützen und regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken“, heißt es im Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) zeigt sich besorgt, in welchem Ausmaß teils gegen das mögliche Biosphärengebiet vorgegangen wird. Wie etwa durch den Blogger mit dem Namen „Sphärman“, der in seinen Beiträgen Stimmung gegen Projektakteure sowie Befürworter macht (wir berichteten). „Ich sehe mit Sorge, dass eine intransparente Schmutzkampagne sogar Verwaltungsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen persönlich angeht und diffamiert“, sagt Walker: „Ich ermutige die Verantwortlichen vor Ort, sich von solchen Methoden nicht einschüchtern zu lassen.“
Generell seien etliche Falschinformationen zum Biosphärengebiet im Umlauf, berichtet Unternehmer Gottfried Härle, einer der prominenten Befürworter des Projekts, der ebenfalls schon vom „Sphärman“ ins Visier genommen wurde: Härles Brauerei würde mit öffentlichen Förderungen in Millionenhöhe unterstützt, verbreitete der Blogger. Daraufhin forderte Härle erfolgreich eine Unterlassungserklärung ein, die der „Sphärman“ sofort unterzeichnete.
Mit einer Gruppe aus Kommunalpolitikern, Landwirten und Unternehmern hat Härle den Verein „Pro Biosphäre e.V.“ gegründet. „Uns liegt viel am sachlichen Dialog mit den Gegnern“, sagt er. „Wir haben wiederholt Gespräche angeboten, auch mit Terminvorschlag, aber auf die wurde leider nicht eingegangen.“
Der Unternehmer würde gerne auf die Bedenken eingehen, etwa die Sorge, dass Landwirte auf ihren Flächen mit Einschränkungen in einem Biosphärengebiet rechnen müssten. „Es gibt keine Einschränkungen – das bestätigen auch die Landwirte aus dem Schwarzwald und von der Schwäbischen Alb“, sagt er. „Das ist kein Verbotsgebiet, sondern ein Ermöglichungsgebiet.“ Das Prozessteam jedenfalls hofft, bald wieder Infoveranstaltungen wie geplant stattfinden lassen zu können: „Gerade in einem Biosphärengebiet“, heißt es, „gibt es den Anspruch, nicht zu polarisieren, sondern zu einen und zu versöhnen.“