Firma aus Uhingen Ende von Allgaier besiegelt

, aktualisiert am 02.03.2025 - 13:39 Uhr
Bei Allgaier in Uhingen gehen endgültig die Lichter aus. Rund 750 Mitarbeiter sind von der Schließung betroffen. Foto:  

Jetzt herrscht Gewissheit: Das Aus des insolventen Autozulieferers in Uhingen ist nicht mehr abzuwenden. Doch die Autobauer lenken ein und tragen eine Qualifizierungsgesellschaft bis Mitte 2026 finanziell mit. Kritik wird an der Allgaier Prozess-Technik laut.​

So mancher klammerte sich noch an den letzten Strohhalm, doch vor Weihnachten hatte sich die Hoffnung auf einen Investor endgültig zerschlagen, nachdem ein potenzieller Interessent abgesprungen war. Die Verhandlungen von Interessenausgleich und Sozialplan begannen, Mitarbeiter stellten sich gedanklich darauf ein, dass die Tage von Allgaier Automotive gezählt sind. Nun herrscht Gewissheit: Die Zeichen stehen auf Abwicklung. „Zum Jahresende wird der Betrieb schließen“, sagt Insolvenzverwalter Michael Pluta.​

 

Am Mittwoch informierten der Sanierer und der Betriebsrat die Belegschaft in einer Betriebsversammlung, wie es weitergeht. Hauptbotschaft: Nach langen Verhandlungen steht jetzt eine Transfergesellschaft, die den Beschäftigten einerseits bis Mitte 2026 finanzielle Sicherheit gibt und andererseits in diesen sechs Monaten die rund 750 Mitarbeiter weiterqualifiziert beziehungsweise in neue Jobs vermittelt. „Diese Information ist mit Applaus aufgenommen worden“, berichtet der Sanierungsexperte. „Wir haben Zeit gewonnen und jetzt Ruhe in der Belegschaft.“ Alle Autobauer würden den Schritt in die Transfergesellschaft mittragen („das ist eher selten“), auch der Sozialplan werde dadurch mitfinanziert: „Die Insolvenzmasse gibt das nicht her.“

Mitarbeiter müssen Sonderschichten fahren

​Weiteres Thema der kommenden Monate: „Die Autobauer wollen mehr haben, als die normalen Schichten liefern können. Um das zu erfüllen, brauchen wir Sonderschichten, um vertragstreu zu bleiben“, erklärt Pluta. Das bedeutet, dass die Allgaier-Mitarbeiter auch an Samstagen und Sonntagen ran müssen, natürlich inklusive Sonderleistungen. Der Insolvenzverwalter weiß, dass es harte Arbeit ist, die Beschäftigten bis zum letzten Tag zu motivieren, einem sterbenden Unternehmen die Stange zu halten. Pluta macht aber nochmals deutlich: „Die Kündigungen werden erst zum Ende des Jahres wirksam, vorher gibt es keine Entlassungen.“​

Die Belegschaft habe die neuesten Entwicklungen mit gemischten Gefühlen aufgefasst, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Stilianos Barembas. Die eine Hälfte sei froh, nun Planungssicherheit zu haben, die andere glaube immer noch, dass Allgaier gerettet werde und könne daher einer Transfergesellschaft nicht viel Positives abgewinnen. „Aber wir haben aus der schlechten Situation versucht, das Beste herauszuholen“, fasst der Arbeitnehmervertreter zusammen. „Die Kollegen haben jetzt eine Perspektive: Es geht länger weiter, sie bekommen ihr Gehalt und können sich qualifizieren.“ In der aktuellen Wirtschaftsflaute Zeit gewonnen zu haben, wertet er als großen Erfolg. Barembas hofft, dass die Transfergesellschaft mit ihrem guten Netzwerk viele Beschäftigte weitervermitteln kann.

​Der Betriebsratschef macht deutlich, dass die jetzt getroffenen Vereinbarungen „verdammt viel Arbeit“ waren, aber jetzt der Weg frei sei für eine Betriebsvereinbarung und den Interessenausgleich. Es gehe darum, die Abwicklung sozialverträglich über die Bühne zu bringen. Für 25 Mitarbeiter gebe es zusätzlich einen Lichtblick: Sie arbeiten im Entwicklungs- und Prototypenbereich, für den ein potenzieller Investor Interesse angemeldet habe. Die Zustimmung der Kunden stehe allerdings noch aus.​

„Massiv enttäuscht“ ist der stellvertretende Betriebsratschef Thomas Fink – und zwar von der benachbarten Allgaier Process Technology. Wenige Tage vor Weihnachten im Jahr 2023 hatten die Allgaier-Sanierer diese Sparte des insolventen Unternehmens verkauft. Erwerberin war die Stafag International GmbH aus Mülheim an der Ruhr, Dachgesellschaft einer mittelständischen Unternehmensgruppe, zu der auch die Siebtechnik GmbH gehört. Dort laufen die Geschäfte nach dem Neustart sehr gut. Aber: Mitarbeiter von Automotive, die sich dort beworben hätten, seien alle abgelehnt worden, stattdessen seien Externe eingestellt worden, kritisiert Fink. „Wir waren mehr als 100 Jahre ein gemeinsames Unternehmen, viele Leute haben auch dort gearbeitet. Und jetzt vergisst man Automotive.“


Abgeordnete Schweizer: „schwerer Tag für den Wirtschaftsstandort“

​Eine, die sich in den vergangenen Wochen sehr für die Automotive-Mitarbeiter eingesetzt hat, ist die CDU-Landtagsabgeordnete Sarah Schweizer. „Das war eine sehr gute Hilfestellung“, sagt Insolvenzverwalter Pluta. Die Christdemokratin war bei der Betriebsversammlung dabei. „Das war sehr bewegend“, sagt sie, sie habe mit den Tränen gekämpft. Einerseits sei nun eine gute Lösung gefunden, andererseits bedeute dies das Ende des Traditionsbetriebs auch das Ende einer Ära. „Heute ist ein schwerer Tag für Uhingen, für die ganze Region und den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg, aber vor allem für Sie“, sagte Schweizer in der Versammlung. Sie betonte, dass Allgaier nicht irgendeine Firma ist, sondern ein Unternehmen, dass die Firmen- und Industriegeschichte im Filstal geprägt habe. Sie dankte Generationen von Beschäftigten für ihren Einsatz, sicherte Unterstützung zu und machte Mut: „Sie werden gebraucht. Ihre Fähigkeiten, Ihre Erfahrungen werden weiter gebraucht werden.“​

Allgaier-Gesellschaft meldet Insolvenz an​

Zahlungsunfähig
 Die Allgaier Tool & Die Systems GmbH in Uhingen ist insolvent. Das hat das Insolvenzgericht am 18. Februar öffentlich bekannt gemacht. Die Gesellschaft wird vertreten durch den Geschäftsführer Zhuojun Yang, laut Insolvenzgericht ist dessen Aufenthalt unbekannt. Zum Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Steffen Beck aus Stuttgart bestellt. „Die Gesellschaft war und ist bis heute nicht operativ tätig. Wegen Zahlungsunfähigkeit der Gesellschaft hat Rechtsanwalt Fritz Zanker als Insolvenzverwalter der Allgaier Werke GmbH den Insolvenzantrag gestellt“, teilt ein Sprecher des Insolvenzverwalters auf Anfrage mit.

Lösung
Durch diesen Schritt könne der Name „Allgaier“ auch nicht fremdverwendet werden. „Das ist im Interesse der bisherigen Investorenlösungen“, betont der Sprecher. Zhuojun Yang war früher auch Geschäftsführer bei den Allgaier Werken, als das Unternehmen der chinesischen Westron Group gehörte.

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