Alli Neumann „Roquestar“ „Obdachlosigkeit würde ich sofort beenden“

Der Indiepop-Star, der vom Bauernhof kam: Alli Neumann Foto: Tom Blanc

Alli Neumanns Konzert in Stuttgart fällt aus. Vor ihrer Krankmeldung hat die Indiepop-Musikerin mit uns aber noch über 7-Euro-Cappuccinos, ihr cooles Fagott und vieles mehr gesprochen.

Alli Neumann zählt zu den prägenden Stimmen des deutschen Indie-Pop. Wir hatten uns deshalb sehr darauf gefreut, dass sie mit ihrem dritten Album „Roquestar“, das Pop, Indie und Glam-Rock verbindet, an diesem Mittwoch (1. April) nach Stuttgart kommen wollte. Doch am Wochenende hat sie alle Tourtermine abgesagt: „Durch einen unerwarteten medizinischen Notfall infolge einer Verletzung muss ich aktuell unter ärztlicher Beobachtung bleiben und kann nicht auf die Bühne zurück“, schreibt sie auf Instagram. Hier lesen Sie das Interview, das wir kurz zuvor noch mit ihrer geführt haben.

 

Frau Neumann, auf Ihrem aktuellen Album „Roquestar“ geht es viel um Identität und äußere Erwartungen. Wann haben Sie gemerkt, dass genau das ihre zentralen Themen sind?

Ich glaube, irgendwann habe ich durch Social Media gemerkt, wie stark ich ständig bewertet werde und bewerte – und wie sehr das mein Selbstbild beeinflusst. Ich bin damit nicht allein, viele meiner Freunde fühlen sich so. Das hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie sehr mein Blick auf mich selbst eigentlich von gesellschaftlicher Anerkennung abhängt. Ich habe versucht, dafür Lösungen zu finden und Liebe wieder an anderen Orten zu suchen.

In Ihren Songs geht es oft ums Anderssein. Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie sich wirklich als Außenseiterin gefühlt haben?

Ja, einige. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, wir leben auf einem Bauernhof, der eher einem Schrottplatz ähnelt, mit einem Friedhof im Garten. Ich habe früher auch nicht akzentfrei Deutsch gesprochen. Und dann kommt noch dazu, queer zu sein und damit in einem Dorf aufzuwachsen, wo das natürlich nicht allen gefällt. Das waren alles Situationen, in denen ich mich anders gefühlt habe. Heute merke ich aber, dass genau das auch eine Stärke sein kann.

Sie sagen, dass Sie wieder mehr Zeit auf dem Land verbringen möchten. Haben Sie Berlin inzwischen den Rücken gekehrt?

Ich pendle noch. Ich war zuletzt sehr viel in Berlin wegen der Arbeit, aber mein soziales Umfeld – Freunde, Familie und Herz sind auf dem Land. Und dort finde ich auch Ruhe.

Wie entsteht bei Ihnen eigentlich ein Song?

Das ist ganz unterschiedlich. Früher habe ich viel mit der Gitarre angefangen oder Gedichte geschrieben. Beim neuen Album habe ich bewusst auch neue Wege ausprobiert. Ein Song entstand zum Beispiel aus einer Fagott-Bassline heraus.

Ein Fagott hört man selten im Pop.

Ich habe in der Schulzeit viel Fagott gespielt, im Schulorchester. Für ein Studium wurde ich damals allerdings abgelehnt. Später habe ich wieder angefangen, barocke Musik zu hören und Fagott zu spielen, um einen unverkrampften Zugang zur Musik zu finden – ohne meine eigenen Erwartungen. Außerdem hat das Instrument immer etwas Kurioses, es wird manchmal belächelt. Für dieses Album wollte ich Dinge machen, die vielleicht nicht sofort mainstreamtauglich sind, die mir aber gefallen.

Ein Blick in die Politik: Wenn Sie einen gesellschaftlichen Missstand in Deutschland sofort ändern könnten – welcher wäre das?

Ich würde Obdachlosigkeit sofort beenden. Städte und Kommunen sollten verpflichtet sein, Menschen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Es kann nicht sein, dass Menschen auf der Straße leben und um ihr Überleben kämpfen, während andere auf dem Weg zur Arbeit mit einem 7-Euro-Cappuccino an ihnen vorbeilaufen.

Wenn Sie eine Stunde mit einem erzkonservativen Politiker in einem Raum wären – worüber würden Sie streiten?

Über Ausländerfeindlichkeit. Auch konservative Parteien bedienen dieses Thema ja gerade auf eine ekelhafte Art und Weise. Ich würde versuchen zu erklären, dass Deutschland wegen des demografischen Wandels sogar auf Zuwanderung angewiesen ist. Wir brauchen Menschen, die hier leben und arbeiten. Wir sollten Spalier stehen an den Grenzen. Und warum sollte man das Land zu einem menschenfeindlichen gestalten wollen, in dem die ganze Moral, Wirtschaft, Freiheit und der soziale Apparat zusammenbrechen.

Sie haben auch eine besondere Erinnerung an Stuttgart, richtig?

Ja. Ich hatte einmal eine Phase, in der ich total überarbeitet war und mich gefragt habe, warum ich das alles eigentlich mache. Bei einem Konzert in Stuttgart kam danach ein kleines Mädchen zu mir. Sie hatte polnische Wurzeln, hat mit mir auf Polnisch gesprochen und mir einen Brief geschrieben. Den habe ich noch heute. Sie hat mir auch ein Armband mitgebracht – „I Love Polen“ mit Regenbogenfarben und gesagt, dass sie mit ihrer Mutter jetzt immer polnisch sprechen möchte. Ich selbst habe mich als Kind für meine Herkunft geschämt. Solche Begegnungen geben mir wieder Sinn und erinnern mich daran, warum ich das mache.

mWas möchten Sie, dass Menschen in zehn Jahren über Sie sagen?

Im besten Fall habe ich manche Menschen motiviert oder in einem bestimmten Moment begleitet, dabei sich von irgendwelchen Ängsten zu befreien. Oder aber nur ein deutsch-polnisches Mädchen ist stolz auf seine Herkunft. Das ist schon mehr als ich mir jemals erträumt habe.

Alli Neumann: Konzertabsage

Alli Neumann sollte eigentlich am Mittwoch, 1. April, in Stuttgart im Wizemann auftreten. Krankheitsbedingt wurde allerdings kurzfristig die komplette Tour abgesagt. Tickets können an den jeweiligen Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.

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