Allianz MTV Stuttgart Große Sorge um die Attraktivität der Volleyball-Bundesliga

Geschäftsführer Aurel Irion (li.): Bei Allianz MTV Stuttgart läuft es rund – das gilt nicht für alle Bundesliga-Standorte. Foto: Baumann

In der höchsten Frauen-Liga in Deutschland spielen in der nächsten Saison höchstens noch zehn Vereine. Nicht nur Aurel Irion, der Geschäftsführer des Meisters, fürchtet um die Zukunft eines guten Produkts.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Es ist nie ein Fehler, als Funktionär im Sport Weitsicht zu zeigen, Entwicklungen vorausahnen zu können, auf Gefahren hinzuweisen. Aurel Irion hat das getan. Laut und deutlich. „Die Bundesliga muss wieder stärker werden“, erklärte der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart gegenüber unserer Zeitung. Das war im Dezember 2017, und es war mutig: weil Irion sich aufgrund dieser Aussage nicht nur viel Kritik anhören musste, sondern sogar – nachdem die Stuttgarter Volleyballerinnen ein paar Tage später völlig überraschend das Pokal-Halbfinale gegen den VC Wiesbaden 1:3 verloren hatten – ein bisschen Spott.

 

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen, Allianz MTV Stuttgart hat zwei Meisterschaften gewonnen. Und trotzdem ist Aurel Irion nicht rundum zufrieden. Denn seine Sorge um die Attraktivität der Liga ist größer denn je. Mit einem Unterschied: Diesmal steht der Visionär mit seinen Befürchtungen nicht mehr alleine da. Aus gutem Grund.

Auch der VC Neuwied muss kämpfen

Mitten in der Bundesliga-Hauptrunde, die am Wochenende zu Ende ging, hat Nawaro Straubing Insolvenz angemeldet. Und seit ein paar Tagen ist klar, dass Schwarz-Weiß Erfurt ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen einen Neuanfang in der neuen Zweiten Bundesliga Pro starten wird. Da es auch diesmal keinen Aufsteiger geben wird, bleiben im Oberhaus nächste Saison nur zehn Teams übrig – wenn überhaupt. „Niemand weiß, was bis Anfang Mai passiert“, sagt Julia Retzlaff, die Geschäftsführerin Sport der Volleyball-Bundesliga (VBL), „es ist ja kein Geheimnis, dass auch der VC Neuwied kämpfen muss.“ Kein Wunder also, dass Irion Klartext spricht.

„Eigentlich haben wir ein tolles Produkt. Der Sport ist absolut sehenswert, die Fans strömen in die Hallen, es gibt einen TV-Vertrag und Clubs mit internationalen Erfolgen“, sagt der Geschäftsführer des Meisters, „doch die jüngste Entwicklung ist frustrierend und beängstigend zugleich. So können wir nicht weitermachen.“

Nur mit Ehrenamtlichen geht es nicht

Noch gibt es einige Vereine, bei denen es rund läuft, vorneweg das Trio an der Bundesliga-Spitze: Allianz MTV Stuttgart, SSC Schwerin und SC Potsdam. Doch schon der Dresdner SC, der jahrelang das Niveau bestimmte, tut sich derzeit schwer. Zuletzt erklärte Trainer Alexander Waibl den sportlichen Rückschritt damit, dass das aktuelle Budget für Spielerinnen nicht höher sei als der Betrag, den er 2014 zur Verfügung hatte. „Der Dresdner SC war das Nonplusultra im deutschen Volleyball“, sagt Aurel Irion, „wenn nun sogar dieser Club Probleme hat, ist das ein Alarmsignal für die Liga.“ Zumal schnelle Verbesserungen nicht in Sicht sind.

Die Etats aller Bundesligisten sind, wie im Sport üblich, auf Kante genäht. Dazu kommen mancherorts aber auch strukturelle Schwierigkeiten. „Nicht überall gibt es wie bei uns Gesellschafter aus der Wirtschaft, die eine entsprechende Expertise einbringen und auch mal die Möglichkeit haben, das Volumen zu erhöhen“, sagt Aurel Irion. Was Michael Evers, der Manager des SSC Schwerin, ähnlich sieht: „Es gibt Vereine, da fließt zu viel Geld in die Mannschaften, es wird zu wenig ins Umfeld investiert. Doch man kann einen Bundesliga-Verein nicht ehrenamtlich organisieren.“ Auch, weil viel verlangt wird.

Nur drei sportliche Aufsteiger

Im Masterplan der VBL, den die Vereine zu erfüllen haben, geht es um die Größe der Arenen (Tribünen auf allen vier Seiten), den Boden, die LED-Bande, das Produzieren von TV-Bildern, hauptamtliche Stellen. Alle sind sich einig, dass diese Punkte wichtig sind, um ein hohes Niveau zu garantieren. Es ist aber offensichtlich, dass diese Bedingungen auch abschrecken. In den vergangenen zwölf Jahren gab es nur drei (!) sportliche Aufstiege – ausgerechnet von Nawaro Straubing und SW Erfurt, die sich nun aus wirtschaftlichen Gründen wieder zurückziehen. Weshalb darüber nachgedacht wird, die Anforderungen des Masterplans zurückzuschrauben, um einigen Clubs aus der zweiten Liga Pro, die dafür wohl einen Etat zwischen 600 000 und 700 000 Euro benötigen würden, möglichst rasch den Sprung nach oben zu ermöglichen. „Es gibt drei, vier Vereine, die Ambitionen haben“, meint Aurel Irion. Julia Retzlaff warnt allerdings davor, sich zu große Hoffnungen zu machen: „Wir glauben, dass der neue Unterbau funktioniert. Aber wir brauchen, obwohl sich die Situation in der Bundesliga zugespitzt hat, sicher etwas Geduld.“ Und einen anderen Modus.

Künftig mit einer Zwischenrunde

Klar ist, dass nur noch neun Bundesliga-Heimspiele aus Sicht der Vereine und ihrer Sponsoren, Fans und Medienpartner inakzeptabel wären. Vieles deutet darauf hin, dass deshalb ähnlich wie bei den Männern (bei denen es derzeit nur noch acht konkurrenzfähige Teams gibt) künftig auf die Haupt- noch eine Zwischenrunde folgt – eine für die ersten fünf und eine für die zweiten fünf Vereine. Erst danach ginge es in die Play-offs. Übersichtlich wäre das nicht, aber womöglich sehenswert? „Wir hätten vier Spiele mehr gegen die Topteams, das könnte interessant sein“, sagt Aurel Irion. Und Michael Evers meint: „Eine Zwischenrunde einzuführen ist auf den ersten Blick die beste Lösung. Allerdings ist es sicher nicht hilfreich, wenn Stuttgart und Schwerin achtmal pro Saison aufeinandertreffen. Am besten wäre es, irgendwann mit einer 14er- oder 16er-Liga zu spielen.“

Davon ist der Frauen-Volleyball in Deutschland derzeit jedoch weit entfernt. „Wir bieten immer noch begeisternden Sport“, sagt Irion, „aber leider nicht mehr an genügend Standorten.“ Was mancher Visionär schon vor fünf Jahren befürchtet hat.

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