Kim Renkema vor den Fans von Allianz MTV Stuttgart. Foto: Baumann
Weil die Sportdirektorin den Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart am Ende der Saison verlassen wird, kommt es rund um den 3:0-Sieg gegen den SC Potsdam zu Protest- und Sympathiebekundungen. Für die Verantwortlichen bleibt viel aufzuarbeiten.
Jochen Klingovsky
06.01.2025 - 14:57 Uhr
Während der Ballwechsel war alles wie immer. Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart kämpften um jeden Punkt, schmetterten und blockten, präsentierten sich als starke Einheit. Und wurden von ihren Fans in der ausverkauften Halle lautstark angefeuert, mit Klatschpappen, Gesängen und Trommeln zu einer beeindruckenden Leistung und einem 3:0 (25:23, 25:19, 25:14)-Sieg gegen den SC Potsdam getrieben. Doch es gab an diesem Abend auch Momente, wie sie die Scharrena noch nie erlebt hat: Momente des Protests.
Wer ein bisschen die Ohren spitzte, für den war unüberhörbar, dass vor dem ersten Aufschlag nur ein Thema diskutiert wurde – die Trennung von Kim Renkema. Die Sportdirektorin wird den Triple-Sieger am Ende der Saison verlassen, weil ihr in den Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung lediglich ein Ein-Jahres-Kontrakt angeboten worden ist und sie die Wertschätzung ihrer Arbeit vermisst. Dieses Vorgehen der Gesellschafter führte erst zu deutlicher Kritik in den sozialen Medien und nun auch auf den Tribünen. „Das Entsetzen bei uns ist groß“, sagte Frank Voss, der den Supporters und weiteren Fanorganisationen angehört, „in den WhatsApp-Gruppen ist es richtig abgegangen, was kein Wunder war. Kim Renkema stand als Spielerin und Sportdirektorin für den Erfolg. Sie ist das Gesicht des Vereins.“
„Ein enormer Verlust“
Deutliche Worte wählte auch Volkmar Eidloth, dessen Fangruppierung diesmal aus Protest das große Blockbanner, das sonst vor jedem Spiel über die Tribüne gezogen wird, nicht hervorholte. „Was hier passiert ist, kann doch nicht wahr sein. Vom Menschlichen her ist es empörend, wie mit jemandem umgegangen wird, der solche Verdienste um den Verein hat“, meinte Volkmar Eidloth, der schon MTV-Anhänger war, als der Club noch in der Vaihinger Hegelhalle spielte und ein altes Renkema-Trikot angezogen hatte, „sportlich ist die Trennung von dieser herausragenden Sportdirektorin verantwortungslos. Und nun soll Kim Renkema auch noch den Kader für nächste Saison planen? Das ist eine Demütigung für jemanden, deren Name untrennbar mit den Erfolgen dieses Vereins verbunden ist.“
Die Fans stehen hinter Sportdirektorin Kim Renkema. Foto: Baumann
Nach dem mit 25:23 gewonnenen ersten Satz entrollten die Supporters hinter der Bande, hinter der Sportchefin Renkema bei den Spielen sitzt, ein Banner mit der Aufschrift „Danke Kim für eine gemeinsame erfolgreiche Zeit“. Etliche Zuschauer erhoben sich und klatschten lange Beifall. „Sie bedeutet uns sehr viel“, sagte Chedly Seefeld-Sahraoui, „dass sie geht, ist ein enorm großer Verlust – sportlich und persönlich.“
Kim Renkema spricht über ihren größten Schmerz
Im Anschluss an den 3:0-Erfolg folgten die letzten Sympathiebekundungen. Fans hielten Schilder in die Höhe, zu lesen stand darauf zum Beispiel „Besser KIMts nemme“, „AMTVS = KIM“ oder „Kim forever“, aber auch: „Selbst Uli Hoeneß hätte das nicht gemacht – Respekt und Wertschätzung geht anders“.
Kim Renkema, die diesmal keine offizielle Teamkleidung trug, war sichtlich berührt von den Plakaten. „Diese Aktionen freuen mich selbstverständlich“, sagte sie, „zugleich verdeutlichen sie, was mein größter Schmerz ist – dass ich diese Fans verlassen muss.“ Weil die Proteste, das betonte Kim Renkema, nichts bringen werden: „Die Chance, in der Zukunft gemeinsam weiterzuarbeiten, war da. Das wollten einige Verantwortliche nicht, damit muss ich leben.“
Die These, dass es kein Zurück mehr gibt, hatte auch Aurel Irion zuletzt im Interview mit unserer Zeitung geäußert. Nach dem Spiel gegen den SC Potsdam meinte der Geschäftsführer des Triple-Siegers zu den Sympathiebekundungen für seine Sportdirektorin: „Das war angesichts der schwierigen Situation alles sehr respektvoll, angemessen und völlig okay.“ Und trotzdem werden die Diskussionen weitergehen.
Warum sind die Verhandlungen gescheitert?
Schließlich muss Geschäftsführer Aurel Irion nicht nur die Frage klären, wer auf Kim Renkema folgt, sondern zudem, wer denn mit Blick auf die nächste Saison für die Planung des Kaders verantwortlich sein wird. Und auch hinter den Kulissen gibt es offene Themen.
Nach Informationen unserer Zeitung waren die drei Gesellschafter Rainer Scharr (Scharr KG, zugleich Hauptsponsor), Frank Fischer (Webix Solutions) und Nico Helwerth (Präsident MTV Stuttgart) vor Weihnachten ohne ein im Detail abgestimmtes Konzept in die Verhandlung mit Kim Renkema gestartet, in der Rainer Scharr der Sportdirektorin dann einen Ein-Jahres-Kontrakt offerierte. „Wir sind alle mit dem Ziel ins Gespräch gegangen, eine Verlängerung des Vertrages von Kim Renkema zu erreichen“, sagte Frank Fischer am Samstagabend, „eine der zentralen Fragen, die wir beantworten müssen, wird sein, warum wir das nicht geschafft haben? Denn die Situation, die nun eingetreten ist, wollte niemand haben. Sie ist weder für den Verein noch für Kim Renkema gut.“
Und sie führt zu Reaktionen, die bisher in der Scharrena undenkbar waren.