Allmersbach im Tal „Who the f*** is Harro?“ – Wie Höfliger einst Pfizer überzeugte
Von Kartonagen über Schnecken zur Zelltherapie: Die unglaubliche Geschichte einer Firma, die in einer Garage begann – und heute globale Pharmakonzerne beliefert.
Von Kartonagen über Schnecken zur Zelltherapie: Die unglaubliche Geschichte einer Firma, die in einer Garage begann – und heute globale Pharmakonzerne beliefert.
Manchmal beginnt Zukunft in einer Garage. Nicht im Silicon Valley, sondern in Untertürkheim. Zwischen öligen Werkbänken, gebrauchten Kartoniermaschinen und der unbeirrbaren Idee von Harro Höfliger, dass Maschinen mehr können müssen als nur laufen. Dort, wo 1975 ein Mann mit einem Schraubenschlüssel und einer überholten Kartoniermaschine etwas anpackte, das größer wurde, als er selbst je dachte.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist aus der Garagenfirma Harro Höfliger ein globaler Vorreiter im Pharmamaschinenbau geworden – mit Firmensitz in Allmersbach im Tal (Rems-Murr-Kreis), rund 2300 Mitarbeitenden und einem Ziel: Möglich machen, was noch niemand kann.
Die ersten Maschinen, die Harro Höfliger in den 70er und 80er Jahren baut, sind so kurios wie kreativ: ein Bremsschlauchprüfgerät für Opel, eine Gießmaschine für Lippenstifte, eine Sortieranlage für französische Weinbergschnecken. Und dann war da die Sache mit der Tütensuppe. Der Markt roch nach Wandel: Fertigprodukte eroberten die Supermarktregale, Minutensuppen, Instantpüree und Ein-Portionen-Snacks lagen im Trend. Harro Höfliger erkannte die Lücke – und füllte sie mit einer Innovation, die der Firma den ersten echten Industrie-Boost bescherte: die Vierrand-Siegelbeutelmaschine. Sie verpackte nicht nur Pulver für heiße Brühen – sie machte auch heiß begehrte Umsätze.
Es ist ein Jahrzehnt der wilden Ideen und schnellen Schritte. Die Firma wächst, der erste Anbau in Allmersbach folgt, das Wohnzimmer wird zum Büro, und Ehefrau Marianne bringt kaufmännischen Verstand in die Tüftlerbude. Konstrukteur Manfred Reiser steuert das technische Genie bei. Gemeinsam bauen sie nicht nur Maschinen, sondern eine Haltung: Wer Dinge möglich machen will, muss sie zuerst denken dürfen.
Was diese Zeit prägte, war mehr als Maschinentechnik: Es war ein unternehmerischer Mut, der keine Grenzen kannte – und ein Tüftlergeist, der sich nicht scherte, ob etwas „branchenüblich“ war. Alles war erlaubt, solange es funktionierte. Oder eben: solange man es zum Funktionieren bringen konnte.
Doch die Spielwiese schrumpft. Ende der 80er wird der Lebensmittelmarkt eng, die D-Mark stark, italienische Konkurrenz billig. Höfliger zieht die Notbremse – und einen Schlussstrich unter das „Alles für alle“-Prinzip. Die neue Richtung: Pharma. Ein Markt, der nicht nach Stückzahlen fragt, sondern nach Präzision. Wo Fehler nicht nur teuer, sondern tödlich sein können. Ein Markt, der genau das sucht, was Höfliger kann: maßgeschneiderte Lösungen, kompromisslose Qualität – und Mut zur Lücke. Wo nicht nur Verpackungsmaschinen, sondern ganze Herstellungsprozesse gefragt sind.
Doch der Start ist hart. Als Thomas Weller 1994 zum Unternehmen stößt und mit dem Gründer bei Pfizer vorstellig wird, schlägt ihnen nur ein Schulterzucken entgegen: „Who the fuck is Harro?“ – wer bitte ist Harro Höfliger? Man legte dem Duo damals nahe, doch in frühestens zehn Jahren noch einmal vorzusprechen – wenn es das Unternehmen dann noch gebe.
So lange wartete Harro Höfliger nicht. Bereits zwei Jahre später erhielt er den ersten Auftrag. Pfizer fand niemanden, der eine Insulin-Inhalierpumpe bauen konnte. Höfliger nahm sich der Sache an und setzte sie um.
Pfizer, Roche, Eli Lilly, Johnson & Johnson: Heute zählen die Großen zu den Kunden. Maschinen aus dem Rems-Murr-Kreis montieren Inhalatoren, portionieren Medikamente, füllen Kapseln ab – und das mit Toleranzen im Mikrometerbereich. Weil Höfliger es hinbekommt. Oder, wie Markus Höfliger, der Sohn des Firmengründers und heutige Chef sagt: „Wir sind nicht billig, aber die einzigen, die es können.“
Doch Maschinenbau endet bei Harro Höfliger nicht an der Werkbank. Längst geht es um Prozesse, Plattformen, klinische Integration. Der neueste Zukunftsmarkt: Zelltherapie. Eine Form personalisierter Medizin, bei der jeder Patient eine individuelle Behandlung erhält – nicht mehr eine Behandlung für alle, sondern eine gezielt entwickelte Injektion für den Einzelnen.
Die Technik dahinter ist hochkomplex. Und genau deshalb reizvoll. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut arbeitet das Unternehmen an Produktionsanlagen, die alles können: Stammzellen kultivieren, genetisch verändern, verpacken, dosieren. Nicht mehr tausend Stück pro Minute, sondern fünfzig Zelllinien pro Schicht – individuell, steril, präzise.
Für Geschäftsführer Thomas Weller ist klar: „Diese Technologie wird die Krebstherapie revolutionieren.“ Und er will nicht zuschauen, wenn es passiert – sondern vorne dabei sein.
Mit der wachsenden Relevanz wächst auch das Unternehmen. Rund 120 neue Stellen sind allein 2025 geplant. Zehn Neueinstellungen pro Woche sind inzwischen Alltag. Fachkräfte aus der Automobilbranche finden hier Zukunft statt Stillstand. Und trotz Globalisierung, neuer Standorte in Ungarn, Indien oder den USA: Der „Harro-Spirit“ bleibt.
Keine Angst vor Fehlern, flache Hierarchien, Lust auf Innovation – das sind keine Anekdoten, sondern gelebte Unternehmenskultur. Selbst wenn heute nicht mehr jeder Azubi weiß, wer Harro Höfliger war, lebt sein Prinzip weiter: Das scheinbar Unmögliche denken – und dann machen.
Das zeigt auch die selbstironische Kampagne „Harro Who?“. Sie greift den legendären Pfizer-Satz auf – und macht daraus ein Markenzeichen. Plakate, Stadtbahn-Beklebungen, eine eigene Webseite: Die Aktion sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit, sondern für Bewerbungen. Und für das, was in Zeiten des Fachkräftemangels unbezahlbar ist: Neugier.
Denn wer wissen will, wie Zukunft geht, muss nicht ins Silicon Valley schauen. Sondern nach Allmersbach im Tal.
Was Harro Höfliger ausmacht, ist nicht allein technische Finesse. Es ist ein Ethos: Maschinen nicht als Zweck, sondern als Mittel zu begreifen. Wer heute eine Maschine bei Höfliger bestellt, bekommt keine Seriennummer, sondern eine Lösung. Und oft auch eine Geschichte, wie sie nur dort entstehen kann, wo Technik und Mensch noch zusammenspielen dürfen.
Die Garage in Untertürkheim steht längst nicht mehr. Doch sie wirkt weiter – in jeder Injektionsnadel, die aus einer Höfliger-Anlage kommt. In jedem Labor, das auf Maschinen „Made in Allmersbach“ vertraut. Und in jedem Mitarbeitenden, der hier nicht nur arbeitet, sondern Teil eines Aufbruchs ist.
Oder, wie Markus Höfliger es sagt: „Stillstand hat niemand von uns gelernt.“