Glauben und Alltag Wie lebt ein buddhistischer Mönch in Stuttgart?

An Feiertagen biegt sich der Esstisch vor lauter köstlichen Gerichten. Dann speist der buddhistische Mönch Phra Worawut Komutphong wie ein König. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Beste aus StZ-Plus 2018: Der buddhistische Mönch Phra Worawut lebt von Almosen. Sein Tempel, eine Vier-Zimmer-Wohnung im Hochparterre, ist Anlaufstelle und Heimat für viele thailändische Frauen.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Stuttgart - Zwei Männer schreiten auf Wollsocken über den Bürgersteig der Lerchenstraße im Stuttgarter Westen. Ihre Köpfe sind kahl rasiert, ihre Körper eingehüllt in orangefarbene Gewänder. Sie gehen mit einer Schüssel an einer Gruppe von thailändischen Frauen entlang, die sich vor einer Häuserwand aufgereiht haben und ihnen mit gesenktem Blick Almosen überreichen: Milchtüten, Eisbergsalat, Tempotaschentücher, Blumen, Bananen, Seife und was man sonst noch zum Leben braucht.

 

Die beiden Männer sind angewiesen auf ihre Gaben. Als Mönche, die dem in Südostasien verbreiteten Theravada-Buddhismus angehören, dürfen sie nicht mehr besitzen als ihre Robe, eine Almosenschüssel und einen Regenschirm. In Thailand oder Laos sieht man sie jeden Morgen auf ihrem Almosengang durch die Nachbarschaft. Im Stuttgarter Westen sind Verteilungsrituale dieser Form eher unüblich. „Wie lang soll das jetzt noch gehen?“, fragt ein Paketbote, der sich einen Weg durch die Frauengruppe zur Haustür bahnen will.

Der Paketbote kennt die Mönche gut. Wann immer in der Lerchenstraße Nummer 79 ein Empfänger nicht zu Hause ist, klingelt er bei „Wat Sangkhavihara“. Das ist thailändisch und heißt so viel wie Tempel der großen Gemeinschaft. Immer ist jemand da, immer werden die verpackten Konsumwünsche der Nachbarn freundlich entgegengenommen. Der Almosengang draußen an der Häuserwand ist dem Paketboten allerdings fremd. Im Wat Sangkhavihara besinnt man sich dieser Tradition nur an buddhistischen Feiertagen, so wie am heutigen Pavarana-Tag, einem Tag der Selbstreflexion. Gewöhnlich kommen die Frauen zu den Mönchen ins Haus, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Ein Mönch in orangefarbener Robe, der akzentfrei Deutsch spricht

Nur wenige Nachbarn wissen von der Existenz des Stuttgarter Wats. Von außen weist nichts auf das heilige Innere im Hochparterre des Altbaus hin. Die Topfpflanzen am Fenster, über denen bestickte Kurzgardinen mit Spitze hängen, könnten auch einem Witwer gehören. Phra Worawut Komutphong, der stämmigere der beiden Mönche, hat sie mit viel Liebe herangezüchtet. „Die Wurzeln dieser Pflanzen liegen unter Wasser, aber ihre Blüten ragen heraus. Sie haben einen freien Blick“, so beschreibt er ihre Besonderheit. Einen freien Blick wünsche er auch den Menschen. „Es gibt in diesen Zeiten leider viele, die sich unter Wasser befinden. Ihre Sinne sind stumpf, ihr Geist ist verdunkelt.“

Der 31 Jahre alte Mönch kümmert sich nicht nur um die zahlreichen Pflanzen im Tempel. Er ist in gewisser Weise der Hausherr, während der zweite Mönch, Phramaha Sarawut Jakthong, jedes Jahr nur für ein paar Monate zu Besuch da ist. Phra Worawut spricht akzentfrei Deutsch. Damit hat der gebürtige Thailänder den einen oder anderen Passanten schon doppelt verschreckt, zunächst mit seinem Anblick („Jetzt schau dir den mal an. Wo gehört der bloß hin?“) und dann mit seiner Antwort („Schönen guten Tag, ich bin Deutscher, ich wohne hier“).

Als Anfang der neunziger Jahre seine damals geschiedene Mutter aus wirtschaftlichen Gründen mit ihm nach Deutschland zog, war er fünf Jahre alt. Sie wohnten im idyllischen Winterbach im Remstal. Dort besuchte er die Grundschule, ging in den Handballverein, zog mit seinen Freunden um die Häuser. Er genoss eine „behütete Kindheit“, wie er erzählt, ohne Anfeindungen, ohne finanzielle Not, ähnlich wie Siddhartha Gautama vor zweieinhalbtausend Jahren. Im Gegensatz zu dem indischen Prinzen und Begründer des Buddhismus bekam er allerdings schon als Jugendlicher mit, welch Unheil ein berauschter oder verblendeter Geist anrichten kann. Seine Mutter führte in Stuttgart ein Karaoke-Restaurant, wo er häufig jobbte und dabei streitende Paare, Betrunkene und andere gescheiterte Existenzen beobachten konnte. „Das gab mir ziemlich zu denken“, erinnert er sich.

Als er sich nach dem Abitur für eine Ausbildung entscheiden musste, kamen ihm die Erzählungen seiner Oma über Buddhas Suche nach Erkenntnis in den Sinn, denen er in der Kindheit gelauscht hatte. So entschied er sich, wie viele Schulabgänger in Thailand, erst einmal eine Weile im Kloster zu verbringen, um den Kopf zu sortieren. Nach mehreren Monaten der Kontemplation in einem Tempel im Nordosten Thailands wusste er, wie er leben wollte: als Mönch – in Deutschland.

Die Wohnungsmiete hängt an einem vergoldeten Bäumchen

Damals, vor neun Jahren, hatte die Berliner Gemeinschaft „Buddha Vihara“ gerade ihre erste Dependance in Stuttgart eröffnet: eine Vier-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Westen, möbliert mit Ikea, Vitrinen und Kommoden der Sorte Eiche rustikal und anderen optisch nicht aufeinander abgestimmten Spenden. Als Gebetsraum dient das Wohnzimmer, wo Buddha seinen Platz am Fenster hat, in einem Meer aus Blumen. Dort ist er in allen erdenklichen Posen vertreten: liegend, sitzend, stehend, mal mit Bauch, mal hager. Vor ihm sind Lebensmittel drapiert, eine Schale Reis, Obst, eine Keule Serranoschinken. An einem vergoldeten Bäumchen hängen Euroscheine – ebenfalls Spenden, mit denen die Miete und andere Unkosten bestritten werden.

Zu Buddhas Linken dürfen sich die Ordinierten auf thronähnlichen Sitzen niederlassen. Die Mitglieder der Gemeinschaft, ohne Ausnahme Frauen aus Thailand, knien vor ihnen auf dem Teppich. Ihre deutschen Ehemänner nehmen auf einer Stuhlreihe am anderen Ende des Zimmers Platz.

Einige Frauen kommen zwei-, manche dreimal die Woche zu den Mönchen. Sie bringen nicht nur Lebensmittel ins Haus, sie kochen, putzen, waschen auch für sie, so wie das in ihrer Heimat üblich ist. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo die Klöster am Aussterben sind, gehören in Thailand Mönche zum Straßenbild. Die Männer in Roben verkörpern nicht nur die Lehre Buddhas, sie dienen auch dazu, dass die Anhänger „ihr Herz reinigen können“, wie Phra Worawut erklärt. „Wir sind wie eine Bank: Die Menschen zahlen ein, indem sie uns Almosen geben. Das wiederum wirkt sich positiv auf ihr Seelenheil aus.“ Ein Akt, der nichts mit übernatürlichen Kräften zu tun hat, sondern mit Psychologie: Wer etwas hergibt mit der richtigen Intention, so sagen die Buddhisten, der befreit sich spürbar von Habgier und Anhaftung – wesentliche Ursachen menschlichen Leids.

Er sollte keine Frauen berühren

Das heißt nicht, dass ein Mönch wie Phra Worawut keine Verpflichtungen hat. Neben der täglichen Ehrerweisung – vergleichbar mit dem Gottesdienst im Christentum, wobei Buddha sich nicht als Gottheit sah – hat er auch Termine außer Haus, für die er bis ins tiefste Bayern fährt. Vor allem Massage-Studios, eine beliebte Gründungsidee unter thailändischen Frauen, laden ihn zur Einweihung ein. Sein Besuch soll ihnen Glück bringen.

Aber nicht alles, was zu einem Mönchsleben in Thailand gehört, kann Phra Worawut in Stuttgart aufrechterhalten. Wenn sich in der S-Bahn eine Frau anschickt, neben ihm Platz zu nehmen, bleibt er sitzen, obwohl er eigentlich keine Frauen berühren sollte. „Um sie nicht zu irritieren“, sagt er. Der Buddhismus erlaube Ausnahmen wie diese. „Wir dürfen pragmatisch denken.“ Etwas überrumpelt war er, als ihm neulich in der Stadt eine Frau aus der Gemeinde begegnete, die sich sofort mit betenden Händen vor ihm niederkniete. „Das brauchst du doch nicht zu machen“, habe er zu ihr gesagt und ihr aufhelfen wollen. Doch sie habe sich nicht beirren lassen.

Manchmal macht den jungen Mönch die ganze Verehrung ein wenig verlegen. „Auch ich bin ja vor Fehltritten nicht gefeit“, sagt er und erzählt beschämt, wie er vor zwei Tagen Gäste aus dem Ausland in die Stadt begleitet hat, um für sie nach Souvenirs Ausschau zu halten, und sich dann selbst etwas gekauft hat: eine Tasse. Eigentlich trainiere er hin und wieder beim Breuninger oder auf der Königstraße, Versuchungen dieser Art zu widerstehen. „Ich gehe da bewusst hin, um Gefühle des Begehrens zu spüren und den inneren Dialog, den sie auslösen, zu ergründen“, sagt er. Auf diese Weise wisse er besser, wovon er spricht, wenn Frauen aus der Gemeinschaft mit ihm über unerfüllte Wünsche sprechen wollen.

Sie kommen aber auch mit anderen Problemen zu ihm. Vor allem frisch verheiratete Paare suchen seinen Rat, etwa wenn sie nicht versteht, warum er in der Öffentlichkeit Händchen halten will, oder er beklagt, warum sie ständig die Mönche besucht. Dann ist Phra Worawut Brückenbauer in zweifacher Hinsicht: zwischen Mensch und Buddha und zwischen Deutschen und Thailändern.

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