Alltag mit Autismus „Hat uns die Füße weggerissen“ – Diagnose trifft Familie aus Marbach zweimal

Nicole Dries und ihr Mann Stephan gehen mit ihren Töchtern Leonie und Isabel nun gerne auf den Spielplatz. Foto: Werner Kuhnle

Nicole Dries aus Marbach (Kreis Ludwigsburg) hat gleich zwei Töchter mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Um damit besser umgehen zu können, hat sie ein Herzensprojekt verwirklicht.

Ludwigsburg: Anne Rheingans (afu)

Wenn Nicole Dries früher mit ihren beiden Töchtern auf dem Spielplatz war, war ihr fast immer zum Weinen zumute. Hinter vorgehaltener Hand wurde über ihre Kinder, die auf Außenstehende oft seltsam wirken, getuschelt. Inzwischen geht die Marbacherin in die Offensive. Sie hat im Kreis Ludwigsburg die erste Selbsthilfegruppe für Eltern autistischer Kinder gegründet.

 

Die 42-Jährige und ihr Mann sind in einer seltenen Lage: Sowohl bei ihrer älteren Tochter Leonie als auch bei deren jüngerer Schwester Isabel wurde frühkindlicher Autismus, eine angeborene Entwicklungsstörung des Gehirns, diagnostiziert. Meistens ist diese Behinderung genetisch bedingt. Im Fall der Familie Dries war es schlichtweg eine Laune der Natur. „In unserem Umfeld war vorher niemand betroffen“, sagt die Mutter.

Leben der Familie wird plötzlich auf den Kopf gestellt

Dass ihre heute siebenjährige Tochter anders als die meisten Kinder ist, hat Nicole Dries eineinhalb Jahre nach der Geburt festgestellt. Leonie zeigte kein Interesse an anderen Kindern, sprach nicht und konnte keinen Blickkontakt herstellen. Das fiel auch dem Kinderarzt auf, der den Verdacht äußerte, das Mädchen könnte hochgradig autistisch sein. Mit der Diagnose hat sich für die Familie aus Marbach alles geändert. „Das hat unser Leben auf den Kopf gestellt“, sagt Dries.

Nur etwa eineinhalb Jahre später zeigten sich auch bei Isabel Auffälligkeiten. Als sich dieser Verdacht ebenfalls bestätigte, war die Familie erneut mit der Diagnose konfrontiert. „Das hat uns komplett die Füße weggerissen“, erinnert sich die Mutter.

Kinder werden zunehmend ausgegrenzt

Die Behinderung ihrer Kinder hat die Familie „unfreiwillig entsozialisiert“, erklärt die 42-Jährige. Nicole Dries musste sich von ihrem Job in der Verwaltung beurlauben lassen. Freunde meldeten sich nur noch selten. „Wir wurden immer mehr ausgegrenzt“, sagt sie. Aufgrund von Vorbehalten, Unsicherheit und Unwissen wandten sich Bekannte von der Familie ab. „Viele haben keine Ahnung, was Autismus ist“, erklärt sie. Ihr fiel es schwer, neue Kontakte zu knüpfen, weil viele Freizeitangebote auf Kinder ohne Behinderungen ausgelegt sind.

Für ihre Töchter ist ein strukturierter Tagesablauf wichtig. Drei Anläufe benötigte es, um für Leonie einen geeigneten Kindergarten zu finden. Die Siebenjährige, die schnell von äußeren Reizen überfordert ist, geht inzwischen mit Freude auf eine Schule für Kinder mit geistigen Behinderungen. „Dass es so prima klappt, nimmt uns eine riesige Last“, sagt Nicole Dries.

Seit Tochter Isabel den Schulkindergarten besucht, hat die Mutter manchmal Zeit zum Durchatmen. Dennoch: „Jeder Tag ist eine Herausforderung“, sagt sie. Die größte Belastung seien allerdings nicht die Kinder selbst. „Es ist der Kampf mit Ämtern, Behörden und Kassen“, betont die Marbacherin. Kostenübernahmen, die Suche nach Therapieplätzen und andere organisatorische Angelegenheiten nehmen viel Zeit und Energie in Anspruch.

Eine Autismus-Störung kann zur Ausgrenzung von Kindern führen. Foto: dpa

Was Nicole Dries obendrein belastet, ist das Unverständnis anderer. Schon mehrfach hat sie Vorurteile und unnötige Ratschläge zu hören bekommen. „Wenn man den Vorwurf erhält, man habe sein Kind nicht richtig erzogen, ist das sehr verletzend“, sagt sie.

Um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, hat die Marbacherin eine Selbsthilfegruppe für Familien von Kindern mit Autismus ins Leben gerufen, die erste und bisher einzige im Landkreis Ludwigsburg. Ein Herzensprojekt, das sie erfüllt. Seit August 2025 leitet sie ehrenamtlich die Treffen an jedem zweiten Freitag im Monat. „Ich wollte Leute zum Reden haben, die mich verstehen, ohne dass ich mich erklären muss“, sagt sie. Es tue ihr gut zu hören, dass sie mit ihrer Situation nicht allein ist.

Zweite Gruppe für Eltern behinderter Kinder gegründet

Die Treffen sollen nicht nur psychische, sondern auch praktische Unterstützung bieten, zum Beispiel beim Beantragen von Pflegegeld. „Für mich ist es schön zu erleben, dass ich anderen Eltern helfen konnte“, betont Dries. Mit 16 Teilnehmern ist die Kapazitätsgrenze allmählich erreicht. Deshalb steht im Raum, ob es künftig sogar zwei Gruppen geben wird. Das nächste Treffen ist am Freitag, 13. März, 19 Uhr, im Elternforum Marbach in der Marktstraße 6.

Auf vielfache Nachfrage hat Nicole Dries vor wenigen Monaten eine weitere Selbsthilfegruppe gegründet: für Familien von Kindern mit Behinderung. Auch sie ist in ihrer Art einzigartig im Landkreis und füllt eine seit Langem bestehende Lücke. Auch diese Treffen finden im Elternforum statt, das nächste Mal am 27. März, 19 Uhr. Weitere Infos zu beiden Gruppen gibt es bei Nicole Dries unter Telefon 0179/5237642 oder per E-Mail an shg-autismus@elternforum-marbach.de.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Marbach am Neckar Autismus Kinder