Almklausi und seine Frau Maritta Von Mössingen ins Reality-TV
Klaus Krehl-Meier wollte Bäcker werden. Stattdessen wurde er Almklausi. Mit Ehefrau Maritta gehört er zum Stammpersonal im Reality-TV. Wie konnte es dazu kommen?
Klaus Krehl-Meier wollte Bäcker werden. Stattdessen wurde er Almklausi. Mit Ehefrau Maritta gehört er zum Stammpersonal im Reality-TV. Wie konnte es dazu kommen?
Mössingen - An einem Tag im Sommer scheitert Maritta Krehl an Wasabi in saurer Sahne. Das Mahl ist Teil eines Spiels. Werden Fragen falsch beantwortet, muss gefuttert werden. Wird nicht gefuttert, ist das Spiel verloren. Maritta hatte Picasso statt Leonardo da Vinci für den Schöpfer der Mona Lisa gehalten. Ihr Ehemann Klaus Krehl-Meier wusste es auch nicht besser. Jetzt bittet und bettelt er, aber die Wasabi-Schlonze bekommt seine Frau nicht hinunter. „Vergiss es, sorry, geht nicht, das ist zu scharf“, klagt Maritta. Aus die Maus. Chance vertan auf Runde zwei und Zwiebelschmalz in Vanillesoße.
Das Wasabi-Fiasko trug sich im „Sommerhaus der Stars“ zu, ein Format des sogenannten Reality-TV. RTL nennt die Sendung „Kampf der Promipaare“ im Untertitel. Jährlich kuratiert der Sender dafür eine Gruppe von Menschen, die schon einmal etwas gesungen oder geschauspielert oder in anderen Reality-TV-Shows um die Gunst von Liebesuchenden gebuhlt haben. Wochenlang müssen sie miteinander wohnen, Spiele spielen und sich beim Toilettengang filmen lassen. 2021 machten unter anderem ein früherer Viva-Moderator, ein Transgendermodel und ein Seifenoperndarsteller mit ihren jeweiligen Partnern mit. Und Klaus und Maritta.
Klaus ist 52, Maritta 35. Seit 2015 sind die beiden verheiratet. Klaus heißt im Berufsleben Almklausi. Er tritt auf dem Cannstatter Wasen auf, am Ballermann und am bulgarischen Goldstrand in Örtlichkeiten, die Namen wie Megapark oder Partystadl tragen. Dort singt er, aber Sänger mag er sich nicht nennen. Sänger seien für ihn Menschen wie Johannes Oerding. Er verstehe sich als Party-Entertainer, der Spaß verkaufe, sagt er. Krehl-Meier ist ein unprätentiöser Typ. Wer an seinem Esstisch sitzt und ihn nach seiner Geschichte fragt, bekommt seine Geschichte zu hören.
Geboren ist er in Metzingen. Eigentlich wollte er Brote machen, aber die Bäckerlehre musste er wegen einer Mehlstauballergie abbrechen. An Herd und Ofen stand er nie wieder. Krehl-Meier wurde Maschinenführer und stellte Stoffe für Autositze her, dann fing er in einem Reutlinger Möbelhaus an. Nach einem Jahr wurde er schon zum Verkaufsleiter befördert, darauf ist er immer noch stolz. Bei einer Weihnachtsfeier kam er auf die Idee, das Pippi-Langstrumpf-Lied umzutexten. Jemand anderes kam auf die Idee, eine Single daraus zu produzieren. Seit 2006 lebt Krehl-Meier vom Singen. Anfangs schrieb er selber Diskotheken an, um an Gigs zu kommen. Dann sagten ihm andere, er müsse im Fernsehen stattfinden. „Wenn du im Fernsehen bist, bist du noch interessanter für Veranstalter“, lernte er. Also begleitete ein Kamerateam den Bau des Eigenheims. Das Ergebnis war in der Dokusoap „Unser Traum vom Haus“ zu sehen.
Nun steht das Haus also in einem Wohngebiet der 20 000-Einwohner-Stadt Mössingen. Wobei, Stadt. Hier gibt es Wendeplatten und einen Harmonika-Club, zweimal jährlich eine Putzete des Bürgervereins und Streuobstwiesen, Streuobstwiesen, Streuobstwiesen. Am Ortsende rollt sich der Albtrauf auf. „Mössingen ist für mich ein Dorf“, sagt Maritta Krehl. Aber Berlin oder Köln zum Beispiel wären ihr zu groß. Auch wenn sie als Schauspielerin dort bessere Karten habe, das sei ihr schon bewusst. Aber sie wolle ja nicht Karriere machen.
Drinnen im Haus thront ein Buddha auf der Kücheninsel. „Sei frech und wild und wunderbar“, steht auf einem Deko-Schild, der Rest ist schwarz und weiß und grau mit moderat Bling-Bling. Nur ein Kinderfeuerwehrhelm in der Spieleecke und die Leo-Bluse der Gastgeberin unterlaufen das Farbkonzept. „Alexa, spiel Radio Energy!“, befiehlt Maritta der Sprachassistentin. Barscher wird es nicht, die Krehls sind höfliche Menschen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: René Wellers letzte Runde – Pforzheimer Box-Legende hat Demenz
Maritta kam in Reutlingen zur Welt. Sie hat eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht, bei einem Kopiergerätehersteller und in einem Bekleidungswarenhaus gearbeitet. Kleidung und Kameras sind ihr Ding. Als Sechsjährige hat sie zum ersten Mal gemodelt und für einen Katalog Kinderblusen mit Erdbeerprint angezogen. Später präsentierte sie unter anderem Entwürfe von Thomas Rath. Der ist selber eine Reality-TV-Größe. Er war Juror in Heidi Klums Modelshow, tanzte in „Let’s Dance“ und stopfte in „Beauty & The Nerd“ Mittzwanziger, die vorher als personifizierte Antithese des Modezeitgeists durch die Welt gestiefelt waren, in neue Outfits. Heute läuft Maritta über keine Laufstege mehr. Dafür sei sie inzwischen zu muskulös. 15 Jahre war sie Synchronschwimmerin, als Fitnesstrainerin gab sie Kurse. Ursprünglich wollte sie Stewardess werden. Sie wollte so vieles. Viel reisen, viel ins Ausland. Stattdessen musste sie früh schwanger werden. Nach einer Gebärmutterhalskrebsdiagnose hatten Ärzte ihr geraten, ihren Kinderwunsch lieber nicht aufzuschieben.
Ihre Tochter ist heute 12, sie stammt aus einer früheren Beziehung. Maritta hat sie in „Mein Kind, dein Kind“ dem Fernsehpublikum gezeigt. In der Dokusoap besuchen sich Mütter gegenseitig und bewerten den Erziehungsstil der jeweils anderen. Bei den Krehls fing die Kamera eine aufgeräumte Wohnung, lila Wände und eine Louis-Vuitton-Tasche im Kinderzimmer ein und wie Maritta ihrer Tochter eine rosa Lederjacke schenkt. Die Laienpädagogen-Jury schnaubte. Zu viel Zeug! Zu materiell! Zu oberflächlich! Sie sei schockiert, dass ein Kind so aufwachsen müsse, entsetzte sich eine andere Mutter, die keinen Schulabschluss hat und ihrem Sohn kein Taschengeld gibt.
Maritta und Klaus lernten sich auf einem Weinfest in Reutlingen kennen. Sie wusste damals nicht, was ein Almklausi ist. Den Künstlernamen fand sie „bescheuert“, den Kerl peinlich. Klaus stellte sich unter anderem mit einer Rose im Mund auf den Marktplatz, um Maritta von sich zu überzeugen. Sie zögerte, er kämpfte, sie zog zu ihm. Vor drei Jahren kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Drei Monate zu früh. Es war schlimm. Wie ein nacktes Vögelchen habe er im Brutkasten gelegen, sagt Maritta. Die ersten zehn Tage durfte sie ihr Kind nicht anfassen. Anschauen konnte sie es auch nicht richtig, die vielen Schläuche versperrten die Sicht. Der Knirps erlitt zwei Hirnblutungen. Die Ärzte sahen düster für seine Entwicklung und kamen mit einer Horrorprophezeiung nach der anderen. Maritta bekam stapelweise Broschüren. Sie schmiss alle weg. Sie wollte optimistisch bleiben.
Drei Jahre später hat sie recht behalten. Geistig sei ihr Sohn in Topform, sagt sie. Körperlich ist er eingeschränkt. Ganz normal laufen wird er nie können, aber er kann laufen. Seine Eltern feiern jeden Pups. Sie gehen mit ihm zur Reittherapie, zur Physiotherapie, zur Ergotherapie. Aber die Krankheit des Sohnes hat auch neue Perspektiven eröffnet. Seit einem Jahr macht Maritta ein Fernstudium zur Inklusionsfachkraft. Wenn sie fertig ist, will sie als Bindeglied zwischen Lehrern und Erziehern Kinder mit Handicap betreuen.
An einem Tag im Sommer strampelt Klaus Krehl-Meier sich ab. Er steckt in einem Klettergurt und muss seine Frau eine Wand hinaufwuchten, Prinzip Flaschenzug. „Schatzi, du musch abnemma“, keucht er. Maritta, die eine Figur wie eine Kurzstreckensprinterin hat, hantiert mit Buchstaben. An der Wand ist ein Kreuzworträtsel. Wie der griechische Gott der Liebe heiße? „Adam“, brüllt Klaus. Es läuft nicht so richtig bei den Spielen im RTL-Sommerhaus. Mit den Mitbewohnern läuft es auch nicht. „Maritta denkt nur an sich“, greint eine Frau, die der Sender als Kultauswanderin vorstellt. Empörung geht um, weil die Krehls nach Hause telefonieren und sich nach ihrem Sohn erkundigen durften. Als Maritta die Terrasse betritt, wenden sich die anderen demonstrativ ab. Sie flüchtet auf ihre Matratze. Zwischen Stockbetten und Fliegenfänger hadert sie mit ihrer Unbeliebtheit in der Gruppe. Klaus kommt trösten.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Model Kim Klausmann – Das frische Gesicht des Schwarzwalds
Maritta hat mal in „Auf Streife“ mitgespielt, eine Scripted-Reality-Serie in Sat 1. Klaus zog 2019 in den „Promi Big Brother“-Container. Das „Sommerhaus der Stars“ war das erste gemeinsame Reality-TV-Projekt der beiden. Es folgt der klassischen Dramaturgie des Genres: je Hauen und Stechen, desto Quote. Nach der Ausstrahlung reagierten Menschen im Internet, wie Menschen im Jahr 2021 im Internet reagieren. Der zeitgenössische Galligkeitsdrang traf auch Maritta und Klaus. Kotz-Emojis illustrierten Kommentare.
Das Reality-TV-Universum kann ein dauerhaftes Auskommen sichern. Einmal drin folgt Anfrage auf Anfrage. Ambitionierte Mitwirkende hüpfen von einem Format ins nächste und unterfüttern mit der Bildschirmpräsenz ihre Influencer-Karriere in den sozialen Medien. Maritta sagt, Klaus verstehe Instagram nicht. Klaus sagt, er habe jetzt erst mal wieder genug vom Fernsehen. Außer, es käme eine Anfrage für das Dschungelcamp. Da würde er nachdenken. Seine Frau präzisiert: „Das Dschungelcamp ist sein Traum! Davon spricht er seit Jahren!“ Maritta wiederum würde gerne bei der Kochshow „Grill den Henssler“ mitmachen. Bei Sendungen, die eine mehrtägige WG-Situation erfordern, lieber nicht mehr.
Almklausi hatte vor der Pandemie knapp 300 Auftritte im Jahr, Klaus Krehl-Meier ist ein Obernormalo. Normal ist sein Lieblingsadjektiv. Er geht „normal zum Aldi einkaufen“ und erledigt Sponsorengeschäfte im Homeoffice, „ganz normal“. Maritta bringt den Nachwuchs in Schule und Kindergarten und macht Reis, Lachs und Spinat zum Mittagessen. Nur in der Pandemie sind beide ein bisschen ausgeflippt: Jeder durfte sich einen Wunsch erfüllen. Klaus bekam eine Harley. Maritta einen Labrador. Soll das so weitergehen? „In zehn Jahren sind wir hoffentlich immer noch hier in Mössingen“, sagt Maritta. „Glücklich und bescheiden, wie jetzt auch.“ Nur ein Zweitwohnsitz auf Mallorca, der wäre nett.