Die Ausstellung „Almost Alive“ in der Kunsthalle Tübingen zeigt hyperrealistische Menschenskulpturen. Die zweite Schau der neuen Direktorin Nicole Fritz hat das Zeug dazu, ein Publikumsrenner zu werden.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Tübingen - Hoppla, was ist da los? Ist der jungen Frau nicht wohl? Den Pullover halb über den Kopf gezogen lehnt sie vornübergebeugt an der Wand – mitten in der Kunsthalle Tübingen. Sie steht einfach nur da in dieser rätselhaften Haltung, zehn Minuten lang, zwanzig Minuten. Man braucht seine Zeit, um zu begreifen, dass dieses Mädchen in Jeans und Turnschuhen keine gewöhnliche junge Frau ist, denn „Caroline“ ist nicht etwa aus Fleisch und Blut, sondern eine Skulptur des französischen Künstlers Daniel Firman. Verblüffend, wie lebensecht sie wirkt.

 

Die Kunsthalle Tübingen lädt in ihrer neuen Ausstellung „Almost Alive“ ein zu einem faszinierenden Spiel mit der Wirklichkeit. Hier wächst ein blasses Kinderbeinchen mit Sandale aus der Wand heraus, dort schwebt ein junger Mann in Shorts und Shirt knapp über dem Boden wie bei einer spirituellen Séance. Die zweite Ausstellung der neuen Direktorin Nicole Fritz beschäftigt sich mit hyperrealistischen Skulpturen, mit zeitgenössischen Werken, die den menschlichen Körper in perfekter Illusion nachbilden, ihn deformieren oder fragmentieren.

Die mehr als dreißig Skulpturen beweisen nicht nur, wie virtuos Künstlerinnen und Künstler heute den menschlichen Körper imitieren können. Diese menschlichen Doppelgänger machen auch bewusst, wie leicht man sich als Betrachter blenden lässt. Selbst wenn man weiß, dass diese Figuren aus Wachs oder Silikon gefertigt wurden, aus Bronze oder Polyester, so bewegen und beunruhigen diese Widergänger auf besondere Weise, irritieren und erschrecken, grad so, als seien sie real.

So ist man beim Rundgang durch die Kunsthalle vor allem mit der eigenen Wahrnehmung konfrontiert. Der Verstand mag begreifen, dass „Lisa“ nur eine farbig gestaltete Bronzefigur ist. Und doch ist man peinlich berührt von dieser nackten Frauengestalt, die schlafend auf einem Podest liegt und schonungslos den Blicken der Betrachter ausgeliefert ist. „Lisa“ (2016), eine Arbeit von John DeAndrea, führt vor, wie verletzlich Nacktheit den Menschen machen kann.

Der Amerikaner Duane Hanson (1925– 1996) war der Erste, der hyperrealistische Figuren in den Ausstellungsraum holte. Seine legendäre Putzfrau, die in der Staatsgalerie Stuttgart den Boden zu wischen scheint, ist so verblüffend wirklichkeitsgetreu, dass viele Besucher sie für real halten. In der Kunsthalle Tübingen begegnet man zwei typisch amerikanischen Gestalten, einem Cowboy und einem Bodybuilder mit aufgepumptem Oberkörper, dessen Locken und Turnschuhe die Ästhetik der neunziger Jahre verraten. Wie meist bei Duane Hanson schauen die beiden Männer ins Leere, ihr Blick ist in ihr Inneres gekehrt und vermittelt, dass hinter den dicken Muskeln und machohaften Posen letztlich allzumenschliche, empfindsame Wesen stecken.

Keine Frage: Auch die zweite Ausstellung von Nicole Fritz in Tübingen ist nicht nur ambitioniert und interessant, sondern hat das Zeug, ein Publikumsrenner zu werden. Fritz hat die Schau mit Otto Letze vom Tübinger Institut für Kulturaustausch entwickelt, und den beiden ist es gelungen, einige hochkarätige, internationale Leihgaben nach Tübingen holen – etwa Maurizio Cattelans „Ave Maria“ (2007). Der Gruß des Erzengels ist hier allerdings zum Hitlergruß mutiert, drei Arme ragen aus der Wand heraus, mahnend, als kehre das Eingemauerte, das Verdrängte wieder in den Alltag zurück.

Ron Muecks „A Girl“ (2006) ist längst eine Ikone zeitgenössischer Skulptur: Fünf Meter misst sein überdimensionierter Säugling, dem noch die Nabelschnur am blutverschmierten Bauch hängt und der die Hände zu Fäusten ballt, als wolle er, frisch geboren, der Welt bereits den Kampf ansagen. Auch der „Ordinary Man“ von Zharko Basheski scheint eine neue Zeitrechnung einzuläuten. Dieser Mann mit nacktem Oberkörper wirkt wie ein Sprössling unserer allzu gut genährten Wohlstandsgesellschaft. Sein Leib ist beängstigend ins Riesenhafte gewachsen und schießt wie eine Rakete durch den Museumsboden hindurch.

Die einzelnen Sektionen der Ausstellung verhandeln Distanz und Nähe, Selbstbilder oder den fragmentierten Körper, aber letztlich sprechen die Arbeiten auch ohne diese Kategorien für sich und berühren oft ganz unmittelbar. Intim, fast indiskret ist die Begegnung mit „Woman and Child“ (2010) von Sam Jinks. Bei dem absolut wirklichkeitsgetreuen Abbild einer alten Frau mit Säugling auf der Brust kann man schonungslos sämtliche Veränderungen des Körpers studieren, die das Alter mit sich bringt. Schmerzhaft ist auch die Arbeit von Berlinde de Bruyckere: Ihre Männerfigur liegt hingegossen auf einem großen Kissen, allerdings ist dort, wo der Kopf sein sollte, nur die Spur einer Narbe zu sehen.