Alpiner Ski-Weltcup beginnt Nach dem Abgang von Marcel Hirscher – wer besteigt den Ski-Thron?

Marcel Hirscher (li.) hat seine Karriere beendet – schlägt im alpinen Ski-Weltcup nun die Stunde von Henrik Kristoffersen? Foto: dpa/Marco Trovati

An diesem Wochenende beginnt in Sölden der alpine Ski-Weltcup – und nichts ist mehr, wie es war. Die Topstars der vergangenen Jahre sind abgetreten. Wer folgt Marcel Hirscher, Lindsey Vonn oder Aksel Lund Svindal? Wir haben da die eine oder andere Idee.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart - Kürzlich, im österreichischen Altenmarkt, da waren sich Vergangenheit und Gegenwart noch einmal ganz nah. Der Skihersteller Atomic hatte seine Stars für den kommenden Weltcup-Winter präsentiert. Als letzte, weil prominenteste, kam Mikaela Shiffrin auf die Bühne. Die US-Amerikanerin ist die dominierende Skirennläuferin der vergangenen und vermutlich auch künftigen Jahre. Ihr Pendant in dieser Hinsicht war bis März dieses Jahres Marcel Hirscher. Der stand in Altenmarkt auch auf der Bühne – zum Abschiedsgruß. Weshalb Shiffrin „ein bisschen traurig“ war. Übrigens nicht nur wegen Hirscher.

 

Für das 24-jährige Glamourgirl des alpinen Skisports nämlich ist vor dem am kommenden Samstag in Sölden beginnenden Weltcup-Winter klar: „Es wird definitiv anders werden.“ Denn dem alpinen Skizirkus sind über den Sommer abhanden gekommen: 202 Weltcup-Siege, sechs olympische Goldmedaillen, fünf weitere Olympia-Medaillen, 14 Siege im Gesamtweltcup, 38 in verschiedenen Disziplinenweltcups, 15 Weltmeistertitel und insgesamt 38 WM-Medaillen.

Auf sich vereint haben diese enormen Erfolge fünf Athleten, die allesamt ihre Karriere beendet haben: Lindsey Vonn (USA), Frida Hansdotter (Schweden), Marcel Hirscher (Österreich), Aksel Lund Svindal (Norwegen) und Felix Neureuther aus Garmisch-Partenkirchen. Und jetzt?

Mikaela Shiffrin hat Lindsey Vonn längst abgelöst

Sagt Mikaela Shiffrin: „Gibt es Raum für andere Athleten, sich zu zeigen.“ Denn in die Fußstapfen der genannten könne man ohnehin nicht treten, „das ist nicht möglich“. Findet nicht nur Shiffrin.

„Marcel Hirscher kann man nicht ersetzen“, sagt der österreichische Sportdirektor Toni Giger. Erfolge, wie sie der Salzburger gefeiert hat – unter anderem acht Siege im Gesamtweltcup in Folge – „wird es nie wieder geben“, ergänzt Ski-Legende Hermann Maier. Aber eingestampft wird der alpine Ski-Weltcup nun eben auch nicht. Und so ist es, wie Mikaela Shiffrin ankündigte: Jetzt kommt die Zeit der anderen. Sie selbst ist eine davon.

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Wobei das US-Girl die einzige ist, die aus dem Schatten der Topstars längst herausgetreten ist. Vier Weltcup-Kugeln hat die 24-Jährige in der vergangenen Saison geholt. Einen Siegesrekord aufgestellt. Eine neue Bestmarke in Aussicht. 60 Erfolge hat sie im Weltcup schon gefeiert, fährt sie annähernd so weiter, fällt schon bald der Rekord von Ingemar Stenmark (86). Weil sich Shiffrin in einem Jahr ohne WM oder Olympia auf ihre Entwicklung in den schnellen Disziplinen fokussieren will, scheint der Gesamtweltcup bereits erneut an sie vergeben. Schließlich hat sie stets erreicht, was sie sich vorgenommen hat – der Umzug in ein neues Haus, die Trennung von Freund Matthieu Faivre (ein Skirennläufer aus Frankreich) und die zahlreichen Gala-Termine über den Sommer hinweg dürften daran nichts ändern. Ein paar wenige Herausforderinnen jedoch gibt es.

Bei den Männern ist der Thron neu zu besetzen

Die slowakische Riesenslalom-Weltmeisterin Petra Vlhova ist eine davon. Im Gesamtweltcup war sie zuletzt ebenso Zweite hinter Shiffrin wie in den Disziplinen Slalom und Riesenslalom. Eine noch stärkere Allrounderin ist zudem Wendy Holdener aus der Schweiz, die Dritte aus dem vergangenen Jahr, zwei WM-Titel in der Kombination unterstreichen ihre Vielseitigkeit. Ein bisschen anders gelagert ist der Fall bei den Männern.

Auch dort lauern der Zweite (Alexis Pinturault) und Dritte (Henrik Kristoffersen) auf weitere Erfolge. Der Franzose und der Norweger haben gegenüber Vlhova und Holdener aber den Vorteil, dass der Thron unbesetzt und neu zu erobern ist. Wobei sich vor allem Kristoffersen damit gar nicht so sehr befassen will.

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Lange Zeit war der 25-Jährige besessen davon, Hirscher zu schlagen – auf dem Slalomhang und in der Gesamtwertung. Das gelang eher selten, beziehungsweise nie. Irgendwann hat er die Dominanz des Österreichers anerkannt und respektiert – ohne aber an Ehrgeiz zu verlieren. Nun sagt er zu seiner neuen Herangehensweise einerseits: „Dieses Jahr will ich den Fokus anders ausrichten. Ich will schnell Skifahren, viele Rennen gewinnen und erst dann kann ich auf den Gesamtweltcup schauen.“ Er meinte am Freitag aber auch, dass er hoffe, den Gesamtweltcup mehr als einmal gewinnen zu können.“ Wie Pinturault, Shiffrin und einst Hirscher darf er nun endlich mit einem eigenen Team durch den Weltcup touren.

Kristoffersen hat nun ein eigenes Team

Das scheint mittlerweile das große Erfolgsrezept der Besten zu sein. Schon Hermann Maier pochte einst auf Sonderrechte, Marcel Hirscher hat das Modell Team im Team zuletzt perfektioniert. Eigener Trainer, eigener Physiotherapeut, eigener Fitnesscoach, eigener Servicemann – und den Vater immer als Trainer und Ratgeber mit an Bord. Anfangs tat sich der österreichische Verband schwer mit der Extrawurst, die das Kraftpaket für sich beanspruchte – die riesigen Erfolge gaben ihm Recht und sorgten für Akzeptanz. Die so groß ist, dass man sich in Österreich nach dem Karriereende Hirschers flugs bemühte, alle am Erfolg Beteiligten in neuer Funktion weiter im Verband zu beschäftigen. Selbst Ferdinand Hirscher, den Vater mit dem markanten Schnauzer.

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Pinturault („Ich werde mich weiterentwickeln, um dem Gesamtweltcup näher zu kommen“) fährt, wie gesagt, ebenfalls diese Schiene, auch Mikaela Shiffrin. Kristoffersen sah darin für sich einen Nachteil, es war ein zähes Ringen mit dem eigenen Verband, die Wikinger zelebrieren gerne den Teamgedanken – doch nun sieht er sich endlich gut aufgestellt, auch durch die Hilfe des Red-Bull-Imperiums. „Die Zeiten haben sich geändert, und ich denke in der heutigen Zeit ist dies wichtig, um gute Leistungen bringen zu können“, sagt er und betont: „ich freue mich auf die Saison.“ In der es womöglich auch Überraschungen gibt.

Abfahrer Dominik Paris stellt sich breiter auf

Der Franzose Clément Noel hat schon in der vergangenen Saison mit seinen Siegen in Wengen und Kitzbühel gezeigt, dass er das Technikerlager aufmischen kann. Thomas Dreßen, der wieder genesene deutsche Abfahrer, könnte zumindest ein bisschen Felix Neureuther vergessen machen. Und Dominik Paris, der Abfahrtshüne aus Südtirol, will sich im kommenden Winter etwas breiter aufstellen – in Sölden wird er im Riesenslalom starten. Wohl auch, um seine Chancen im Gesamtweltcup zu steigern. Der Österreicher Marco Schwarz ist zuletzt auch zum Allrounder geworden. Bei den Damen ist die Italienerin Sofia Goggia von einer Verletzung zurück und heiß auf weitere Erfolge.

In Sölden, das ist klar, werden die Augen aber zunächst auf die genannten Kronprinzen und Favoriten gerichtet sein. Und die Gedanken schweifen sicher noch um die abgetretenen Helden. „Wenn wir in Sölden am Start stehen, ist der beste Skifahrer nicht dabei“, sagt Henrik Kristoffersen und denkt an Marcel Hirscher– schaut dann aber doch nach vorn: „Nach der kommenden Saison gibt es einen neuen besten Skifahrer.“ Er hätte nichts dagegen, wenn es er selbst wäre. Als Mann der Gegenwart – und der Zukunft.

In unserer Bildergalerie haben wir die möglichen Stars der kommenden Ski-Saison zusammengestellt – viel Spaß beim Durchklicken.

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