Als Folge von Corona Das Ende des Begrüßungsküsschens

Vor Corona war das Küsschen noch nicht verpönt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris. Die Pandemie hat das Begrüßungsritual allerdings grundlegend verändert. Foto: dpa/Thibault Camus
Vor Corona war das Küsschen noch nicht verpönt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris. Die Pandemie hat das Begrüßungsritual allerdings grundlegend verändert. Foto: dpa/Thibault Camus

In Frankreich verändert die Corona-Pandemie auch die Begrüßungsrituale. Zu viel Nähe gilt nun als unangebracht.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)
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Paris - Küsschen links, Küsschen rechts. Niemandem gelingt diese elegant dahingehauchte Begrüßung im Freundeskreis so formvollendet wie den Franzosen. Zwar versuchen die eher distanzierten Deutschen, dieses entspannte Ritual seit Jahren zu kopieren, was allerdings oft in einer etwas kantigen Umarmung endet.

Das jähe Ende von „la bise“

Die Corona-Pandemie hat in Frankreich aber auch „la bise“ ein jähes Ende bereitet. Nicht nur, dass die Bistros als Treffpunkte über Monate geschlossen waren, die Abstandsregeln verbaten jegliche Annäherung und mit Maske küsst es sich nun einmal sehr schlecht. Jetzt, da die Maskenpflicht fällt, melden sich vor allem viele Französinnen zu Wort, dass die Zeit ohne Küsschen eine bessere war. Das ist so überraschend, dass sich inzwischen auch Wissenschaftler den Kopf über dieses Phänomen zerbrechen. „Es beginnt ein Nachdenken über unsere Gewohnheiten“, schreibt Fabienne Martin-Juchat, Professorin für Kommunikation an der Universität Grenoble-Alpes. So lange „la bise“ zur alltäglichen Norm gehörte, hätten sich die Menschen schlicht keine Gedanken über diese Geste gemacht.

Das Ritual wird zur Pflicht

„Ab dem Moment, wenn eine Handlung ein gesellschaftliches Ritual ist, wird sie fast zur Pflicht“, erklärt auch die Psychologin Dominique Picard. Das Küssen sei nicht mehr Ausdruck der Freude, jemanden zu sehen, man werde geradezu gezwungen, es zu tun, auch wenn man das Gegenüber eher unsympathisch finde. Wer bei diesem sozialen Spiel nicht mitspiele, beschreibt die Expertin, gelte gerade als Frau schnell als zickig.

Dabei lehnen die Franzosen das Küsschen zur Begrüßung nicht generell ab. Im engen Freundeskreis oder in der Familie gilt es vielmehr als Geste des Zusammenhalts. Wogegen sich nun Widerstand regt, ist der inflationäre Gebrauch, der sich auch schon ins Berufsleben eingeschlichen hat. Inzwischen melden sich auch immer mehr Frauen zu Wort, die davon berichten, dass sie von ihrem Gegenüber bei der Begrüßung unangenehm betatscht würden.

Das Küsschen wird zur Mode

Dominique Picard erinnert daran, dass der Kuss zur sozialen Begrüßung im Grunde eine ziemlich neue Erfindung ist. Erst Ende der 1990er Jahre sei es Mode geworden, auch Menschen außerhalb des engeren sozialen Kreises zu küssen. Bei Männern sei diese Geste vor nicht allzu langer Zeit sogar völlig undenkbar gewesen. „Jetzt küssen sich sogar Staatsoberhäupter,“ sagt Dominique Picard. Es sei doch unvorstellbar, dass sich seinerzeit Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und US-Präsident Dwight Eisenhower geküsst hätten.

Die Psychologin geht davon aus, dass Corona auch unsere Begrüßungsrituale verändern wird. Es müsse nicht immer „la bise“ sein. Manchmal genüge in Zukunft wohl schlicht ein „Faustcheck“ oder auch nur ein freundliches Nicken es Kopfes.




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