Freiwillige aus Filderstadt in Griechenland Sie hat verwundete Füße und Seelen im Camp Moria versorgt

Dass die Lage im Camp Moria eskaliert ist, das durch einen Großbrand zerstört wurde, hat sie nicht überrascht. In ihrem Sommerurlaub hat sie auch dort zwei Wochen lang geholfen Foto: AFP

Gunda-Johanna Husemann aus Filderstadt war zehn Wochen als Freiwillige in Thessaloniki im Einsatz. Im Sommerurlaub hat sie auf Lesbos im Camp Moria geholfen. Sie berichtet über menschenunwürdige Zustände und hat eine klare Botschaft.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Die Bilder sind kaum auszuhalten. Abgestorbene Finger, verbrannte Haut, offene, entzündete Stellen an Füßen, Beinen, Armen. Gunda-Johanna Husemann hat einige der Wunden, die sie als Freiwillige für Medical Volunteers International (MVI) in Griechenland versorgt hat, in einem Fotoalbum nach ihrem ersten Einsatz dokumentiert.

 

Von Ende Februar bis Anfang Mai ist die 24-jährige angehende Pflegefachkraft aus Filderstadt (Kreis Esslingen) in Thessaloniki im Einsatz gewesen, dann in ihrem Sommerurlaub noch mal für zwei Wochen auf Lesbos – im berüchtigten Camp Moria. Das Lager, das nun ein Großbrand in Schutt und Asche gelegt hat.

Gunda-Johanna Husemann ist nicht überrascht, dass die Lage eskaliert ist. Als sie Ende Juni, Anfang Juli in Moria war, gab es dort noch keinen offiziellen Corona-Fall, es war noch vor dem kompletten Lockdown des Lagers. Aber die Flüchtlinge durften auch damals schon das Camp nicht verlassen. Die Hilfen seien mit Hinweis auf Corona immer mehr reduziert, der Unterricht für die Kinder gestrichen worden. Die extreme Enge und die Aussichtslosigkeit hätten den Menschen sehr zugesetzt. „Es herrschte so eine gereizte Stimmung“, so die Auszubildende an der Filderklinik. Ein Ausdruck der psychischen Pein: Viele Bewohner fügten sich Selbstverletzungen zu. Sie sei es aus Thessaloniki gewohnt gewesen, jedem helfen zu können, der kam. Das sei in Moria nicht möglich gewesen.

19-jährige Schwangere hatte die Krätze, wie so viele

Das Lager war heillos überfüllt – 12 600 Flüchtlinge sollen dort zuletzt untergebracht gewesen sein, obwohl es für nur 2800 ausgelegt war. Nun, da das Camp zerstört ist, muss Husemann „an die vielen kranken und schwachen Menschen denken, die erneut alles verloren haben und mittellos auf der Straße stehen.“ Wie eine 19-Jährige, schwanger mit dem vierten Kind, die vor wenigen Wochen zu ihr kam. Der Unterleib war von Krätze befallen. Viel tun konnte sie nicht für sie.

In Thessaloniki habe man den Krätze-Patienten besser helfen können. Da bekam jeder neben Salbe einen Stapel Kleidung und einen Schlafsack, um die Wiederansteckung zu verhindern. In Moria sei das aussichtslos gewesen. Zu eingepfercht waren die Menschen – perfekte Bedingungen für die Parasiten. Nun, durch den Brand, sei die Politik zum Handeln gezwungen, meint sie. „Ich kann nur zutiefst hoffen, dass alle Menschen, Behörden, Regierungen in Europa durch diesen Hilfeschrei die längst überfällige Aufgabe der gesamten Evakuierung und Verteilung auf die europäischen Staaten umsetzen“, lautet ihr Appell.

Großes Bedürfnis der Geflüchteten nach menschlicher Zuwendung

Von MVI, dem Freiwilligenprogramm, hatte Gunda-Johanna Husemann als Touristin auf Lesbos erfahren. Der Verein bietet kostenlose medizinische Hilfe für Geflüchtete an, die sonst nicht versorgt würden: vor allem junge Männer, für die kein Platz in den überfüllten Camps ist, profitierten davon, so Gunda-Johanna Husemann. Sie sind nicht registriert, leben auf der Straße, in Abbruchhäusern, in provisorischen Zelten.

Sie strahlt, wenn sie von der Zeit in Thessaloniki erzählt. Die langen Arbeitstage haben ihr nichts ausgemacht. Ihr gefiel die positive Stimmung im Team, das Zusammenleben der Freiwilligen, aber auch der Kontakt zu den Patienten während der Wundbehandlung – zu spüren, was freundlicher Umgang bei ihnen auslöst. Das Bedürfnis nach Zuwendung sei groß gewesen. Sie schenkte „so viel Zeit und Aufmerksamkeit wie möglich“, wusch Menschen mit einer leichteren Verletzung die Füße – anfangs mit Wasser, später aus Hygienegründen mit Feuchttüchern.

Bevor die Corona-Maßnahmen die Hilfen erschwerten, arbeiteten die Freiwilligen nachmittags auf einem Parkplatz, abends in Kooperation mit einer anderen Organisation, die Essen ausgab, im Rotlichtviertel. Angst, dass ihr etwas zustoßen könnte, hatte sie keine. Wenn sie nach der Arbeit zum Bus ging, hätten sie immer einige junge Flüchtlinge begleitet, um aufzupassen. Sie wussten, dass sie zu „Mama Rosa“ gehörte, wie die Projektkoordinatorin von MVI liebevoll genannt wurde.

Corona-Maßnahmen trafen unregistrierte Flüchtlinge besonders hart

Die Corona-Maßnahmen waren strikt in Griechenland – und Gunda-Johanna Husemann hat vor allem die negativen Seiten erlebt. Wie alle Helfer durfte sie zunächst das Haus nicht verlassen und wusste, was das bedeutete: dass ihre Patienten „ohne medizinische Hilfe und ohne Essen auf der Straße“ standen. Während ein Teil des Teams abreiste, verlängerte Husemann ihren Aufenthalt. Die Patienten durften sie nach einigen Tagen wieder versorgen, aber es seien viel weniger zu ihnen gekommen. Denn diese riskierten, wegen der Verletzung der Lockdown-Regeln bestraft zu werden. „Ein Arztbesuch galt nur für Menschen mit Papieren als Grund, sich draußen aufzuhalten.“

Ein fast blinder Heroinsüchtiger auf Entzug zählte zu den Patienten dieser Zeit. Er hätte dringend wegen einer Netzhautablösung am Auge operiert werden müssen. Doch Corona-bedingt wurde der Eingriff nicht durchgeführt. Ihn konnten sie immerhin in einer sozialen Einrichtung unterbringen. Auch das Schicksal von zwei Pakistani ging ihr besonders nah, die sie in der Vor-Corona-Zeit versorgt hatte. Sie musste ihnen die eingewachsenen Handschuhe entfernen. „Alle Finger waren vom Grundgelenk an abgestorben.“ Sie putzte ihnen die Zähne, weil sie das nicht mehr konnten, brachte auch die Haare in Form. In einem Athener Krankenhaus seien ihnen die Finger amputiert worden. Dann verliert sich ihre Spur. Wie bei so vielen ihrer Patienten.

Nächster Einsatz nach Abschluss der Ausbildung

Bis März geht noch die Ausbildung an der Filderklinik. Danach will Gunda-Johanna Husemann wieder zurück nach Griechenland und denen helfen, die in Not sind: „Ich habe gelernt, dass man mit Menschlichkeit, Zusammenhalt und Einfallsreichtum auch die schwierigsten Situationen überstehen kann.“

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