Als Gastgroßmutter in der Türkei Deniz ist lieb, Elif macht Ärger

Von Annette Hanisch 

Während der Schulferien ist auch die neunjährige Elif häufig in Annas Rieths Obhut und kommt in den Genuss eines, wie die Au-pair-Oma sagt, „ausgiebigen Bades in der deutschen Sprache“. Das Ergebnis ist erstaunlich: Elif trällert mittlerweile „Alle meine Entchen“ und kann in der fremden Sprache problemlos sagen, was sie möchte. Häufiger sagt sie allerdings, was sie nicht möchte. Mit ihrer Aufsässigkeit hat sie Anna Rieth schon mehrmals an den Rand der Verzweiflung gebracht. „Dann fließen bei mir schon mal Tränen“, erzählt sie. „Ich verstehe ja, dass da auch Eifersucht auf den kleinen Bruder dabei ist, aber ich wünschte, sie machte mir und sich selbst das Leben leichter.“

Wäre sie vor allem für Elif zuständig, hätte Anna Rieth womöglich wieder ihre Koffer gepackt und wäre nach Durmersheim zurückgekehrt. Doch zwischen dem mittlerweile anderthalbjährigen Deniz und ihr hat sich eine intensive, liebevolle Beziehung entwickelt. Darüber ist Anna Rieth sehr froh. „Zum Glück ist Gülay nicht eifersüchtig“, sagt sie und dass sie gemerkt habe, dass Deniz nach kurzer Zeit zu sehr auf sie fixiert war. Darum geht sie jetzt jeden Mittag mit dem Kleinen in die nahe Kanzlei, wo gemeinsam mit Vater und Mutter gegessen wird. „Wir haben gemerkt, dass das wichtig ist, damit Deniz weiß, zu wem er gehört“, erzählt Anna Rieth. Hin und wieder zieht sie sich auch zurück, um die Intimität innerhalb der Familie nicht zu stören.

Anna Rieth glaubt, dass dies die wichtigste Voraussetzung für eine harmonische Zeit als Au-pair-Großmutter ist: sich in die Gastfamilie einfügen und im richtigen Moment auch zurücknehmen können. Bei der Bewerbung für eine solche Stelle werde eigentlich keine Qualifikation verlangt – nicht einmal eigene Kinder –, aber eine gewisse Anpassungsfähigkeit sei unerlässlich.

Lebenserfahrung als Qualifikation

Im Vergleich mit den häufig noch blutjungen Au-pair-Mädchen ist eine gestandene Frau wie Anna Rieth in vieler Hinsicht im Vorteil. Gülay und Nuri Kaplan wissen zu schätzen, dass sie ihre ganze Lebenserfahrung in die Gastfamilie einbringt. Den für sechs Monate vereinbarten Aufenthalt haben sie gerade auf ein Jahr verlängert.

Und was kommt danach? „Ich bewerbe mich wieder als Au-pair-Oma“, antwortet Anna Rieth. „Diesmal in einem Land, wo ich die Sprache verstehe.“ Dass sie kein Türkisch spreche, raube ihr die Möglichkeit, noch tiefer in die fremde Kultur einzutauchen. „Aber alles in allem bin ich froh und dankbar. Mein Leben hat durch diese Aufgabe eine völlig neue Wendung erhalten. Und ich weiß jetzt auch, wie es weitergehen soll.“