Innerhalb eines Jahres hat sich Yildiray Tas’ Leben durch die Krankheit ALS drastisch verändert. Online sammelt er Spenden für seine Behandlung.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Es beginnt im Sommer 2024 auf einer Reise durch Südostasien. Es sind nur fünf Stufen, die Yildiray Tas nehmen will – doch plötzlich bricht sein Körper einfach zusammen. „Ich bin hingefallen und dachte zum ersten Mal: Irgendwas passt nicht“, erzählt er. „Man denkt erst mal, es sei eben Erschöpfung.“ Doch es ist etwas anderes.

 

Rund ein Jahr später hat die Krankheit ALS sein komplettes Leben verändert. Nach und nach hat sie dem 50-Jährigen die Kontrolle über seine Gliedmaßen genommen. Autofahren, Fußball, Reisen mit dem Wohnmobil – Dinge, die er geliebt hat, sind nun nicht mehr drin. In seinem Wohnzimmer steht jetzt ein Krankenbett. „Ich mag den Begriff nicht – Hilfsbett, das klingt doch besser“, sagt Tas.

Hinein kommt er nicht mehr alleine, eine Pflegekraft und seine Familie unterstützen ihn bei solchen alltäglichen Dingen. Trotzdem sagt Tas von sich: „Es geht mir gut. Kopf und Seele sind stark, nur der Körper will aktuell nicht.“ Die Muskelmasse an seinen Armen und Beinen hat abgenommen, doch seine Stimme klingt kräftig, seine Augen leuchten. „Ich will wieder auf die Beine kommen. Das meine ich ganz wörtlich.“ Trotz einer Krankheit, für die es bis heute keine Heilung gibt.

Die Krankheit ALS wurde durch Stephen Hawkings Fall bekannt

Stephen Hawking war der bekannteste ALS-Patient. Foto: Stefan Zaklin/EPA/dpa

Anfangs sah das mit dem Optimismus anders aus. Als eine Ärztin im Katharinenhospital in Stuttgart ihm die Diagnose ALS offenbarte, konnte er mit den drei Buchstaben erst einmal wenig anfangen. „Dann erzählte sie vom Physiker Stephen Hawking, der damit lange gelebt hat.“ Auf einmal hatte Tas das Bild dieses gelähmten Mannes vor Augen. „Ich habe gesagt, ich will gehen, und zwar jetzt.“ Auch jetzt hat er manchmal Phasen der Niedergeschlagenheit, etwa wenn er abends versucht, in sein Tagebuch zu schreiben, und die Schrift kaum noch lesbar ist. „Aber aufzugeben ist für mich keine Option. Das bin ich mir selbst und allen schuldig, die mich lieben“, sagt Tas.

Tas hat drei eigene Kinder. Dazu kommen die zwei Kinder seiner Lebenspartnerin Sonja. „Meine Söhne hören gerne Kontra K, Apache 207 und solche Sachen. Deren Konzerte wollen wir auf jeden Fall besuchen, Karten haben wir schon“, sagt Yildiray Tas. Er träumt auch von einem besseren Aktiv-Rollstuhl. „Damit könnte ich mit meinen Kindern durch den Park – sie auf dem Fahrrad, ich im Rollstuhl“, sagt Tas. „Ich will mein altes Leben zurück.“ Er ziele lieber zu hoch, als sich mit kleinen Erfolgen zufriedenzugeben.

Spendenkampagne soll helfen, eine alternative Therapie zu finanzieren

„Früher war Yildi ein kerngesunder Mensch und ein absoluter Verfechter der Schulmedizin“, erzählt Sonja. Riluzol, Physiotherapie, Logopädie, ein Bewegungstrainer-Gerät für die Muskeln – Tas nimmt alles mit, was die klassische Lehre in Fällen wie dem seinen auf Lager hat. Allzu viel ist das allerdings nicht. Auf der Suche nach Hilfe hat er sich daher auch der alternativen Medizin zugewandt.

Zweimal pro Woche geht es in ein Heilpraktiker-Zentrum nach Tübingen, wo Akupunktur, Elektroden, Infusionen und Magnetfeldtherapie helfen sollen, „Schwermetalle und Spike-Proteine auszuleiten“, so die Heilpraktiker. Zudem isst Tas jetzt gluten-, zucker- und laktosefrei sowie histaminfrei, alles in Bioqualität, und setzt auf diverse Nahrungsergänzungsmittel. „Seit einigen Wochen fühle ich mich damit deutlich besser, vom Kopf und der Seele her“, sagt er. Aber klar, der Körper mache nicht mehr mit.

Yildiray Tas will ALS mit allen Mitteln bekämpfen

Allein die Ergänzungsmittel sind teuer, dazu kommt eine geplante Blutwäsche in einem Zentrum in Aalen – all das geht ins Geld. Daher hat die Familie vor Kurzem eine Spendenkampagne auf der Plattform GoFundMe gestartet und erlebt riesigen Zuspruch. Das Spendenziel liegt bei 50.000 Euro, etwa 41.000 Euro kamen bereits zusammen. Eine Summe, die sich Tas nie hätte träumen lassen. Gespendet haben Freunde, Kollegen, Familie, Bekannte aus der Türkei. Sogar Kinder von Freunden wollten ihm Geld aus ihrer Spardose geben. „Ich habe ihnen gesagt, lasst es erst einmal drin, ich komme auf euch zurück, wenn ich es brauche.“

Yildiray Tas (links) war lange im TB Beinstein aktiv. Foto: privat

Auch sonst erfährt der Waiblinger große Unterstützung, vor allem von seiner Familie. Seine Eltern kochen für ihn, seine Geschwister und Freunde fahren ihn nach Tübingen zur Therapie. Der gelernte Bankfachwirt arbeitet auch nach wie vor – Vollzeit, aber meist im Homeoffice. „Auch meine Vorgesetzten bei der Kreissparkasse stehen absolut hinter mir. Wenn ich vor Ort im Büro sein muss, findet sich ein Kollege, der mich abholt“, sagt Tas. Hilfe anzunehmen, fiel ihm anfangs nicht leicht. „Aber mit der Zeit legt man die Scheu ab“, sagt er.

Den Weg durch die Krankheit, sagt Yildiray Tas, müsse jeder Betroffene selbst finden. „Es ist schade, dass man so wenig über ALS weiß. Damals bei der Ice-Bucket-Challenge, die darauf aufmerksam machen sollte, ging es doch eher um die Prominenten, die dabei mitgemacht haben.“ Tas hat daher einen Instagram-Account eröffnet, auf dem er seine Geschichte erzählt und damit auf die Krankheit aufmerksam machen will.

Was ist ALS?

Krankheit
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Sie zerstört nach und nach die Nervenzellen, die für Muskelbewegungen zuständig sind. Betroffene verlieren im Verlauf der Krankheit die Kontrolle über Arme, Beine und später auch die Atemmuskulatur. Die geistigen Fähigkeiten bleiben in der Regel erhalten. Prominentestes Beispiel ist der britische Astrophysiker Stephen Hawking.

Hintergrund
Die Ursachen von ALS sind noch ungeklärt. Eine Heilung gibt es bislang nicht, Medikamente können die Krankheit lediglich verlangsamen. In Deutschland erkranken jährlich etwa 2000 Menschen, die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Die Lebenserwartung nach Diagnosestellung beträgt oft nur wenige Jahre – andere, wie Hawking, leben länger damit.