Fachhochschulreife mit guten Noten, freiwilliger Wehrdienst, abgeschlossene Bankausbildung und das Angebot, als Filialleiter Karriere zu machen – die schulischen und beruflichen Stationen deuten daraufhin, dass der 26-Jährige sein Leben im Griff hatte. Was hat ihn aber dazu gebracht, im September 2021 auf einem Gehweg drei Menschen absichtlich umzufahren?
Seit 10. März muss sich der Mann in einem Sicherungsverfahren vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Zum Vorfall selbst wollte er sich am Montag nicht äußern. Die Staatsanwältin wirft ihm dreifachen versuchten Mord vor. Weil er an einer paranoiden Schizophrenie leide, soll er die Tat in einem schuldunfähigen Zustand begangen haben. Eine Mutter und ihr Kind wurden damals unweit der Schillerschule in Altbach schwerst verletzt. Eine weitere Frau konnte zur Seite springen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Angeklagter in Mordprozess wollte sich absetzen
Der 26-Jährige ist behütet aufgewachsen. Die ersten Jahre lebte er in der Esslinger Pliensauvorstadt, später ist die Familie nach Altbach umgezogen. Er habe sich nichts dabei gedacht, dass sein Sohn in den letzten Jahren in seinem Zimmer fast immer die Rollläden geschlossen hielt, sagte der Vater im Zeugenstand aus. Der habe dies plausibel damit begründet, dass das Licht auf seinen Bildschirmen spiegle. Tatsächlich war der Grund wohl ein anderer. „Ich habe mich von den Nachbarn verfolgt gefühlt“, sagte der Beschuldigte aus. Er hätte ihre Stimmen gehört, sie hätten alles kommentiert, was er in seinem Zimmer tat.
Zugespitzt habe sich die Situation, die schleichend im Jahr 2018 begonnen habe, als eine enge Freundin durch Selbstmord starb. Über diesen Verlust hätten sich die Stimmen lustig gemacht. Am Morgen der Tat war der 26-Jährige auf dem Weg zu seiner Arbeit bei der Volksbank in Notzingen. Einem Gutachter hat er später erzählt, dass ihn unterwegs eine Radfahrerin ausgelacht habe.
Nachbarn sollen Sex-Bilder in Umlauf gebracht haben
Um den vermeintlichen Nachstellungen der Nachbarn zu entkommen, zog er 2020 bei seinen Eltern aus und gründete mit einem Freund eine Zweier-WG in Altbach. Nach einigen Monaten fühlte er sich aber auch hier von Nachbarn belästigt. Sie hätten ihn verfolgt und Bilder in Umlauf gebracht, wie er in seinem Zimmer onaniert habe. Ob er nie daran gedacht habe, zum Arzt zu gehen, wollte der Richter wissen. „Ich dachte ja, das alles ist real“, antwortete der Beschuldigte. Einmal habe er die Polizei gerufen, aber die Beamten hätten ihn nicht ernst genommen. Um sich zu schützen, habe er die Linse seines Laptops abgeklebt und die Fensterscheiben seines WG-Zimmers verdunkelt. Irgendwann habe er das Gefühl gehabt, dass auch immer mehr Kunden ihn ablehnten. In der Haft bekommt der 26-Jährige Medikamente. Seitdem höre er keine Stimmen mehr, sagte er aus.
Fahrer fährt ein zweites Mal auf die Frau und schleift sie mit
Am Montag schilderten auch die Frauen, wie sie die Ereignisse am 22. September erlebt haben. Aus dem Augenwinkel habe sie das Auto wahrgenommen und sich gewundert, warum es nicht bremst, erinnerte sich die 40-Jährige, die sich retten konnte. Der Wagen habe ihre Bekannte und deren Sohn erfasst. Sie sei zu dem verletzten Kind gelaufen, als der Fahrer ein zweites Mal auf die Mutter fuhr und sie mitschleifte. Als das Auto stand, habe sie die Beifahrertür geöffnet und geschrien. Teilnahmslos habe der Fahrer sie angeschaut. Das 42-jährige Opfer erinnert sich kaum an die Tat. „Nein!“, habe ihre Bekannte gerufen. Die Verletzungen – Brüche und Verbrennungen – machten ihr bis heute Probleme. Ihr Sohn, der mit einem Beinbruch in eine Klinik kam, sei ängstlicher seit dem Vorfall. Der Prozess wird fortgesetzt.