Alte Berufe neu entdeckt Der Geigenbauer – Er erkennt am Spiel den Charakter des Menschen

Von Kerstin Ruchay 

Bernward Goes sagt von sich, er sei ein Stadtgeigenbauer: Einer, der sich in seiner Werkstatt in Stuttgart-Vaihingen um Streichinstrumente kümmert, sie begutachtet, repariert und pflegt – und den Musikern genau zuhört, wenn sie erzählen, dass sich der Ton ihres Streichinstrumentes verändert hat. „Kein Instrument ist wie das andere“, sagt der 50-Jährige, „aber auch kein Musiker ist wie der andere.“ Musiker und Instrument in Einklang zu bringen – das ist eine seiner reizvollsten Aufgaben.

Wie auch das Instrumentenbauen selbst. „Sich Geigenbauer zu nennen und jahrelang kein eigenes Instrument zu machen ist undenkbar für mich“, sagt der Vater von zwei Töchtern. „Da geht es auch um die eigene Glaubwürdigkeit.“ Behutsam nimmt der Handwerker eine selbst gefertigte Violine aus dem Schrank . 250 Stunden arbeitet er im Schnitt an einem solchen Instrument, das am Ende 12 000 Euro und mehr kostet. „Es ist spannend zu sehen, wie die Menschen zu den Instrumenten passen. Man erkennt ihren Charakter, der eine spielt leise oder ist zurückhaltend, der andere säbelt drauf los.“

Eine Massenproduktion, wie sie traditionell in den Manufakturen im vogtländischen Musikwinkel oder im fränkischen Bubenreuth an der Tagesordnung ist, käme für ihn nicht infrage. Für Bernward Goes ist Geigenbau individuelle Arbeit, die Zeit, Präzision und Geduld erfordert: Er sucht eigenhändig die Holzstämme für die Instrumente auf der Schwäbischen Alb oder in Südtirol aus, kocht den Lack selbst und orientiert sich bei den eigenen Arbeiten an klassischen Traditionen.

Sein Handwerk hat Bernward Goes im italienischen Cremona gelernt. Die Stadt in der Lombardei gilt weltweit als die Wiege des Geigenbaus – Antonio Stradivari und Nicolò Amati haben dort ihre Meisterstücke gefertigt. Vier Jahre dauerte seine Ausbildung, danach arbeitet er in Stuttgart und dann im schwedischen Malmö. 3000 D-Mark brutto (1500 Euro) verdiente er damals als Geselle. Im Jahr 2000 wagte der gebürtige Korntaler den Sprung in die Selbstständigkeit. „Dies war nur möglich, weil meine Frau auch ein Einkommen hatte.“ Anfangs diente die Familienwohnung als Werkstatt, und mehr als ein Taschengeld blieb unterm Strich nicht übrig. Nach drei Jahren konnte er in Vaihingen die eigene Werkstatt eröffnen. Über mangelnde Arbeit kann sich Bernward Goes nicht beklagen. Dennoch hat er sich entschieden, ein Ein-Mann-Betrieb zu bleiben. „Meine Freiheiten sind mir mehr wert.“ Dazu gehört auch, sich Zeit fürs Geigenspielen zu nehmen. „Es ist wichtig, die gleiche Sprache wie die Musiker zu sprechen.“

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