Alte Berufe neu entdeckt Die Buchbinderin bewahrt Altes und schützt es

Von Kerstin Ruchay 

Egal ob Nachschlagewerke, Romane, Biografien, Doktorarbeiten oder Wissenschaftsbände: Gudrun Storz bekommt tagtäglich zig Bücher in die Hände. Eines kommt für sie aber nicht infrage: wegwerfen – egal wie abgegriffen der Einband ist, wie stark die Nähte gerissen oder die Seiten zerfleddert sind. Selbst gebrochene Buchrücken kann sie reparieren. Zeitschriften und Borschüren bringt sie wieder in Form. Gudrun Storz ist Buchbinderin und Meisterin ihres Fachs. Seit 1997 arbeitet die gebürtige Berlinerin in der Unibibliothek Stuttgart.

„Ich bin meine eigene Dienststellenleiterin“, sagt sie und lacht. Die meiste Zeit arbeitet sie alleine in dem lang gezogenen Raum, der sich hinter der Ausleihstelle im ersten Stock befindet und von dem aus man auf die Hauptstraße blickt. Fein säuberlich stehen die Bücher in den Regalen oder stapeln sich auf dem Tisch. In den Anfangszeiten hatte Gudrun Storz noch zwei Kollegen, die Buchbinderei der Uni hatte 2,5 Stellen. Inzwischen werden Aufträge, die Gudrun Storz nicht alleine bewältigen kann, aus Kostengründen an externe Buchbinder vergeben. „Es ist ein aussterbender Beruf“, bedauert die 54-Jährige. „Handarbeit ist teuer, gerade im Zeitalter der Digitalisierung.“ Zudem liegt das Einstiegsgehalt nach der Lehre bei etwa 1600 Euro brutto. Sie selbst ist da besser gestellt, weil sie an der Uni als öffentliche Angestellte arbeitet.

Besonders freut es Gudrun Storz, dass sie seit 2005 den Nachwuchs ausbilden kann. Das macht ihr sehr viel Spaß, denn dann kann sie auch den Auszubildenden zeigen, wie man kunstvoll gefertigte Einbände und Fotoalben aus Leder, Leinen oder Kunststoff herstellt und Skizzenbücher, Schachteln oder Kästchen mit selbst gefärbtem Papier bezieht. Und wenn dann ein Auszubildender seine Lehre als Bester mit einem Kammersieg abschließt, ist Gudrun Storz besonders stolz.

20 Bewerber haben sich dieses Jahr für eine Ausbildung interessiert. „In Spitzenzeiten waren es bis zu 50.“ Der Rückgang liege auch daran, dass es schwer sei, eine Stelle nach der Lehre zu finden. „Man muss flexibel sein und dorthin gehen, wo es einen Job gibt.“ Trotzdem bestünden auch in diesem Beruf Möglichkeiten. „Wer gut ist, gute Produkte herstellt und sich unverzichtbar macht, kann seine Nische finden.“ Zudem könne man sich weiterbilden – und mit dem Abitur auch ein Restauratorenstudium machen.

Für Gudrun Storz hat die Buchbinderei nach mehr als 30 Jahren nicht an Reiz verloren. „Altes zu bewahren und zu schützen, Neues zu entwickeln und zu gestalten macht den Beruf spannend.“

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