Alte Berufe neu entdeckt Warum sich Handwerk lohnt: Vier Menschen erzählen

Von Kerstin Ruchay 

Immer weniger Jugendliche machen eine Ausbildung im Handwerk, Tausende Stellen sind unbesetzt. Warum sich eine Ausbildung dennoch lohnt: In vier Porträts erzählen Handwerker, was sie an ihrem Beruf fasziniert, warum ihr Expertenrat auch als Rentner noch gefragt ist – und warum Totgesagte oft länger leben.

Der Holz- und Weinfassküfer Karl Müller – auch als Rentner noch gefragt Foto: factum/Granville 8 Bilder
Der Holz- und Weinfassküfer Karl Müller – auch als Rentner noch gefragt Foto: factum/Granville

Ludwigsburg/Stuttgart - Immer weniger Jugendliche machen eine Ausbildung im Handwerk, Tausende Stellen sind unbesetzt. Warum sich eine Ausbildung dennoch lohnt: In vier Porträts erzählen Handwerker, was sie an ihrem Beruf fasziniert, warum ihr Expertenrat auch als Rentner noch gefragt ist – und warum Totgesagte oft länger leben. Ein Plädoyer für das Handwerk.

Der Küfer ist auch noch als Rentner gefragt

Fässer sind seine Leidenschaft. Das sieht und spürt man, wenn man Karl Müller trifft. In seiner Wohnung in Ludwigsburg finden sich liebevoll gefertigte Holzfässer in Miniaturform, und an der Wand im Esszimmer hängen Holzfassböden, die mit bunten Weinkristallen verziert sind. Das beste Stück steht in seinem Keller: Dort bewahrt der 79-Jährige ein Holzfass mit drei Kammern auf. Darin kann er nicht nur Weiß- und Rotwein, sondern auch Schnaps lagern – und zwar so, dass alles die richtige Temperatur hat.

Im Alter von 13 Jahren begann Karl Müller seine Ausbildung zum Holz- und Weinküfer. „Der Beruf wurde mir quasi in die Wiege gelegt, mein Großvater und mein Vater waren Küfer.“ Die Lehre machte er im Betrieb seines Vaters in Tamm. Nach drei Jahren ging er auf Wanderschaft, sammelte Erfahrungen in Österreich und Italien. „Ich bin alles zu Fuß gegangen, und weil es nicht überall Grenzstationen gab, wusste ich manchmal nicht, dass ich schon in einem anderen Land war.“

Zurück in Deutschland, entschied sich der junge Karl, das zu machen, was ihn schon immer reizte: große Fässer zu bauen, die ein Fassungsvermögen von bis zu 35 000 Litern haben. Die Firma Rieger in Mundelsheim bot ihm diese Gelegenheit. 48 Jahre blieb er der Firma treu. Auch weil er sich dort weiterentwickeln konnte. Karl Müller machte in Weinsberg den Holz- und Weinküfermeister wie auch den Kellermeister. „In meinem Beruf kommt es auf die Kleinigkeiten an: Wie ist der Holzstamm gewachsen? Wie kann man ihn so verarbeiten, dass nachher alles perfekt passt? Das macht den Reiz aus.“ Und weil er auch bei Edelstahlfässern selbst Hand anlegte, ließ er sich obendrein zum Schweißer ausbilden.

Müller reiste für Rieger quer durch Europa, nach Afrika und Amerika. „Ich war überall, wo Wein angebaut wurde, und habe von allen Fässern, die ich gefertigt habe, sämtliche Schritte dokumentiert, das erleichterte später die Arbeit.“ Wie viel er verdient hat? Karl Müller lacht verschmitzt und sagt: „Ich hatte ein gutes Auskommen.“

Auch heute als Rentner ist sein Rat als Experte noch immer gefragt. Im Weingut Herzog von Württemberg etwa. Im Weinkeller des Schlosses Monrepos in Ludwigsburg wurde auch das Foto gemacht, das ihn auf einem Holzfass zeigt. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man gebraucht wird“, sagt er. „Holz- und Weinfassküfer ist ein aussterbender Beruf, es gibt nur noch wenige, die ihn hier bei uns ausüben.“ Auch aus diesem Grund lässt ihn seine Leidenschaft bis heute nicht los. Und Arbeit hält jung: Seine 79 Jahre sieht man ihm nicht an.