Fotografen erkannten den Lost Place früh
Das hat auch das Landesdenkmalamt so gesehen, das nach der Stilllegung der Mühlsteinfabrik Dettinger das ganze Areal mit allen Gebäuden in Augenschein nahm. Kulturamtsleiterin Susanne Martin erinnert sich an den Zustand der Räumlichkeiten nach der Stilllegung der Produktionsstätten: Maschinen und Ausstattung seien noch komplett vorhanden gewesen, beinahe so, als könne man jederzeit wieder die Arbeit aufnehmen. Der Plochinger Fotograf Uwe Keller und der inzwischen verstorbene Sven Grenzemann waren geistesgegenwärtig, baten um Zugang und lichteten diese Szenerien ab. Sie haben wertvolle Zeitdokumente geschaffen; eine Auswahl soll demnächst als Dauerausstellung im Ateliergebäude, dem einstigen zentralen Produktionsgebäude, zu sehen sein.
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Für die Remise habe seitens der Denkmalschützer schnell festgestanden, so Susanne Martin, „dass das Gebäude im Originalzustand bleibt und seinen natürlichen, gestampften Erdboden behält“. Die Remise ist das zweitälteste Gebäude auf dem Areal und wurde bereits um 1880 gebaut, zunächst als „Freipfostenschuppen“, also als offener Wagenunterstand, später geschlossen. 1997 wurde sie von der Stadt Plochingen originalgetreu saniert, mit ihrer schmucken, längs gestreiften Fassade, ihrem großen Holztor, dem Ziegeldach und den hübschen Sprossenfenstern, die bei Sonnenlicht helle Vierecke auf den Boden werfen. Dieser ist so uneben, dass er an manchen Stellen um mehrere Zentimeter höher ist als an anderen. Feiner, grau-weißer Steinstaub bedeckt ihn.
In den Regalen liegt ein Sammelsurium rostiger Teile: Platten Röhren, Bänder, Deckel aus Metall, Werkzeug und anderes Zubehör. Maschinen und weitere Gerätschaften für den Mühlsteinguss wurden hier in der richtigen Reihenfolge aneinandergereiht: So nah beieinander standen sie in Wirklichkeit zwar nie, aber man kann quasi komprimiert den Produktionsablauf nachvollziehen. Dafür hat man das Inventar aus der Alten Steingießerei, die heute als Veranstaltungsraum dient, hierher gebracht.
Führungen sind wieder geplant
„Es ist jetzt gerade wirklich sehr verwunschen, weil ja auch die letzten beiden Jahre nichts stattgefunden hat“, sagt Susanne Martin. Zu irgendeinem Loch hat es Laub hereingeweht, das vertrocknet auf dem Boden liegt. Aber viel muss nicht getan werden, um wieder Führungen stattfinden zu lassen. Diese „museale Schauanlage“ wird nur bei besonderen Anlässen und Festen im Kulturpark und für gebuchte Führungen geöffnet. Ansonsten kann man vorsichtig durchs Fenster schauen und das verträumte Bild wirken lassen. Wobei es in der Mühlsteinfabrikation garantiert nicht beschaulich zuging: Hier wurde körperlich hart und schweißtreibend gearbeitet. Die Abbildungen auf den Schautafeln in der Remise zeigen kräftige Männer, die aufrecht und stolz an ihrem Arbeitsplatz stehen.
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Zumindest etwas leichter wurde die Arbeit im Lauf der Jahrzehnte. Während die Mühlsteine anfangs, um 1870, noch mit Hammer und Meißel behauen wurden, formte man sie später auf gewaltigen Drehbänken. So mussten lediglich der Rohling und die Einkerbungen an der Oberfläche noch von Hand behauen werden. Die Umstellung auf Gussmühlsteine brachte dann sicherlich den größten Fortschritt. Sie wurden aus gemahlenem Gestein und Bindemittel gleich in der richtigen Form gegossen. Je nach Nutzungszweck konnte man unterschiedliche Körnungen und Härtegrade herstellen.
Grünanlage war einst Privatgarten
Nachdem die Stadt 1987 das Gelände gekauft hatte, habe man durchaus mit dem Gedanken gespielt, alles museal zu erhalten, sagt Susanne Martin. Man sei aber zu dem Schluss gekommen, dass es für Plochingen wichtiger sei, „dass das Gelände lebt“. Stück für Stück entwickelte sich der Kulturpark bis zum heutigen Zustand, mit einem Kunstverein und zwei musiktreibenden Vereinen, mit Künstlerateliers und der Alten Steingießerei als Veranstaltungsraum. Noch nie hat die Öffentlichkeit so viel von dem Grünbereich gehabt wie heute, war doch die gesamte Anlage einst der Privatgarten der Fabrikantenfamilie und nicht zugänglich. Stadtfeste und andere Veranstaltungen finden nun hier statt. Nur an einer Stelle scheint die Zeit stillzustehen: in der Remise.
Mühlsteinfabrik Dettinger
Ursprünge
1852 gründete der Leinenwebermeister Johann Georg Dettinger in Plochingen eine Handelsfirma für Müllereibedarfsartikel. Er expandierte und erweiterte sein Angebot um den Produktionszweig Mühlsteinherstellung. Für seinen neuen Betrieb erwarb er das Gelände des heutigen Kulturparks Dettinger. 1871 entstand das erste Produktions- und Arbeiterwohngebäude. Nach und nach folgte der Bau weiterer Fabrikations-, Lager- und Bürogebäude für Mühlsteinproduktion und Handel. Die Fabrik belieferte Mühlen in ganz Europa.
Villa und Garten
1901 baute der Fabrikant als Wohnhaus für sich und seine Familie eine schöne Jugendstilvilla neben die florierende Fabrik, umgeben von einem herrlichen großen Gartenpark, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war.
Kulturpark
Bis in die 1950er-Jahre blieb die Mühlsteinproduktion ein gutes Geschäft. In den 1960er-Jahren ging der Bedarf an Mühlsteinen jedoch stark zurück und die Firma Dettinger stellte zunächst die Produktion auf Schleifscheiben um, konnte aber dem wachsenden Konkurrenzdruck größerer und modernerer Firmen nicht standhalten. Ende der 1980er-Jahre wurde die Produktion schließlich ganz eingestellt. Im Jahr 1990 erwarb die Stadt Plochingen das gesamte Firmengelände mit den historischen Produktionsgebäuden, der Fabrikantenvilla und dem Gartenpark und schuf dort den Kulturpark Dettinger.