Diskussion um die alten, weißen Männer Macho, Macho

Der privilegierte Mann will nicht von seinen Machtpositionen weichen. Foto: contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Sie haben Macht, sind privilegiert und stehen zunehmend in der Kritik: die „alten weißen Männer“. Der Begriff verärgert viele. Warum wir die Diskussionen darüber trotzdem brauchen.

Stuttgart - Wenn Männer durch fatales Fehlverhalten eine Staatskrise auslösen, wie jüngst in Österreich der ehemalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache, sagen sie gern mal, das war eben eine „bsoffene Gschicht“, ein „alkoholbedingtes Machogehabe“ – man stelle sich einmal vor, eine Politikerin würde ihr eigenes Verhalten mit diesen Worten erklären. Männer hingegen sind viele Jahrhunderte lang mit solchen Ausflüchten gut durchgekommen.

 

Doch jetzt hat sich die Welt gedreht. Machistische Fehltritte von Männern haben Konsequenzen, man denke auch an all jene Schauspieler, die im Zuge der Metoo-Debatte durch sexuell übergriffiges Verhalten ihre Jobs verloren haben. Seit einiger Zeit nun will man „typisch männliches“ Verhalten identifiziert haben, neuerdings ist in diesem Zusammenhang von „toxischer Männlichkeit“ die Rede. Anfang des Jahres verursachte die American Psychological Association (APA) weltweit Aufregung, weil sie in ihrem Ratgeber „Guidelines for Psychological Practice with Boys and Men“ das männliche Machoverhalten in die Nähe von psychischen Krankheiten gerückt hatte.

Das Lieblings-Hassobjekt von Feministinnen

„Typisch männliche“ Eigenschaften wie Dominanz, Aggression und Konkurrenzdenken brächten Männer häufiger hinter Gittern, ins Krankenhaus oder trieben sie sogar in den Tod. Und das Stereotyp des verschlossenen Mannes, der weder Gefühle zulassen noch Schwäche zeigen dürfe, führe zu psychischen Problemen wie Depressionen und Stress.

Eine Gruppe steht seit einiger Zeit besonders im Fokus der Kritik: die der „alten weißen Männer“. Sie ist das Lieblingshassobjekt von vielen Feministinnen geworden. Besonders populär ist das hierzulande seit dem Erscheinen des Buchs „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch“ der Autorin und Moderatorin Sophie Passmann. Die 25-Jährige grenzt aber durchaus ein: „Nicht jeder Mann, der alt und auch weiß ist, gehört automatisch zum Feindbild ‚alter weißer Mann‘“, schreibt Passmann. Vielmehr sei es das „Gefühl der Überlegenheit gepaart mit der scheinbar völligen Blindheit für die eigenen Privilegien“. Wir leben in einer Zeit, in der Frauen sich emanzipiert haben. Männer hingegen, so wird es ihnen nicht nur bei Passmann unterstellt, hätten den Anschluss an die neue Zeit verpasst, fänden ihre Rolle nicht, seien desorientiert.

Die Erziehung von Jungen ist entscheidend

Die Forschung hat gezeigt, dass die meisten Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen gesellschaftlich anerzogen und geprägt sind. Dennoch ist es seit einiger Zeit wieder populär, die Unterschiede der Geschlechter in der Biologie zu suchen. Gene oder Sozialisierung? Der Autor und Männerberater Björn Süfke beantwortet diese Frage in seinem Buch „Männer“ für sich recht knapp: „Ja und Ja!“ Wenn man den „unglaublichen Facettenreichtum, die unsagbare Komplexität von sowohl genetischen als auch sozial konstruierten Komponenten“ berücksichtige, dürfte klar sein, das Verhältnis zu ermitteln sei zum Scheitern verurteilt.

Süfke gibt zu bedenken, traditionelle Erziehungsmethoden gegenüber Jungen hätten häufig zur Folge, dass der Zugang dieser Jungen zu ihren eigenen Gefühlen blockiert werde – dies geschehe nur allzu oft „im Verlaufe des männlichen Aufwachsens“. Der Soziologe und Männerforscher Rolf Pohl glaubt auch: „Das Geschlechterverhältnis ist ein Reflex der gesellschaftlichen Umsetzung.“ Es gebe natürlich eine biologische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Das sei an sich kein Problem, problematisch werde es nur dann, wenn eine „Ungleichwertigkeit“ vorherrsche. Rolf Pohl glaubt, deren Ursprung liege bereits im gesellschaftlichen Aufwachsen von Jungen. „Die Ungleichwertigkeit wird in die Männer reingeimpft. Das ist wie ein Klebstoff.“

Viele Männer wollen nicht von ihren Machtpositionen weichen

Für viele Männer ist es deshalb zum Problem geworden, wenn Frauen heute unabhängig sind, ihre Rechte selbstbewusst einfordern und sich ihre Art zu leben nicht mehr von Männern vorschreiben lassen. Die als naturgegeben verstandene Dominanz und Entscheidungsgewalt der Männer akzeptiert in der westlichen Welt kaum noch eine Frau. So hat das Abtreibungsverbot in Alabama, das auch bei Vergewaltigungen gilt, weltweit große Empörung hervorgerufen, getroffen haben diese Entscheidung nämlich: knapp zwei Dutzend ältere weiße Männer.

Viele Männer, das zeigen auch die Geschlechterverhältnisse in den Vorstandsetagen, wollen partout nicht von ihren Machtpositionen weichen – leitet sie die Angst, Privilegien zu verlieren? Die Konfrontation mit den eigenen Privilegien führt auch zur Frage nach deren Berechtigung und damit zur Befürchtung, vieles nur deswegen erreicht zu haben, weil man ein Mann ist. Das kann das eigene Selbstverständnis ins Wanken bringen.

Die Emanzipation der Frauen löst bei vielen Männern entsprechend starke Abwehrreaktionen aus. Vor allem in konservativen Kreisen bezeichnen sich Männer als Maskulinisten, hassen Feministinnen und reden von „Gender-Gaga“. Das lässt sich in sozialen Netzwerken täglich beobachten. Diese Männer scheinen sich die alte Weltordnung zurück zu wünschen, in der Frauen nichts zu sagen hatten. Der Autor Slavoj Zizek behauptet in der „Neuen Zürcher Zeitung“ beleidigt: „Feministinnen rauben dem weiblichen Körper den Reiz.“ Boris Palmer fühlt sich diskriminiert, wenn die Deutsche Bahn in einer Werbung Vielfalt abbildet, aber den „alten weißen Mann“ vergisst. Erbost schrieb der Tübinger Oberbürgermeister im Internet: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“

Männer begehen häufiger Gewaltverbrechen

Die polemische und je nach Kontext diskriminierende Bezeichnung „alter weißer Mann“ macht viele wütend. Nun haben aber „alte weiße Männer“, wenn man sie denn so nennen will, noch sehr viele Machtpositionen inne, von einer generellen Diskriminierung kann also keine Rede sein. Dennoch wird die Diskussion bisweilen von auch von einzelnen Frauen und Feministinnen aggressiv angeheizt.

So hat die Autorin Sibel Schick im vergangenen Jahr mit dem Hashtag MenAreTrash – Männer sind Abfall – Empörung hervorgerufen. Auf Twitter nutzten den Hashtag viele Frauen, um ihrer Wut gegen das Patriarchat Ausdruck zu verleihen. Der Hashtag ist keine Erfindung von Sibel Schick, er hat seinen Ursprung in Südafrika. Dort wurde er ins Leben gerufen, um auf die Gewalt von Männern gegenüber Frauen aufmerksam zu machen.

Statistiken zeigen, dass Männer überproportional häufig das Internet mit Hasskommentaren und Gewaltfantasien fluten. Diesen Hass im Netz kriegen vor allem Frauen ab, die in der Öffentlichkeit stehen. Das sind Autorinnen wie Sibel Schick und Margarete Stokowski, die Missstände anprangern und Veränderungen fordern. Auch junge Aktivistinnen wie Emma Gonzales und Greta Thunberg werden offensiv in den sozialen Netzwerken bedroht.

Es gehört zum Feminismus, zu laut, zu nervig und zu radikal zu sein

Vor allem Männer, die politisch rechts stehen, entwickeln Hass auf diese Frauen. Melanie Groß, Expertin für Genderforschung an der Fachhochschule Kiel, sagt in einem Interview mit der Online-Plattform Zett: „Hier entlädt sich die Feindlichkeit, die Menschen – meist Männer – über alle schütten, die ihrem oft maskulinistischen und rechtspopulistischen Weltbild nicht entsprechen.“ Rechtspopulistische und sehr konservative Parteien erhalten ihre Stimmen mehrheitlich von Männern. Die Eindeutigkeit der Männerrollen, die Politiker wie Matteo Salvini, Donald Trump, Jair Messias Bolsonaro oder Alexander Gauland verkörpern, gibt denen, die sich orientierungslos fühlen, wohl auch Halt.

Gerade deshalb gehört es zwar zum Feminismus, zu laut, zu nervig und zu radikal zu sein – sonst gäbe es bis heute kein Wahlrecht für Frauen, keine Gleichheit vor dem Gesetz. Doch Aktionen wie der Hashtag MenAreTrash sind menschenverachtend und führen zu Abwehrreaktionen. Ziel des Feminismus ist es nicht, Privilegien umzukehren und aus einem Patriarchat ein Matriarchat zu machen.

Es geht vielmehr um den Aufbau einer Gesellschaft, in der Geschlecht oder Herkunft keine Rolle spielen. Dafür wäre gegenseitiges Verständnis und Empathie notwendig – anstatt einen Keil zwischen die Geschlechter zu treiben. Frauen thematisieren die Ungleichheit und gehen dagegen vor – das scheint für manche Männer heute immer noch überraschend.

Die Frauen müssen es auch zulassen

Doch mittlerweile setzen sich auch einige Männer, nicht nur jüngere, kritisch mit der „traditionellen Männlichkeit“ auseinander, auch weil sie selbst frei von auferlegten Dogmen sein und nicht unter dem herrschenden Rollenverständnis leiden wollen – das in seinen Ausprägungen ja auch für Männer etliche Restriktionen bereit hielt, beispielsweise was die Kindererziehung angeht.

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans, 51, sagte in einem Interview dem „SZ-Magazin“: „Um zu wissen, dass viele Leiden der Welt auf die männlich destruktive Energie zurückzuführen sind, musste ich nicht extra Feminist sein, dazu muss man nur realistisch in die Welt schauen. Es herrscht Militarismus, Nationalismus, religiöser Fanatismus. Und die Akteure, die all das zu verantworten haben, haben überwiegend einen Penis.“ Auch Björn Süfke kritisiert, was das „traditionelle“ Verständnis von Männlichkeit in der Familie und in der Gesellschaft angerichtet habe. Er fordert die Männer auf, sich zu bewegen – und die Frauen, das wirklich zuzulassen. „Denn dann werden wir alle profitieren: durch eine Partner- und Elternschaft auf Augenhöhe und eine gleichberechtigte Gesellschaft.“ Der Grünen-Chef Robert Habeck erklärt im Gespräch mit Sophie Passmann: „Ich wollte nicht Teil der patriarchalen Machtdominanz sein. Aber auch, wenn ich mir einbilde, ein verständnisvoller Mann zu sein, bin ich ja trotzdem in der Logik gefangen.“

Die Welt wird sich nicht zurückdrehen

Würde die Welt eine bessere sein, wenn Frauen gleich viel Macht wie Männer hätten? Frauen reflektieren jedenfalls seit Jahrzehnten ihre Rolle in der Gesellschaft. Der Mann muss spätestens jetzt damit anfangen. Und noch etwas: Die Moderatorin und Journalistin Dunja Hayali sagte kürzlich bei einer Veranstaltung in Stuttgart: „Starke Männer halten starke Frauen aus.“ Angst vor Konkurrenz hat ja oft nur der, der sich selbst für schwächer hält.

Innerhalb dieser Konfliktfelder suchen viele Männer ja auch nach neuen Rollen. Denn die Welt wird sich nicht zurückdrehen. Dass eine Frau das Land regiert, reicht nicht aus. Ziel ist es, dass Frauen in Politik und Unternehmen gleich repräsentiert sind wie Männer. Als der neu gewählte kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau 2015 sein Kabinett vorstellte, das aus Jungen und Alten, aus Inuit und Einwanderern bestand, außerdem zur Hälfte aus Männern und Frauen, wurde er von einer Reporterin nach dem Grund für die Auswahl seiner diversen Truppe gefragt. Trudeaus Antwort: „Weil es 2015 ist!“

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