Alter Schienenbus in Kornwestheim Ein Märchenzug mit Rostproblemen

Von Peter Meuer 

Der Förderverein Schienenbus hat einen Zug aus den 50er-Jahren gekauft. Ein Schwertransporter hat den künftigen „Roten Flitzer“ aus Nordhessen angeliefert. Nun steht jede Menge Restaurationsarbeit an.

Hier ist Muskelkraft gefragt: Mitglieder des Fördervereins Schienenbus drücken den 25-Tonnen-Zug auf die Gleise. Foto: Christian Mateja
Hier ist Muskelkraft gefragt: Mitglieder des Fördervereins Schienenbus drücken den 25-Tonnen-Zug auf die Gleise. Foto: Christian Mateja

Kornwestheim - Der einstmals weinrote Wagen wackelt. Er ruckelt, er grollt, er wehrt sich. Er will nicht rollen, noch nicht. Die Magnetbremse des 25-Tonnen-Zugs hat sich auf der Ladefläche des Schwertransporters verhakt. Farbe blättert an dem alten Zug, der wie vom Schrottplatz wirkt, ab und gibt glänzende Aluminiumwände frei. Die Scheiben sind verschmiert. Doch seine Betriebsnummer trägt der Zug mit Stolz: „796 761 – 5“. Noch will er nicht auf die Gleise in der Montagehalle des Fördervereins Schienenbus im Kornwestheimer Südwesten, wo der Geruch von Schweiß, Öl und warmem Metall durch die kalte Nachtluft wabert. Kraft ist jetzt gefragt, Motorenkraft und Muskelkraft.

Arno Langer eilt herbei, 32 Jahre alt, das Hemd gelb und voller schwarzer Flecken, den Bauhelm auf dem Kopf. Mit seinen großen Händen schiebt er eine Metallstange an die Magnetbremse, um sie zu lösen. Zeitgleich fährt ein weiterer Helfer mit einem Stapler heran. Er drückt mit der Gabel gegen einen Puffer, der im Fahrbetrieb den Abstand zum angekoppelten Wagen hielt. Der Stapler schiebt, Langer hebelt. Hinter dem 50er-Jahre-Wagen hallt eine Stimme. „Achtung, Achtung!“ Eine andere ruft: „Weiter, weiter!“ Noch mehr behelmte Männer eilen herbei, schieben.

Zu schwer für Autobahnbrücken

Arno Langer hebelt und stemmt, der Stapler nimmt noch einmal Anlauf. Es rumort unter dem Zug. Dann zuckt er noch einmal – und es ist geschafft: Der Wagen rollt langsam, gesichert von einem Stahlseil, von der Ladefläche des Schwertransporters. Über grüne Stahlstreben geht es auf die Gleise. „Bodenkontakt, er hat Bodenkontakt“, ruft Birgit Liebe glücklich, die Schriftführerin des Fördervereins Schienenbus, die dem Spektakel beiwohnt.

Es ist vollbracht: Der Förderverein Schienenbus nennt einen weiteren Schienenbus-Motorwagen sein Eigen. Mehr als einen halben Tag dauerte dessen Reise von Kassel. Der Fahrer des Schwerlasttransporters musste die A 7 meiden – für manche Brücken dort war die Last zu schwer, er fuhr über Frankfurt. Auch in der Kurve von der B 27 nach Kornwestheim hinein gab es Probleme, Autos blockierten den Weg.

Aber nun ist der Schienenbus da. Gerd Hesse, ebenfalls mit Helm und Warnweste, greift nach seinem Mobiltelefon. Der Vorsitzende des Fördervereins ruft den ehemaligen Vorsitzenden jenes Vereins an, der den gelieferten Schienenbus in Nordhessen betrieb. „Es geht ihm gut“, berichtet er erleichtert, fast liebevoll ins Handy, als spreche er von einem Neugeborenen. „Er steht in unserer Halle.“

Von den hessischen Ehrenamtlichen haben Hesse und Co. den neuen Motorwagen gekauft. Als „Frau-Holle-Express“ fuhr er früher die Märchenstraße entlang, in der Region der Gebrüder-Grimm-Stadt Hanau. Doch der Verein stellte den Betrieb ein, jahrelang stand das Fahrzeug in Kassel nicht nur sprichwörtlich auf dem Abstellgleis.

Zwei Motoren mit je 150 PS

Auch einen Steuerwagen und einen Beiwagen hat der Kornwestheimer Schienenbus-Verein erworben, sie kommen in den nächsten Tagen an, dann ist eine weitere Dreier-Garnitur komplett. Eine kleine Rangierlok gibt es noch dazu.

In nicht allzu ferner Zukunft soll aus dem „Frau-Holle-Express“ ein weiterer „Roter Flitzer“ werden, wie der Förderverein seine eigenen historischen Museumszüge mit dem „Wir wollen Wulle“-Aufdruck benannt hat. „Wir prüfen erst einmal, was zu reparieren ist, in welchem Zustand Technik und Interieur sind“, sagt Hesse. Dann werde restauriert, voraussichtlich ab dem Sommer.

Hesse schaut unter den Wagen, deutet auf einen der beiden 150-PS-Unterflurmotoren. „Sieht nicht schlecht aus“, sagt er. Arno Langer hat den Innenraum unter die Lupe genommen und die Sitze untersucht. „Ist noch einiges zu tun“, gibt er eine Einschätzung – der Ehrenamtliche ist auch Verkehrsbetriebswirt und Zugführer. „Die Technik lässt mich hoffen, und es ist keine Scheibe eingeworfen“, sagt Hesse. Aber es liege noch viel Arbeit vor den Vereinsmitgliedern, sagt er. Was die Kornwestheimer für den Zug bezahlt haben, wollen sie nicht verraten. Aber wenn die Dreier-Garnitur restauriert ist, dürfte ihr Wert bei mindestens 100 000 Euro liegen.

Der Schienenbus wurde, wie rund 1500 andere, zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts gebaut, entwickelt von der Waggonfabrik Uerdingen in Krefeld. Er war modern für seine Zeit. „Deutschland lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern, trotzdem haben Ingenieure so etwas geschaffen“, sagt Hesse. Er gerät ins Schwärmen, wenn er von den Panoramarafenstern berichtet oder von den beiden Steuerständen, die Fahrten in beide Richtungen ermöglichen. Diese Dieselwagen waren fortschrittlich in einer Zeit, in der vielfach noch die schwarze Dampflok des 19. Jahrhunderts das Bild auf den Gleisen dominierte.

Faszination für alte Züge

Die Spuren der Zeit am Schienenbus aus Kassel sind jüngeren Datums, der „Frau-Holle“-Schriftzug an der linken Seite ist fast abgeblättert. Viel Rost bröckelt. Ein Witzbold hat grüne, gelbe und lilafarbene Luftballons an ein Fenster gesprüht. Hesse nimmt’s mit Humor. „Vielleicht lassen wir ja Luftballons steigen, wenn wir den Zug wieder in Betrieb nehmen, sagt er. „Die sind dann aber rot.“

Wann es soweit sein könnte? In einem Jahr vielleicht, da könnte der nagelneue „Rote Flitzer“ fahren, meint Hesse. So genau wisse er das nicht. Wenn er einsatzbereit ist, wird der Fuhrpark des Fördervereins auf etwa ein Dutzend Schienenbus-Zugmaschinen und Waggons angewachsen sein. „Das reicht erst mal“, sagt Hesse.

Der Platz, der gehe ja irgendwann aus. Auch Arno Langer wird mit dabei sein, wenn die neuen „Roten Flitzer“ starten. Die Schienenbusse sind doppelt so alt wie er. Woher seine Faszination kommt? „Wenn die Menschen die alten Züge sehen, dann leuchten ihre Augen“, erzählt der 32-Jährige. „Egal, ob es Kinder sind, oder Ältere, die selbst als Kind mit den Schienenbussen gefahren sind“, ergänzt er. „Es ist erfüllend, das zu sehen.“

Ein Stück Geschichte auf Gleisen


Der Förderverein Schienenbus aus Kornwestheim restauriert Züge aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und bietet mit den sogenannten „Roten Flitzern“ Museumsfahrten in der Region an. Dabei kooperiert der Verein mit der Firma DNV Touristik aus Kornwestheim; Gerd Hesse ist hier der Geschäftsführer. Der Schienenbus war in den 50er und 60er Jahren ein populäres Fahrzeug der Bahn. Rund 1500 der Motorwagen wurden gebaut. Eine typische Garnitur besteht aus Motorwagen, Steuerwagen und Beiwagen.




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