Alter Tunnel unter dem Rosensteinpark Der Tunnel gibt nicht alle Geheimnisse preis

Unter dem Rosensteinpark verläuft der erste Eisenbahntunnel Württembergs. Mittlerweile ist der alte Rosensteintunnel seit hundert Jahren stillgelegt. Dass trotzdem ab und an Besuchergruppen durch ihn wandern, liegt an Hermann Gökeler.

Ohne Taschenlampe sieht man nichts im Innern des Rosensteintunnels. Foto:  
Ohne Taschenlampe sieht man nichts im Innern des Rosensteintunnels. Foto:  

S-Nord/Bad Cannstatt - Über Tunnel wird derzeit in Stuttgart viel gesprochen. Nahezu in Vergessenheit geraten ist dagegen der erste Eisenbahntunnel Württembergs, ein einzigartiges Bauwerk, wie Hermann Gökeler sagt, weil es sich um einen stillgelegten Bahntunnel mitten in einer Großstadt handelt.

Der alte Rosensteintunnel ist so etwas wie das Herzensprojekt Gökelers. Der 78-Jährige ist mit der Begeisterung für die Eisenbahn aufgewachsen: „Mein Vater und mein Bruder waren beide Eisenbahner“, erzählt er. Die Familie lebte damals im Nordbahnhofviertel. „Ich habe als kleines Kind gar nicht gewusst, dass es außer Eisenbahnern und Postlern noch andere Berufsgruppen gibt“, erinnert er sich. Und immer wieder kam auch mal die Sprache auf den nicht mehr genutzten Bahntunnel unter dem Rosensteinpark. Der war Gökeler ein Begriff, aber Zeit, richtig nachzuforschen, hatte er erst nach der Pensionierung. Vor einigen Jahren hat Gökeler die Erlaubnis bekommen, die Eisentür aufzuschließen und den Tunnel zu betreten, der mittlerweile dem Landesbetrieb Vermögen und Bau gehört.

Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Eine kleine Zeitreise in die 1840er Jahre: Der erste Bahnhof Stuttgarts entstand an der Bolzstraße, die damals Schloßstraße hieß. Zwei Tunnel gab es, die aus Stuttgart hinaus- und nach Stuttgart hineinführten: den Pragtunnel und eben den Rosensteintunnel, der direkt unter der Mittelachse des Schlosses Rosenstein verläuft. 1846 fuhr die erste Dampflokomotive von Cannstatt durch den Rosensteintunnel nach Stuttgart. „Er ist seit hundert Jahren stillgelegt“, sagt Hermann Gökeler. Bei seinen Führungen sind Taschenlampen Pflicht, denn in der Röhre ist es stockduster. „Als der Tunnel 1844 gebaut wurde, waren die Baupläne vom Schloss Rosenstein nicht mehr auffindbar“, erzählt Gökeler. „Es gab eine große Gegnerschaft gegen den Tunnel, die eine Beschädigung des Schlosses befürchtete. Es ist alles gutgegangen, aber es hätte auch schiefgehen können.“

Hier und da tropft es ein wenig, an manchen Stellen haben sich Tropfsteine gebildet. Die Gleise sind längst abgebaut, aber der Tunnel ist noch intakt. Immer mal wieder finden sich Alkoven in den Wänden. Gökeler erklärt, dass die Arbeiter, die die Schienen reparierten, auch „Streckenläufer“ genannt, dort Schutz suchten, wenn ein Zug vorbeifuhr.

Dann wurde der Eisenbahnbetrieb ausgebaut und auf viergleisig umgestellt. Der zweigleisige Rosensteintunnel war damit zu klein und wurde 1914 stillgelegt. Zwischenzeitlich wurde der Tunnel für andere Vorhaben genutzt: „Hier wurden schon Champignons gezüchtet“, berichtet Hermann Gökeler. Im Zweiten Weltkrieg diente der Bau als Luftschutzbunker, das Unternehmen Mahle mietete ihn eine Zeit lang, und schließlich war er Unterschlupf für obdachlose Menschen, bis das Tunnelportal schließlich zugemauert wurde. Diese wechselvolle Geschichte hat Spuren hinterlassen: an manchen Stellen sind Zwischenwände gezogen worden, auf dem Boden finden sich Flaschenscherben und alte Zeitungen, und in einem Alkoven baumelt eine schwarze Jacke.

Keine Fledermäuse, dafür Höhlenflohkrebse

Fledermäuse gibt es keine, denen sei es zu warm, hat Gökeler herausgefunden. Dafür leben in den Wasserpfützen am Boden Höhlenflohkrebse, das sind wenige Millimeter kleine Lebewesen.

Viele Geheimnisse hat der Tunnel schon preisgegeben – aber noch nicht alle. Gökeler hat zum Beispiel nicht herausgefunden, was genau die Firma Mahle hier bis 1946 hergestellt hat. Auch den Urheber eines Graffitos, das eine Wasser ausschüttende Figur darstellt, kennt er nicht. Es befindet sich in der Nähe der Stelle, an der Gökeler den Wassereinbruch vermutet, der den Bau des Tunnels 1844 kurz unterbrochen hatte. „Ich würde gerne wissen, was der Künstler damit sagen will“, sagt der 78-Jährige. Er will weiter forschen.

Gökeler ist es zu verdanken, dass überhaupt Führungen durch den Tunnel stattfinden. Fast 1000 Menschen hat er bereits durch den Tunnel gelotst – rein ehrenamtlich. Für ihn ist das nicht mehr so aufregend wie für die, die dort zum ersten Mal mit der Taschenlampe das Innere erkunden. Aber ihm ist wichtig, „dass mehr Menschen diesen einzigartigen Ort sehen können, solange es noch geht“.

Denn Hermann Gökeler befürchtet, bald keine Führungen mehr anbieten zu können: „Ich gehe davon aus, dass die Baustelle für den Cannstatt-Tunnel für Stuttgart 21 vor dem Tunnelportal eingerichtet wird.“ Schon einmal hatte Gökeler wegen Stuttgart 21 keinen Zugang mehr zum Tunnel: Die Bahn sperrte den Tunnel vor zwei Jahren, um Teile des Grundwassermanagements zu verlegen. Die Rohre verlaufen nun auch im alten Rosensteintunnel, zwischen Tropfsteinen in der Dunkelheit.

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