Alternativ reisen Miniquartier mit Maxikomfort
In Zeiten von Klimakrise, Immobilien-Hausse und Inflation kündigt sich ein neuer Hoteltrend an: Minizimmer, die so gar nichts mehr vom Plastik-Charme japanischer Kapselhotels haben.
In Zeiten von Klimakrise, Immobilien-Hausse und Inflation kündigt sich ein neuer Hoteltrend an: Minizimmer, die so gar nichts mehr vom Plastik-Charme japanischer Kapselhotels haben.
Ein großes Zimmer mit geräumigem Bad in bester Stadtlage ist zweifellos eine feine Sache. Doch angesichts der Klimakrise stellt sich die Frage, wie nachhaltig diese Quadratmeterverschwendung ist. Und bedeutet mehr Platz automatisch auch einen besseren Schlaf?
Aus solchen oder ähnlichen Gedanken ist die Tiny-House-Bewegung entstanden: Minihäuser mit Maxikomfort. Daraus entwickeln findige Hoteliers die Idee des Mikrozimmers. Vorbild sind dabei die Kapselhotels, die Ende der 1970er Jahre in Japan entstanden und quasi hohen Liegekomfort in Tupperware-Qualität boten.
Nicht nur für Hoteliers ist es lukrativer, möglichst viele Gäste auf wenig Raum unterzubringen. Sogenanntes Microliving reift langsam zum nachhaltigen Lebensstil. Es geht darum, möglichst wenig Platz einzunehmen und keine neuen Böden zu versiegeln. Zugleich stellt dieses Konzept Designer vor die spannende Aufgabe, eine extrem kleine Fläche ohne Komforteinschränkungen möglichst groß aussehen zu lassen.
Im ständigen Versuch, den Kreis der Gäste zu erweitern, hat der Hotelriese Accor bereits 2016 die Hotelmarke Jo & Joe gegründet. Dabei handelt es sich um die Neuerfindung der Jugendherberge – nur eben cooler. Mittlerweile kommt die Hotelkette auf vier Häuser. Mit überbetonter Lockerheit, bunter Heiterkeit und Sparpreisen antwortet die noch kleine Hotelgruppe auf die Ansprüche der Millennials und vor allem der noch jüngeren Generation Z.
Deren Mitglieder wünschen Community, sind aktiv in sozialen Netzwerken und lieben Erlebnisse. Vom schicken Stockbett mit Gemeinschaftsbad ab 25 Euro bis zum Gästezimmer mit eigenem Bad ab 85 Euro entspricht Jo & Joe ihren Bedürfnissen und Budgets.
Das 2019 eröffnete Jo & Joe in Paris Gentilly experimentiert außerdem mit einer neuen Zimmerform. „Cabins“ nennt die Herberge ihre fünf Quadratmeter großen Minikammern aus Sperrholz. Ohne Fenster und mit einem breiten Bett inklusive Beleuchtung, Steckdose, Ladevorrichtung und einem Fach erinnern diese Unterkünfte an Doppelsärge im Zen-Look. Sitzen kann man, stehen nicht, unter oder über einem selbst schläft schließlich noch jemand. Toiletten und Duschen werden mit den anderen Gästen geteilt. Ähnlich wie bei den Billig-Airlines kostet alles extra: Handtücher, Frühstück oder Schließfach.
Stehen ist in Hamburgs erstem Kabinenhotel Cab20 möglich, zumindest in einer Hälfte des Zimmers. An der Brennerstraße, nur wenige Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt im ehemals berüchtigten Viertel St. Georg, testet die Hamburger Fährhaus Investment Group gerade ihre Mikrozimmer. Auch hier werden die Gäste in besonders schallisolierten Modulen übereinandergestapelt. Auch hier spendet die Holzoptik dekofreie Gemütlichkeit einschließlich kabelloser Ladestation, USB-Anschluss und Bluetooth-Lautsprecher. Ein Fenster gibt es auch. Nichts lenkt vom eigentlichen Zweck dieser minimalistischen Besenkammer ab: Hier wird nur gepennt.
Was die öffentlichen Bereiche von Cab20 betrifft, so ähnelt das Haus unverkennbar Jo & Joe. Farbige Graffiti und aufgekratzte Buntheit dekorieren die Gemeinschaftsräume, und die Möbel fordern auf, miteinander zu interagieren. Ruhe gibt’s woanders, gechillt wird auf der Dachterrasse. Nach ersten Erkenntnissen staunen die Gastgeber über ihre Klientel. Offensichtlich nicht nur Backpacker checken hier ein, sondern auch die eine oder andere Familie und bisweilen selbst Geschäftsleute.
Wer beim Nächtigen einen möglichst kleinen CO2-Fußabdruck hinterlassen will, der zeltet. Das ist naturnah und hinterlässt keine Spuren. Wem jedoch diese Art der Unterkunft zu unbequem ist, der sollte sich den Begriff Sleeperoo merken. Dabei handelt es sich um eine Firma, die zwölf Kubikmeter große Schlafwürfel anbietet, die sich überall aufstellen lassen und wetterfest sind. Ausgestattet sind sie mit einem bequemen Doppelbett, richtiger Bettwäsche, LED-Beleuchtung und sogar einem abschließbaren Spind.
Doch was diese Schlafwürfel so sensationell macht, sind die großen Panoramafenster und das transparente Dach. Sie garantieren maximalen Umgebungsgenuss. Ob als Pop-up-Schlafstelle im Konsumparadies Europa-Passage in Hamburg oder im Lüneburger Museum – die Sleep Cubes lassen sich überall installieren. Vorausgesetzt, die nächste Toilette und eine Warmwasserstelle sind maximal 500 Meter entfernt.
Ganz besonders gut machen sich diese Bettencontainer in schönen Landschaften. Thermen, Erlebnisparks, Burgen und Hotels haben bereits das Prinzip von Sleeperoo für sich entdeckt und fungieren als Gastgeber, die ihren Gästen mit erlebnisorientierten Angeboten Maxi-Erlebnisse im Minizimmer bieten.
Jo & Joe:
Bis dato vier Standorte (Hossegor/Nähe Biarritz, Paris Gentilly, Paris Nation, Wien), Preise ab 25 Euro im Stockbett, Cabin ab 28 Euro, www.joandjoe.com/de/
Cab20:
Hamburg – Einzelkabine ab 39 Euro, www.cab20.de.
Sleeperoo:
Auf der Website www.sleeperoo.de können Interessenten alle Standorte mit Terminen der Schlafwürfel buchen, Preis ab 110 Euro pro Nacht.