Steillagen taugen nicht nur für Wein Oliven, Feigen und Kakis im Weinberg – „In Hessigheim war da schon was los"

, aktualisiert am 17.03.2025 - 16:02 Uhr
Marc Müller glaubt, dass in Zukunft immer mehr Flächen dazukommen, auf denen nicht nur Wein angebaut wird. Foto: Werner Kuhnle

In den Hessigheimer Steillagen von Marc Müller wachsen Oliven, Feigen- und Kakibäume. Für den Landschaftsgärtner aus dem Kreis Ludwigsburg ist die Alternative zum Weinanbau nicht nur ein spannendes Hobby, sondern auch Forschung für die Zukunft. Das denken nicht alle. 

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Marc Müller steht zwischen zwei seiner Olivenbäumchen, eines davon überragt ihn knapp. Im Tal schlängelt sich der Neckar an Hessigheim vorbei, der Blick reicht bis nach Besigheim. Zwischen den nackten Weinreben sorgen die immergrünen Blätter der Olivenbäume für ein wenig Farbe, an manchen Ästen hängt sogar noch eine Olive. Hessigheim ist für seine Felsengärten bekannt, für den Wein – und wenn es nach Marc Müller geht bald auch für seine Oliven, Kakis, Feigen und Granatäpfel. Ein kleines Stückchen Südeuropa und Ostasien mitten im schönen Hesge, wie die Bewohner ihre Gemeinde liebevoll nennen.

 

Die Hälfte der Olivenbäume überlebt

Marc Müller besitzt mehr als drei Hektar Steillagen um Hessigheim, vor sieben Jahren hat der Landschaftsgärtner angefangen, die Parzellen umzufunktionieren – und damit bei dem einen oder anderen für Unverständnis gesorgt. „Mit meinen Nachbarn hatte ich nie Probleme, aber in Hessigheim war schon was los“, sagt er. Wie man in Steillagen etwas anderes als Wein anbauen könne, hätten sich viele gefragt. Heute hält er vor 450 Leuten Vorträge über die alternative Nutzung von Steillagen.

Auf dem oberen Teil seiner ersten Steillage stecken zwölf Holzpfosten in der Erde. An fünf der Pfosten wachsen kleine Olivenbäume nach oben, knapp die Hälfte hat also überlebt. Wer Olivenbäume pflanzt, braucht viel Geduld, zehn seiner fünf Jahren alten Bäume haben 2024 insgesamt 350 Gramm Oliven getragen. Jeder Olivenbaum ist unterschiedlich klimaresistent und anpassungsfähig ist – auch wenn alle Ableger vom gleichen Mutterbaum sind.

Alle drei Olivenbäume wurden gleichzeitig gepflanzt und sind Ableger vom selben Mutterbaum. Foto: Werner Kuhnle

„Das macht es wahnsinnig schwer herauszufinden, was funktioniert“, sagt der 42-Jährige. Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, Feigenbäume in einem Gewächshaus zu ziehen, Granatapfelbäume anzupflanzen, durch Europa zu reisen auf der Suche nach klimaresistenten Kakibäumen?

Marc Müller will eine Nische bedienen

„Wenn man in Hessigheim aufwächst, kommt man um den Weinanbau nicht drum herum“, sagt Müller. Freunde, Familie – irgendjemand sei immer im Geschäft tätig, sei es als Traubenproduzent oder angestellt bei der Felsengartenkellerei. Irgendwann fällt ihm auf: Der Weinanbau bracht eine höhere Wirtschaftlichkeit, seit Jahren gibt es einen Investitionsstau, für die Trauben gibt es zu wenig Geld. „Die Rahmenbedingungen passen nicht mehr“, sagt Müller. Es würden Waren importiert, die so nicht in Deutschland produziert werden dürften – „das ist eine klare Benachteiligung der Produzenten im Land“. Also versucht er, eine Nische zu bedienen. 55 000 Tonnen Kakis werden laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft jährlich nach Deutschland importiert.

Er könne im Vergleich zu den gekauften Früchten aus dem Supermarkt eine bessere Qualität bieten, sagt Müller. „Weill wir sie vollreif ernten können.“ Von den Kakis, die aussehen wie zu groß geratene, orangene Tomaten und ursprünglich aus Ostasien kommen, verspricht sich Marc Müller irgendwann den Haupt-Ertrag. Aber auch die Granatäpfel seien gut gewachsen, damit habe er gar nicht gerechnet. Ein Stuttgarter Koch hat ihm bereits versprochen: Wenn die Olivenbäume irgendwann einen nennenswerten Betrag Früchte tragen, kauft er Marc Müller alle ab. Deutsches Olivenöl – das kommt jetzt schon an.

Marc Müller hat selbst jahrelang Wein angebaut, heute versucht er eine Nische zu bedienen. Foto: Werner Kuhnle

Wenige Minuten Fahrt entfernt von Marc Müllers erster Steillage liegt eine Wiese. Auch hier stecken Holzpfähle im Boden, reihenlang wächst aber nichts höher als Gras. 78 Indianerbananen standen hier, bis Unbekannte 30 Stück davon gestohlen und weitere zehn dabei zerstört haben. Die eigentlich aus Amerika stammende Pflanze wird drei bis fünf Meter hoch, die Früchte ähneln Mangos und lassen sich auslöffeln. Warum ausgerechnet die aus den USA mit Sondergenehmigung importierte Indianerbanane gestohlen wird, ist Marc Müller ein Rätsel – „kaum einer erkennt überhaupt, was das ist“. Generell gebe es in der Gegend zu viel Diebstahl, künftig werde jede seiner Steillagen videoüberwacht, allein das Betreten werde er zur Anzeige bringen. Das ärgerlichste sei dabei nicht, wenn Menschen die Früchte einsackten, „das Problem ist der Steckholz- und Pflanzendiebstahl“, sagt Müller.

Wertvoll ist die Genetik der Pflanze

Denn darin steckt die wertvolle Genetik der Pflanze. Alles was Marc Müller pflanzt, zieht er selbst im Gewächshaus. Das Finden der Genetik, der Anbau, die Schnittweise, die Überlegungen, wie daraus eine wirtschaftliche Alternative wird, seien ständiges Ausprobieren und für ihn schon fast Kunst. Kunst, für die er keine Förderung gibt. „Es gibt keine Initiative, weder von der Landes- noch Kommunalpolitik, die zeigt, dass das Zukunftspotenzial hat“, sagt er. Marc Müller glaubt daran, dass es in zehn bis 20 Jahren viele aufgelockerte Steillagen gibt, in denen nicht nur Riesling und Lemberger wachsen. Das Interesse an seiner Forschung ist jetzt schon hoch, im Frühjahr kommen mehrere Gruppen, unter anderem vom BUND, die sich anschauen wollen, was er herausgefunden hat.

Die Folgen des Klimawandels für den Weinbau

Umdenken
Laut Bundesumweltamt liegen die neun wärmsten Jahre seit 1881 alle im 21. Jahrhundert. Der Klimawandel fordert bei den Weingärtnern ein Umdenken. Ideen gibt es einige: In Hessen wird die Querterrassierung getestet, in Franken wachsen Kiwis. Auch Marc Müllers Pflanzen machen wärmere Temperaturen nichts aus – im Gegenteil.

PiWis
Sintflutartige Regenfälle und langanhaltender Sommerregen begünstigen den den Pilzbefall in den Sommermonaten. Abhilfe können hier neu gezüchtete, pilzwiderstandsfähige Rebsorten sein.

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