Alternativen zum Pflegeheim Wie wohnt man im Alter am besten?

Eigenständig und wohlbehütet: eine Senioren-WG der Bruderhaus­diakonie in Dettingen an der Erms Foto: Christoph Link

Der Abschied aus den eigenen vier Wänden fällt Älteren schwer. Muss er sein? Und wann? Wichtig: Frühzeitige Gespräche mit der Familie über Optionen fürs Wohnen im Alter.

Alle Lebenswege stehen einem offen. Keiner ist zu nichts gezwungen. Anna-Marie Schneider (wie alle Namen geändert) wohnt alleine in einer ostbayerischen Kleinstadt in einem frei stehenden Einfamilienhaus mit 1800 Quadratmeter großem Garten, und sie hat am vergangenen Weihnachtstag im Alter von 96 Jahren ihren fünf Kindern eine Erklärung für die Zukunft abgegeben, die so deutlich ausfiel, dass sie keinerlei Widerspruch möglich machte: „In vier Jahren muss die Heizung saniert werden. Dann bin ich 100 und ziehe um in ein Pflegeheim.“

 

Anna-Marie Schneider ist eine drahtige und rüstige Person und „der Garten hält sie am Leben“, sagt einer ihrer Söhne. Zum Rasenmähen komme jemand, ansonsten mache die Mutter alles alleine. Kochen, Haushalt, Einkaufen im Supermarkt – der Bus hält vor der Tür –, alle zwei Tage zu Fuß zum nahe gelegenen See und darin schwimmen. Ohne Notfallsender.

90 Treppenstufen ohne Aufzug – das hält fit, aber wie lange?

Bis zum Schluss in Bewegung halten, sich durch aktives Alltagsleben fit halten. Ist das das Rezept für einen goldenen Lebensabend? Mauritius Weinmann, Anfang 70, denkt ähnlich, er besitzt mit seiner Ehefrau eine großzügige Wohnung in einer Stadt in Südwestdeutschland, uriger Altbau, schönes Panorama im obersten Stock, einziger Nachteil: 90 Treppenstufen ohne Aufzug. Er denke, das Treppensteigen halte ihn fit, meint Weinmann, aber seine Ehefrau hat andere Erwägungen: Vielleicht solle man sich mal über betreutes Wohnen informieren.

Weinmann will davon wenig wissen, er plant wegen der zunehmend heißen Sommer eine Investition in eine Klimaanlage, die – das nur am Rande – beim Förderprogramm der KfW für altersgerechte Umbauten einer Wohnung (Barrierefreiheit) mit keinem Cent bezuschusst wird. Die Konfliktlage ist deutlich. Wann planen wir den Absprung? Müssen wir ihn planen? Hält Aktivität bis „zum Schluss“ wirklich fit, ermöglicht er den Verbleib in den eigenen vier Wänden?

Eine sagt, sie habe Heimweh

Szenenwechsel, Blick in eine sympathische, tageshell-freundliche betreute Wohngemeinschaft für Senioren in Dettingen (Erms), die zur Bruderhausdiakonie aus Reutlingen gehört und vom System her eine Zwischenstation zwischen eigenständigem Wohnen und Pflegeheim ist. Vier Seniorinnen und ein Senior lassen sich gerne auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum mit der offenen Küche fotografieren, es gebe hier ein „super Essen“ und eine hohe Zufriedenheit, das sagen alle, aber Nuancen sind auch hörbar.

Einige Bewohnerinnen sagen, dass sie nach dem Tod ihres Ehemannes es mit Haus und Garten nicht mehr geschafft hätten. Eine sagt, sie habe „Heimweh“, und eine andere, Ingrid M., 93 Jahre alt, erklärt, wie sie auch dem Rezept „Fit bis zum Ende“ gefolgt sei – und es nicht durchhalten konnte. „Ich bin in meinem eigenen Haus zweimal zusammengebrochen. Einmal hat mich meine liebe Schwiegertochter auf der Veranda gefunden und mir das Leben gerettet. Mein Sohn hat mir dann gesagt, Mama, du kannst nicht mehr allein leben.“ Ihr Haus habe sie nun der Enkelin überschrieben. Muss man bis zur Notsituation warten?

In die WG von Dettingen können die Bewohner ihre eigenen Möbel mitbringen, sie haben dort eine 24-Stunden-Betreuung, die auch den Haushalt übernimmt. Die selbst zu tragenden Kosten hierfür sind – inklusive Warmmiete und Lebenshaltungskosten und nach Abzug der Pflegekassenleistungen rund 2800 Euro Miete für die kleinste Wohneinheit – ein stolzer Preis im Vergleich zum Wohnen daheim, aber hier ist man sicher und wohlbehütet.

Thomas Stäbler, Fachbereichsleiter der Bruderhausdiakonie, bezeichnet die Senioren-WGs als „Nischenprodukt“ im weiten Feld der Altenhilfe, die von den ambulanten sozialen Diensten bis zum „betreuten Wohnen“ reicht, was übrigens ein nicht geschützter Begriff sei. Stäbler ermuntert zu einer frühen Kontaktaufnahme. Gerade die Kurzzeitpflege – wenn pflegende Partner ihre Angehörigen in den Ferien stationär unterbringen wollen – habe lange Wartezeiten.

Rechtzeitig an eine Generalvollmacht denken

Und Stäbler appelliert, einer vertrauenswürdigen Person frühzeitig eine Generalvollmacht zu erteilen für den Fall, dass man sich eines Tages nicht mehr artikulieren könne. Wer sorgt dann für den Pflegeplatz, erhält die Bankvollmacht, kommuniziert mit der Pflegekasse?

„Ich habe zum Beispiel drei Kinder“, sagt Stäbler, Anfang 60, „ich kann in einer Vollmacht regeln: Sind alle jetzt einzeln bevollmächtigt? Müssen die immer den Konsens suchen? Solche Dinge sind frühzeitig zu überlegen und rechtzeitig festzulegen.“

Wie man einen soften Einstieg ins Wohnen im Alter planen kann, darüber hat Heike Merz von der Evangelischen Heimstiftung einen guten Überblick, denn in ihre Verantwortung gehört das gesamte Spektrum: von den mobilen Diensten der Altenhilfe über die Tagespflege, betreute Wohnungen, eine „ambulante Residenz“ mit dem eingebauten digitalen Assistenzsystem und der Gefahrenerkennung Aladien (etwas teurer in der Miete) bis hin zum klassischen Pflegeheim.

„Kaum einer kommt freiwillig, bevor es nötig wird“ – Alltag im Pflegeheim Foto: dpa/Jens Büttner

„Ins Pflegeheim kommen die Menschen eigentlich nur noch in einer akuten Situation, kaum einer kommt freiwillig, bevor es notwendig wird“, sagt Heike Merz. Die anderen Angebote sind planbar. Und die Angehörigen sollten dabei auf jeden Fall mit einbezogen werden. „Wer wohnt in der Nähe? Welche Dienste sind da, wie steht es um die Nachbarschaftshilfe? Welches Kind kann mir helfen?“ Das seien Leitfragen.

Experten wie die Neuropsychologin Katja Werheid, die ein Buch darüber geschrieben hat, wie Kinder ihre Eltern im Alter begleiten, rät zu einem frühen und sensiblen Gespräch mit Vater und Mutter, „lange bevor es brenzlig wird“. Sie warnt vor Unter-Druck-Setzen und einer Hoppla-Hopp-Gesprächsführung, denn Wohnen sei ein stetiger Prozess, eine Entscheidung darüber müsse gereift sein. „Wenn du dich noch mal wohnlich verändern würdest, wie würdest du das machen?“, sei eine gute Einstiegsfrage, meint Werheid. Auch wenn man sich bei den Eltern mal eine Abfuhr holen sollte beim Thema Wohnen, solle man mit ihnen darüber kontinuierlich im Gespräch bleiben.

Umbau der eigene Wohnung ist ein guter Ansatz

Erörtert werden könnten gute Übergangslösungen, die konkret umsetzbar sind. Dazu gehört der barrierefreie Umbau einer Wohnung, der früh in Angriff genommen werden sollte: ein Bad ohne Schwellen, breitere Türen, Handhalterungen am WC. Und die mobilen Dienste seien natürlich ein zentraler Baustein im Bestreben, möglichst lange daheim zu bleiben, sagt Heike Merz. „Sie helfen einem in der Wohnung: Morgens bei der Körperpflege, beim Wechseln der Kompressionsstrümpfe, beim Setzen der Insulinspritze oder Wechseln von Verbänden im Rahmen der Behandlungspflege, sie bieten hauswirtschaftliche Leistungen an, sie leisten Einkaufsdienste, organisieren einen mobilen Mittagstisch und die Wohnungsreinigung.“ Je nach Pflegegrad sind die Leistungen abrechenbar. Auch eine soziale Betreuung – Begleitung bei Spaziergängen – sei möglich.

Und dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen. Viele Senioren leiden unter Einsamkeit, und wenn für sie ein 24-Stunden-Dienst mit ausländischen Kräften – meist aus Osteuropa – organisiert wird, mindert sich das Problem wegen Sprachbarrieren und fehlender Kommunikation oft nicht. Da sind sich die Pflegeexperten einig. „Mein Vater hatte zwei polnische Pfleger, die sich abwechselten. Aber die Kommunikation war gering. Erst als er ins Pflegeheim umzog, blühte er wieder auf, hatte seine feste Clique im Speisesaal“, berichtet Annette P. aus Neustadt/Saale.

Aber zurück zu den ambulanten Diensten. Sie können den Verbleib daheim sehr lange sichern. Aber eines Tages komme dann der „Kipppunkt“, sagt Heike Merz, wenn es zu Hause „nicht mehr geht“. Es seien oft die Mitarbeiterinnen der sozialen Dienste, die die Betroffenen oder die Angehörigen darauf aufmerksam machten: Wenn die Körperhygiene stark vernachlässigt werde, eine Verwahrlosung eintrete oder Medikamente nicht mehr eingenommen würden.

Der selbständige Toilettengang ist eine Messlatte

Auch sei es so, dass in Städten wie in Stuttgart oder Tübingen extreme Hanglagen mit steilen Stufen in den Wohnvierteln verbreitet seien: „Die älteren Bewohner mit Mobilitätshandicap kommen da gar nicht mehr raus, die sind quasi eingesperrt.“ Auch das sei ein Grund für einen Umzug.

Thomas Stäbler von der Bruderhausdiakonie beschreibt eine andere Schwelle: Wenn es Menschen nachts nicht mehr alleine schafften, die Toilette aufzusuchen, dann sei seiner Ansicht nach ein Umzug in eine stationäre Einrichtung anzuraten.

Daheim bis zum Schluss, oder vielleicht doch ab 75 oder 80 in eine betreute Wohnung, an die ein Pflegeheim angeschlossen ist oder die im Falle des Falles mit einem eigenen Pflegeteam in den eigenen vier Wänden die Pflege übernimmt?

Breites Angebot an betreutem Wohnen – auch preislich

Der Markt an Seniorenwohnungen oder betreuten Wohnungen ist vielfältig, sie werden auch unter Begriffen wie „Wohnen mit Service“ oder „Served Apartments“ angeboten. Auch die Kosten variieren stark, wie eine willkürliche Auswahl von Preisbeispielen aus dem Südwesten zeigt, die alle für eine noch nicht pflegebedürftige Person gelten: Das Lothar-Christmann-Haus – ein etwas in die Jahre gekommener Hochhausbau in Stuttgart-Hoffeld – verlangt derzeit noch 8,90 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche Kaltmiete für eine Seniorenwohnung.

Die Arbeiterwohlfahrt nimmt in ihrer modernen Residenz in Stuttgart-Möhringen für eine 52-Quadratmeter-Wohnung 1000 Euro Warmmiete, zuzüglich 112 Euro für Hausnotruf und Service – hat aber Wartezeiten bis zu drei Jahren. Und bei der Seniorenresidenz Augustinum in Stuttgart – die hotelähnlichen Charakter hat, Schwimmbad, Theatersaal und ein Menü täglich im Plan – gibt es eine Wohnung für Einzelpersonen ab 2100 Euro, für Paare ab 3800 Euro.

Wartezeiten von mehreren Jahren

Es gibt aber auch im Augustinum je nach Wohnungsgröße Wartezeiten von bis zu mehreren Jahren. „Ein frühzeitiger Eintritt in die Seniorenresidenz wird empfohlen – viele Bewohner entscheiden sich bewusst Mitte bis Ende 70 dafür, vorsorglich vor dem Eintritt einer Pflegebedürfigkeit“, sagt Petra Masou vom Augustinum in Stuttgart. Man brauche Zeit dafür, sich im neuen Zuhause auch „gefühlt“ als daheim wohnend zu empfinden.

Anna-Marie Schneider, die 96-jährige Dame vom Anfang unser Geschichte, wird bald wie jedes Jahr zum Treffen ihrer großen und weit verstreuten Familie einladen – darunter sind zehn Urenkel. Ein großes Event, aber die Seniorin schafft es nicht, das Treffen zu Hause abzuhalten. Zu groß ist die Kluft zwischen Erwartungsdruck – wie verköstige ich meine Familie im Elternhaus? – und der realen Kraft für eine Verwirklichung. Man wird sich in einer Begegnungsstätte treffen. Ihre Kinder werden alles organisieren.

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