Homestory im Bauhäusle So lebt es sich in dem einzigartigen Wohnheim

Das Bauhäusle ist ein besonderes Wohnheim: Jedes der 30 Zimmer wurde als Einraumhaus geplant und ist dementsprechend individuell. Foto: Achim Zweygarth

Mit dem Bauhäusle steht eines der ungewöhnlichsten Wohnheime Deutschlands in Stuttgart. Tanja Neugebauer lebt hier mit 29 Mitbewohnern. Die Studentin gibt Einblicke in das Unikat, das 2022 40 Jahre alt wurde. Ist es ein Leben wie in einer Kommune? [StZ Archiv]

Der Rasen ist durch den Regen aufgeweicht, fast matschig. Christian Wolff läuft mit nackten Füßen über den braunen Boden, Tanja Neugebauer mit Schuhen neben ihm. Sie umrunden das Bauhäusle, der hölzerne Ort, der die beiden in ihrer Studentenzeit beheimatet. Später, drinnen im Warmen, sagt die Studentin fast entschuldigend: „Ja, wir haben den Ruf Ökos zu sein“, und fügt nach kurzer Pause stolz hinzu, „und das sind wir auch.“ Seit Oktober 2018 wohnt die 22-Jährige im alternativen Wohnheim auf dem Campus in Vaihingen. In einem Haus mit 29 Mitbewohnern – wie ist das?

 

Ihr gefällt es. Die Gemeinschaft. Die Gemeinsamkeiten. Die Grenzgänger. Die Milch im Kaffee kommt vom Containern. Die Karotten in einer Kiste vom Foodsharing. Alles was in der Mitte eines Tisches steht, ist für jeden – gemeinsam lebt es sich günstiger.

Sehen Sie im Video Hintergründe zur Wohnungsnot in Stuttgart:

Jedes Zimmer kostet beim Einzug 245 Euro

Das Wort Hierarchie hören die Studenten nicht gerne, Verbindung ist auch völlig falsch. Kommune kommt schon eher hin, findet Tanja Neugebauer: „Mir gefällt unser Gedanke: mein, dein, unser.“ Jeder ist hier gleich, wie auch die Preise für die Zimmer gleich sind. Der größte Raum kostet beim Einzug so viel das kleinstes 14-Quadratmeter-Zimmer – 245 Euro, mit jedem Jahr steigt die Miete um 8 Euro.

Wer im Bauhäusle alleine sein will, muss sich in sein Zimmer zurückziehen, so scheint es. Elisabeth Piontkowski setzt sich an den runden Holztisch in der Küche, wo anscheinend immer jemand kocht, und lauscht Tanja Neugebauer. Die Rottweilerin erzählt eben, dass sie sich im Bauhäusle um die beiden Kater Lou und Findus kümmert. Sie übernimmt Verantwortung im Haus, dafür verlängert sich ihr Vertrag. Andere Mitbewohner haben andere Ämter. Wohnhaussprecher, Referenten für den Ein- und Auszug, dazu gibt es inoffizielle Stellen, für die es keinen Bonus gibt. Die Bier-Bau- oder Notfallparty-Ämter erfüllen einen anderen Zweck: Ein lebendiges WG-Leben.

Das größte Konfliktpotenzial steht im Bad

Die 22-Jährige hat ein Zwei-Etagen-Zimmer, zum Schlafen klettert sie über eine Treppe in ihr Hochbett. Fast alles ist aus Holz. Direkt über einer bezogenen Matratze für Übernachtungsgäste lehnt ein Pappschild an der Wand. „Klima ist wie Bier. Zu warm ist scheiße“, steht darauf. Das Bauhäusle hat geschlossen eine Demonstration von Fridays for Future besucht. Alle Bewohner teilen den Gedanken, umweltbewusst leben zu wollen, erzählt die Studentin der Verpackungstechnik.

Doch nicht alle im Haus führen das nachhaltige Leben strikt, manche dafür umso mehr. Ein Problem? Manchmal. Aber das größere Konfliktpotenzial stehe mit der Waschmaschine im Bad, typisch WG eben. Tanja Neugebauer gibt dann doch zu: „Manche Charaktere im Haus sind provokativ. Doch das passt zur Architektur. Das ganze Bauhäusle ist eine reine Provokation.“

Bauhaus-Architektur? Von wegen!

Der Namen Bauhäusle spielt ironisch auf den vom Weimarer Bauhaus geprägten Stil der 1920er-Jahre an, der dem industriellen Herstellungsprozess Rechnung tragen wollte. Nüchtern, schnörkellos und reduziert – also dem Bauhausstil entsprechend – ist das Bauhäusle aber gewiss nicht. Stattdessen geht es winkelig, rustikal und verwunschen zu wie bei den Hobbits in der „Herr der Ringe“-Fantasywelt. Kein Zimmer gleicht dem anderen. Es gibt vier Toiletten und vier Duschen mit Flattervorhängen. Ein bisschen wie auf dem Campingplatz.

Doch folgt der Aufbau klaren Linien. Zwei lange Gänge führen im Haus von Ost nach West, hier gehen viele Zimmer ab. Küche und Bad liegt dazwischen. Wie bei dem Buchstaben H ist so alles miteinander verbunden. Der Weg zum Klo ist aus einigen Zimmer zwar länger, doch für jeden Bewohner schnörkellos erreichbar.

Am Bauhäusle wird ständig gearbeitet

Die Studenten steigen über ein hölzernes Treppchen zu Clemens Mackensen hinauf und bleiben in der zweiten Zimmer-Etage ihres Mitbewohners stehen. Begleiter Christian Wolff hat sich mittlerweile braune Wollsocken übergestreift, er deutet auf den Boden unter seinen Fußen und sagt: „Ich glaube, das Bauhäusle ist das einzige Gebäude in Deutschland, bei dem der Briefkasten eine tragende Funktion hat“. Seit dem fertigen Bau 1983 sei die schwebende Etage, auf der alle momentan stehen, abgesackt – der Briefkasten stützt sie jetzt. Tanja Neugebauer sagt dazu lächelnd: „Letztens ist ein Statiker durch das Haus gelaufen. Kopfschüttelnd.“

Eigentlich war das damalige Lernen-durch-Selberbauen-Projekt einiger Architekturstudenten, aus dem das Bauhäusle entstand, für zehn Jahre ausgelegt. Kein Wunder, dass sich fast 20 Jahre später kleine und größere Wunden im Gebäude zeigen. Doch sie werden seit jeher von den Bewohnern in einer eigenen Werkstatt geflickt. Es ist ein bisschen so, als würde die Bewohner ihren altersschwachen Vater pflegen, nur, dass er kein Mensch aus Fleisch und Blut ist, sondern ein Haus aus Holz und Nägeln.

Auf dem Campus wird es eng für das Wohnheim

Ganz gewiss ist die Zukunft des architektonischen Außenseiters auf dem Campus nicht. Das Grundstück gehört dem Land, die den Pachtvertrag in der Vergangenheit von zehn auf fünf Jahre verkürzt haben. Rund um das Häusle ist der Campus gewachsen, nebenan ragt eine Baustelle in die Höhe – das Zentrum für angewandte Quantentechnologie soll in diesem Jahr eröffnet werden.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Bauhäusle der Moderne weichen muss? „Falls das so kommt, verliert der Campus den Rebell auf dem Campus. Wir bringen Leben. Wir stehen dazu, dass wir anders sind“, antwortet Tanja Neugebauer. Ihr Glück, vor wenigen Wochen wurde der Pachtvertrag um fünf Jahre verlängert. Fünf Jahre, in denen die Bauhäusler weiterhin miteinander teilen, feiern, diskutieren und reparieren.

Dieser Text wurde erstmals am 13.02.2020 veröffentlicht.

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