Der prominente Burladinger Unternehmer Wolfgang Grupp spricht nach einem Suizidversuch über seine Altersdepression und macht so eine Erkrankung öffentlich, unter der viele Menschen leiden. Ein Überblick.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Der frühere Trigema-Chef Wolfgang Grupp hat seinen Suizid-Versuch öffentlich gemacht. "Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen . . . . Ich habe deswegen auch versucht, mein Leben zu beenden", schreibt der 83-Jährige in einem Brief an seine ehemaligen Mitarbeiter. 

 

Er habe sich Gedanken darüber gemacht, ob er überhaupt noch gebraucht werde. Er bedauere sehr, was geschehen sei und würde es gerne ungeschehen machen, schreibt der Unternehmer aus dem schwäbischen Burladingen weiter.

Ihm gehe es den Umständen entsprechend gut, sein Dank gelte allen Ärzten, Rettungs- und Pflegekräften, schreibt Grupp in dem Brief. "Es kann etwas länger dauern, bis ich wieder ganz gesund bin." An andere Menschen, die unter Depressionen leiden, appelliert Wolfgang Grupp: "Suchen Sie sich professionelle Hilfe und begeben Sie sich in Behandlung."

Depression: Extrem häufig und doch oft unerkannt

Depressionen sind weltweit die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass bis zu vier Millionen Deutsche davon betroffen sind und fast zehn Millionen Menschen in Deutschland bis zum 65. Lebensjahr schon einmal eine Depression erlitten haben. Viele Erkrankungen werden nicht als solche erkannt und richtig behandelt.

Was ist mit Menschen über 65 Jahren?

Altersdepression ist eine Erkrankung, die sehr viele betrifft - auch in Deutschland. Sie wird aber selten offen thematisiert, medizinisch diagnostiziert und therapeutisch richtig behandelt.

Angaben von Experten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sowie des Verbandes Neurologen und Psychiater im Netz zufolge spricht man bei depressiven Menschen über 65 Jahren speziell von einer Altersdepression oder einer Depression im Alter.

Wie bei jeder depressiven Erkrankung handelt es sich dabei um eine psychisch-affektive, das heißt die Gefühlswelt betreffende seelische Störung. Vor allem die Stimmung ist in Folge der Erkrankung negativ verändert. Der Betroffene ist von Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit beherrscht.

Körperliche und seelische Symptome

Im Unterschied zu jüngeren Menschen sind bei Älteren die Hauptsymptome zu Beginn der Erkrankung oft von körperlichen Beschwerden überlagert. Unspezifische Symptome wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindelanfälle oder Magen-Darm-Beschwerden überwiegen. Die typische Stimmungsveränderung verläuft meist schleichend und nach außen unsichtbar im Hintergrund.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter, begleitet häufig von demenziellen Störungen. Das Suizidrisiko nimmt mit zunehmendem Alter deutlich zu.

Die Fallzahlen bei ältere Patienten variieren im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Während bei dieser  durchschnittlich 5 an einer Depression erkrankt sind, leiden rund 20 Prozent an einer Altersdepression. Bei Bewohnern von Senioren- oder Pflegeheimen steigt der Anteil sogar auf 30 bis 40 Prozent. Damit ist die Altersdepression neben der Demenz die häufigste psychische Erkrankung im Alter.

Depression oder Demenz? Symptome sind oft ähnlich

Oft lässt sich das auch für Mediziner nur schwer unterscheiden. Eine Altersdepression kann ähnliche Symptome wie eine beginnende Demenz zeigen – wie Konzentrationsprobleme, Gedächtnislücken oder verlangsamtes Denken und Sprechen (sogenannte Pseudodemenz).

Das sollten Betroffene und Angehörige wissen

  • Die Behandlung einer Depression verringert das individuelle Suizidrisiko.
  • Ein Suizid geschieht meist als Folge einer psychiatrischen Erkrankung.
  • Hinweise auf Suizidalität (etwa Äußerungen wie "Ich kann nicht mehr", "Ich will nicht mehr") sind immer ernst zu nehmen und sollten angesprochen werden.
  • Holen Sie sich im Fall von suizidalen Gedanken oder Verhalten unbedingt ärztlichen Rat.

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

Heilung ist möglich

Inzwischen sind die Therapien und Medikamente im Kampf gegen die Depression so wirksam, dass ungeachtet aller Rätsel eine ermutigende Bilanz gezogen werden kann. Bei richtiger Behandlung stehen die Chancen gut, das tiefe Tal der Seele wieder zu verlassen. „Mit steigendem Schweregrad der Depression nimmt die Erkennensrate zu. Bis zu 80 Prozent der schweren Depressionen werden korrekt identifiziert“, schreibt die Psychotherapeutenkammer NRW.