Altes Handwerk Exotenberufe erleben eine Renaissance

Von Caroline Holowiecki 

Manche Handwerksberufe kennt man höchstens noch aus dem Märchen. Doch es gibt sie auch in der echten Welt noch, wie ein Blick über die Filderebene offenbart. Zu Besuch bei drei Vertretern von Zünften, die als Exoten gelten.

Bernward Goes baut und repariert  Streichinstrumente. Foto: Caroline Holowiecki
Bernward Goes baut und repariert Streichinstrumente. Foto: Caroline Holowiecki

Filder - „Wir lassen uns von Corona nicht ins Handwerk pfuschen.“ Die Kampagne der Handwerkskammer Region Stuttgart ist eine Kampfansage. „Das Handwerk ist, so weit es darf, sehr, sehr aktiv“, betont Gerd Kistenfeger, ein Sprecher der Handwerkskammer. Von den 130 Branchen dürften die meisten trotz Corona-Krise arbeiten. Die Verunsicherung sei jedoch groß. Im Bausektor etwa würden aktuell die Aufträge von 2019 abgearbeitet. Und danach? „Wir müssen auch an die Zeit nach der Krise denken“, mahnt Kistenfeger. Dabei hatte 2020 mit guten Nachrichten begonnen. Zwar bröckelte die Zahl der Meisterbetriebe weiterhin, die Kammer konnte aber mit über 600 Betrieben mehr als im Jahr zuvor einen Rekord vermelden. Ende 2019 waren es knapp 30 000 gewesen. Das Plus wurde vor allem durch Gründungen im zulassungsfreien und handwerksähnlichen Bereich erreicht. Gebäudereiniger etwa zählen dazu. Hinzu kommen so viele Abiturienten wie nie im Handwerk und ein Plus von 1,4 Prozent bei den Ausbildungsverträgen. Vieles ist im Fluss. Corona macht erfinderisch. Videokonferenzen im Baugewerbe, Lieferservices von Metzgern. Exotenberufe haben sich schon zuvor neu erfunden und erleben eine Renaissance, betont Gerd Kistenfeger. Der Hufschmied etwa sei wieder „extrem gefragt“, ebenso Sattler oder Korbmacher, die mit Individuellem und Nachhaltigem Kundenwünsche bedienen. „Es gibt fast keine ausgestorbenen Berufe.“

Ein Glasbläser aus Stuttgart-Sillenbuch

Detlef Zinsstag ist keiner, den man ohne Weiteres findet. Zum einen ist seine Werkstatt gut versteckt in einem Hinterhof an der Tuttlinger Straße in Alt-Sillenbuch. Zum anderen ist sein Beruf wenig bekannt. Der Heumadener ist Glasapparatebauer-Meister, auch Glasbläser genannt. Mit bunten Christbaumkugeln, aparten Vasen oder anderen Kunstobjekten, wie sie ein Glasmacher aus dem glühenden Rohstoff fertigt, hat er allerdings nichts zu tun, wie er betont.

Aus einem deckenhohen Regal zieht Detlef Zinsstag fertige Glasröhren in vielen verschiedenen Durchmessern und Wandstärken heraus. Diese bearbeitet er in seiner Werkstatt mit Blick ins Grüne mit der Diamantsäge und dem Brenner und setzt bei bis zu 1200 Grad Celsius aus Einzelteilen diverse Apparaturen zusammen, etwa solche, wie man sie aus dem Chemieunterricht kennt.

Detlef Zinsstags Kunden kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Firmen aus der Elektro- oder Umwelttechnik sind darunter, auch Forschungszentren und Universitäten. Längst arbeitet der Handwerker nicht nur mit Stuttgarter Unternehmen zusammen. Der 58-Jährige hat sich auf Sonderanfertigungen spezialisiert, die er nach technischen Zeichnungen herstellt. „Die Branche ist überschaubar“, sagt er. Detlef Zinsstag bezeichnet sich selbst als einzigen selbstständigen Glasbläser in der Landeshauptstadt. Nachwuchs komme kaum nach. Der Beruf sei zu unbekannt, glaubt er, außerdem stellt er klar: „Das will keiner mehr machen.“

Krisensicher ist der Glasapparatebau nicht. Der Heumadener spricht von treuen Stammkunden, aber auch von einem wirtschaftlichen Auf und Ab. Er hängt als eines der letzten Glieder in langen Ketten an vielen Branchen, unter anderem auch am schwächelnden Automobilgeschäft. Die Corona-Krise beschert ihm indes aktuell Zulauf, wie Detlef Zinsstag sagt. „Ich arbeite für viele Firmen auf der Ausrüsterebene“, sagt er, und etliche Kunden kämen aus der Medizin, etwa Katheterhersteller. Dort gebe es aktuell einen erhöhten Bedarf an Glasapparaturen.

Dennoch versucht Detlef Zinsstag auch Neues, um sich breiter aufzustellen. Seit Kurzem stellt er Glas-Trinkhalme in verschiedenen Farben und Formen her. Nachhaltig – und echte Handwerkskunst.

Ein Schumacher aus Waldenbuch

Es ist, als wäre man in die Zeitmaschine gestiegen. Die massive Stanzmaschine in der Werkstatt des Orthopädie-Schuhtechnikbetriebs Geier zieht sofort die Blicke auf sich. Das Gerät, Baujahr 1947, stammt noch vom Opa des heutigen Inhabers Frank Geier. Gegründet wurde die Firma 1925, nach dem Krieg wurde sie nach Waldenbuch verlegt. Und dort ist heute die vierte Generation tätig. Hauptgeschäft neben Einlagen und Erhöhungen: Maßschuhe für Diabetiker oder Menschen mit Fehlstellungen. Gipsabdrücke, Abgüsse aus Hartschaum, Probeschuhe aus einer Folie: alles individuell und in Handarbeit. „Da ist nichts automatisiert“, betont der Meister Frank Geier. Die Schaftmodelle aus Leder entstehen nach Schnittmustern wie beim Schneider. Pro Jahr werden hier etwa 70 Paare angefertigt.

Gut 25 Stunden gehen bei einem Neukunden von der Anpassung bis zur Lieferung ins Land. „Viele wissen nicht mehr, dass man jeden Nagel von Hand reinhaut“, sagt der Chef. Das hat seinen Preis. Rund 1000 Euro fallen laut Frank Geier für ein Maßpaar an; Kosten, die die Kassen festlegen und übernehmen, wie er sagt. In der Corona-Krise stockt das Geschäft allerdings. „Die Kontaktsperre ist deutlich spürbar“, sagt er. Die Leute gingen seltener zum Arzt, um Rezepte zu holen. Der Schuhverkauf ist aktuell geschlossen, in der Werkstatt wird jedoch weitergeschafft. „Was gesetzlich erlaubt ist, machen wir“, betont Frank Geier.

Allein ist der 53-Jährige nicht. Auch sein Sohn Maximilian hat fürs Handwerk Feuer gefangen. Das Studium der Geschichtswissenschaften hat der 23-Jährige zugunsten einer Ausbildung geschmissen. „Ich wollte etwas Haptisches machen. Dass man sein Ergebnis vor sich stehen hat“, sagt er. Damit ist er nicht allein. In der Kerschensteinerschule in Feuerbach lernt er mit 48 Gleichgesinnten.

Doch Corona hin oder her: Leicht ist das Geschäft des Orthopädie-Schuhmachers nicht, trotz des demokratischen Wandels. Laut Frank Geier leidet das Gesundheitshandwerk unter Vorurteilen. „Wenn man etwas Orthopädisches macht, wird es gleich mit krank assoziiert.“ Viele hätten fälschlicherweise das Bild eines Klumpschuhs vor Augen. Dabei habe er neulich erst coole Chucks hergestellt. „Es geht um die Verbindung von Ästhetik und Funktionalität“, sagt Maximilian Geier.

Ein Geigenbauer aus Stuttgart-Vaihingen

Die Schürze, die urige Werkbank, die Holzspäne: Man fühlt sich unweigerlich an Meister Eder erinnert. Doch im auffallend kleinen Gebäude an der Glockenblumenstraße in Vaihingen, in einer ehemaligen Schusterwerkstatt, treibt kein rothaariger Kobold seinen Schabernack. Hier entsteht echte Handwerkskunst. Bernward Goes hat hier sein Geschäft. Er ist Geigenbaumeister.

Von der Violine bis zum Kontrabass stellt er alle Streichinstrumente her. Gelernt hat er das auf der staatlichen Schule in Cremona. Der italienische Ort gilt als Stadt der Geigenbauer. Ihr berühmtester Sohn: Antonio Stradivari. Wie einst der große Meister macht auch Bernward Goes alles selbst. Er wählt den Bergahorn- oder Fichtenstamm aus, spaltet ihn, bearbeitet das Holz mit Hobel, Stechbeitel und anderem Gerät, kocht den Lack ein. Zwar stehen Bohrer oder Bandsäge bereit, auf sie angewiesen ist er indes nicht. „Ich kann eine Geige komplett ohne Strom bauen.“

12 000 Euro aufwärts kostet ein Einzelstück. Gut 250 Stunden dauert die Herstellung. Einen Tag pro Woche schaufelt sich der 53-Jährige dafür frei. Weil es seine Leidenschaft ist, und „weil ich meine Glaubwürdigkeit erhalten will“. Ein Instrument pro Jahr schafft Bernward Goes normalerweise. Dieser Tage kann er sich seinem aktuellen Projekt, einer Bratsche, intensiv widmen. Der Verkauf von Handelsware, Kommissionsinstrumenten und Zubehör ruht wegen Corona. Nervös mache ihn das nicht. Er sei Schwankungen gewöhnt, sagt er. Was weiterläuft, sind Reparaturen und Wartungen von Instrumenten. Bernward Goes berichtet von Zulauf zu Beginn der Corona-Krise. Musiker nutzten die proben- und auftrittslose Zeit, um Geige und Co. herrichten zu lassen. „Das ist das Schwarzbrot, das einen ernährt“, sagt er über den Service.

Bernward Goes weiß: Er ist ein Exot. Sorgen um die Zukunft seiner Zunft macht er sich indes nicht. Die Expertise der Geigenbauer sei nach wie vor unersetzbar, an Nachwuchs mangele es nicht, „das ist immer noch sehr reizvoll für viele“. Doch es gibt neue Herausforderungen. Saiten und anderes Zubehör kaufen Musiker zunehmend im Internet; ein Zubrot, das den Betreibern von Fachgeschäften fehlt. Bernward Goes will sich nicht abhängen lassen und plant, den Online-Verkauf auszubauen. Dieser Tage ist er mit einem Versuchsballon gestartet.

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