Altes Handwerk im Strohgäu Ihre Leisten sind nur noch im Stadtmuseum zu sehen

Der Arbeitsplatz des Schusters im Museum: Tausende Kleinigkeiten sind hier griffbereit geordnet. Foto: factum/Granville
Der Arbeitsplatz des Schusters im Museum: Tausende Kleinigkeiten sind hier griffbereit geordnet. Foto: factum/Granville

Richtige Schuhmacher gibt es in Gerlingen nicht mehr. Ihre Utensilien sind nun Teil einer Ausstellung. Dort wird auch klar, wo manches Sprichwort seinen Ursprung hat.

Ludwigsburg: Klaus Wagner (kwa)

Gerlingen - Eine alte Singer-Nähmaschine, ein Riesenteil ohne Elektronik, mit Fußbetrieb per Wippe oder Handbetrieb am Rad. Daneben ein drehbarer Teller mit acht Blechtöpfen darauf, darin Hunderte winzige Nägel, Klammern und Stifte. Ein elend schwerer Dreifuß. Ein Hammer. Mit Spikes beschlagene Absätze und Sohlen. Große, beschnittene Lederstücke. Holzteile, die einen Stiefelschaft simulieren. Und Leisten, Leisten, Leisten. Nein, keine schmalen Latten. Sondern Holzteile in Fußform, die zum Herstellen eines Schuhs gebraucht werden. Am Boden liegen die stark gebrauchten Schuhe eines Kindes, die Spitzen abgeschabt, Oberleder und Sohle von Hand genäht. Hier könnte ein Schuster arbeiten, er tut es aber nicht. Nicht mehr.

Im Gerlinger Stadtmuseum wird an das Handwerk des Schuhmachers erinnert – nicht erst, seit vor wenigen Monaten der letzte Gerlinger Schuhmachermeister überraschend starb. Karlheinz Rometsch hielt jahrzehntelang neben der Petruskirche in seiner Werkstatt die Fahne des Schusterhandwerks hoch. Er wurde keine 60 Jahre alt. Die Angehörigen haben sein Werkzeug und Material dem Museum vermacht. Mit dabei das gelbe Blechschild, das auf dem Kelterplatz auf die etwas versteckt liegende Werkstatt hinwies: „Schuh-Rometsch, Verkauf u. Reparatur“ steht darauf. Jetzt wartet es darauf, als Erinnerungsstück einen endgültigen Platz zu erhalten.

Kinderschuhe wurden vererbt

„Schuster, bleib’ bei deinen Leisten“ ist das wohl bekannteste Sprichwort über den Beruf, den jeder Mensch braucht, zumindest hierzulande. Je besser ein Schuh ist, desto wohler fühlt sich sein Träger. Das weiß jeder, der schon einmal den Unterschied zwischen einem billigen Fabrikschuh und einem besseren Gehwerkzeug am eigenen Fuß gespürt hat. Maßschuhe will sich heute kaum jemand mehr leisten. Früher wurden zumindest Kinderschuhe sogar vererbt.

Vor zehn, zwanzig oder gar vierzig Jahren waren Schuhe noch viel wert. Wer kommt heute noch auf die Idee, seinen Schuhen neue Absätze zu gönnen? Neue Schuhe der 50- oder 60-Euro-Preisklasse sind billiger, der Weg zur Mülltonne ist meistens kürzer als der zum Schuster. Zu Karlheinz Rometsch aber haben viele Gerlinger ihre Schuhe noch gebracht. Weil er die Menschen mochte, weil er sein Handwerk verstand, weil er ein alteingesessenes Geschäft von Vorfahren übernommen hatte, in dritter Generation weiterführte und Tradition lebte. Schon der Vater und der Großvater arbeiteten hier.

Meyer und Schrade sind im Museum präsent

Im Stadtmuseum sind die meisten Ausstellungsstücke mindestens eine Generation älter. Hier werden die Materialien und das Handwerkszeug zweier Fachbetriebe aufbewahrt, hier wird gezeigt, wie ein Schuh nicht nur repariert, sondern angefertigt wurde. Die einstige Schuhmacherei von Friedrich und Otto Meyer aus der Hauptstraße lebt ebenso im Alten Schulhaus an der Weilimdorfer Straße weiter wie der Betrieb von Eugen Schrade. Auch er lernte sein Handwerk beim Vater, mit Leisten wie diejenigen, die nun in einem Regal stehen.

Die Museumsleute haben Sprichwörter über das Handwerk an die Wand geschrieben. „So wird ein Schuh daraus“ heißt es, wenn etwas andersherum funktioniert als man annimmt. Man soll auch nicht alles über einen Leisten schlagen. Und wenn etwas zusammengeschustert ist, ist es meistens Pfusch, weiß der Volksmund.




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