Romeo Weiß schleift in seinem Kastenwagen ein Messer. Foto: Simon Granville
Seit bald 180 Jahren schleift die Familie Weiß Scheren und Messer. Romeo Weiß bietet seine Dienste in seiner mobilen Werkstatt zurzeit in Gerlingen an – und erzählt von seiner Profession.
Romeo Weiß dreht das Messer in seiner Hand ein-, zweimal, blickt auf die Klinge, wirft den Schleifbock an, setzt das Messer an. Kurze Zeit später: Mit seinem leisen, kantig klingenden Ratsch fährt das Messer durchs Papier.
Romeo Weiß steht an diesem Tag mit seiner mobilen Werkstatt in Gerlingen, auf dem Parkplatz eines großen Einkaufsmarkts und bietet sein Handwerk an. Er schleift Scheren und schärft Messer, so wie es sein Vater, sein Großvater, seine Urgroßväter getan haben. Und so, wie es seine Söhne heute machen.
Präzision und Können
Kleine Haushaltsmesser, große Küchenmesser, auch für die Gastronomie, aber eben auch Haarschere oder Scheren für die professionelle Maniküre oder Pediküre. Romeo Weiß hat sie alle geschliffen. Routine entstand daraus im Lauf der Jahre. Sie entbindet ihn aber nicht davon, vorsichtig und aufmerksam zu sein. „Mit Fingerspitzengefühl“ müsse man immer rangehen, sagt der 54-Jährige. Das hochwertige Messer in seiner Hand, das durchaus mal tausend Euro kosten könne, dürfe schließlich nicht kaputt gehen.
Die Werkstatt braucht nicht viel Platz. Foto: Simon Granville/
Die kleinen Messer sind in einer halben Stunde fertig, größere in einer Stunde. An besonderen Stücken, wie zum Beispiel einem Samuraischwert, sitzt er schon auch mal viele Stunden. Für ein kleines Haushaltsmesser nimmt er fünf Euro, ein großes kostet zehn. Aber wer lässt schon sein kleines Messer schleifen, wenn er doch selbst in jedem Supermarkt für wenig Geld ein neues bekommt? Diese Frage kennt Weiß wohl. Er kontert sie mit dem Hinweis, der Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzen zu wollen. Vor allem aber macht er deutlich, dass es ihm auch darum geht, an der Tradition festzuhalten und dazu beitragen zu wollen, dass das Handwerk nicht ausstirbt.
Inzwischen ist die nächste Generation ins Geschäft eingestiegen und das Gebiet zwischen ihm – und seinen Söhnen – und seinem Bruder aufgeteilt. „Wir wollen, dass das Geschäft weiter lebt“, sagt Weiß. Während er in Baden-Württemberg unterwegs ist, sei das Gebiet seines Bruders die Pfalz. In der Regel steht Weiß mehrere Tage fest an einem Ort, wie etwa dem Kundenparkplatz eines Einkaufszentrums, so plant er es auch in den kommenden Tagen in Gerlingen. „Wir gehen nicht von Tür zu Tür“, sagt der 54-Jährige. Er will sich damit auch von Trittbrettfahrern absetzen, die offenbar in seinem Namen auftreten, aber mindere Qualität ablieferten.
Die Geschichte des Messerschleifens: Vom Handwerk zur Tradition
Mit der steigenden Nachfrage nach Hieb- und Stichwaffen war um 1500 der Scheren- und Messerschleifer aus dem Handwerk des Waffenschmieds hervorgegangen. Dolche und Schwerter mussten während der Herstellung mehrmals geschliffen werden. Als neben Waffen auch von verschiedenen Handwerkern gute Scheren und Messer benötigt wurden und zudem in Privathaushalten gefragt waren, musste das stumpfe Werkzeug wieder geschärft werden. Die Schleifer boten ihre Dienste als wandernde Handwerker an. Dabei nutzten sie ein transportables Schleifgestell mit dem Schleifrad, das sie auf dem Rücken mit sich trugen. Teils benutzten sie aber auch die in Ansiedlungen und abgelegenen Höfen vorhandenen Schleifräder.
Romeo Weiß selbst sieht sich den Sinti zugehörig, aber im Gegensatz zu anderen Angehörigen dieser nationalen Minderheit habe seine Familie immer auch einen festen Wohnsitz gehabt, erzählt der Mann aus Neustadt an der Weinstraße, in dessen Hochdeutsch sich immer wieder der Singsang des Dialekts seiner rheinland-pfälzischen Heimat mischt. Weiß’ Familie sei dem Handwerk seit 1846 treu. Früher waren sie mit Pferden unterwegs, heute ist die mobile Werkstatt in einem Kastenwagen untergebracht.
Manchmal, so erzählt er, lade er ausdrücklich zu einem Kindertag ein, um Kindern zu zeigen, dass man Scheren und Messer nicht wegwerfen müsse, wenn sie stumpf seien. Romeo Weiß selbst verbindet mit der Tätigkeit zwischenzeitlich nicht nur das Leben einer Tradition. Er schätze die Kommunikation mit den Menschen, sagt er. Nach seinem Schlaganfall vor 19 Jahren sei es einerseits sein Pflichtgefühl gewesen, andererseits waren es aber eben auch die Gespräche mit den Kunden, die ihn bewogen – und verpflichteten –, weiterzumachen. Tag für Tag aufs Neue.