Altes Handwerk in historischem Gebäude In der Esslinger Schwertmühle wird das Korn zu Mehl

Werner Langbein (links) und sein Sohn Marc vor ihren Walzenstühlen: Hier wird das Korn gemahlen, etliche Male durch die Rohre geblasen und gesiebt, bis das Mehl fertig ist. Foto: Roberto Bulgrin

In der Esslinger Schwertmühle wird seit mehr als 150 Jahren Getreide gemahlen. Stand das Gebäude einst noch allein auf weiter Flur direkt am Neckar, ist es heute umgeben von Straße, Schienen und zahlreichen anderen Betrieben.

Das unscheinbare Gebäude zwischen Straße und Bahngleisen wirkt auf den ersten Blick nicht besonders geschichtsträchtig. Wäre ganz oben an der Hauswand nicht in großen roten Lettern der Name „Schwertmühle“ aufgemalt, würde sich Außenstehenden nur schwerlich erschließen, dass in dem Bau an der Fritz-Müller-Straße 87 seit Jahrzehnten Korn zu Mehl vermahlen wird. Als das Gebäude vor mehr als 150 Jahren entstand, war das Müllerhandwerk weit verbreitet – heute ist die Schwertmühle eine von nur wenigen hundert verbliebenen Betrieben ihrer Art in Deutschland.

 

Große Veränderungen in der Umgebung

Während das Gebäude selbst, abgesehen von den notwendigen Sanierungen und Modernisierungen, noch so dasteht wie beim Bau im Jahr 1886, hat sich rundherum fast alles verändert. Damals war die Mühle das einzige Haus weit und breit – und befand sich direkt am Neckar. Der Fluss habe sich vor 150 Jahren dort entlang geschlängelt, wo heute die Fritz-Müller-Straße verläuft, erzählt Werner Langbein. Der Müllermeister hat die Schwertmühle bis vor Kurzem betrieben, die Geschäfte inzwischen aber an seine Kinder übergeben. Das Wasser habe das Mühlrad und damit auch den Mühlstein angetrieben, berichtet Langbein. Im Zuge der Neckarregulierung zur besseren Schiffbarkeit wurde der Fluss aber umgeleitet – gleichzeitig machte man sich in der Mühle von der Wasserkraft unabhängig und stellte im Jahr 1928 auf elektrischen Antrieb um. Miterlebt hat Langbein das zwar nicht, doch der 71-Jährige kennt sich aus mit der Geschichte der Mühle. Schließlich befand diese sich von Anfang an im Besitz seiner Familie – und wird heute in fünfter Generation von seinen Kindern Marc Langbein und Isabel von Terzi betrieben.

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Aber Werner Langbein kann sich an andere Dinge erinnern. Etwa daran, dass erst in den 1950-er und 1960-er Jahren nach und nach andere Gebäude in der Nähe seiner Mühle entstanden und immer mehr Betriebe in das heutige Gewerbegebiet gezogen sind. Es wurde enger rund um die Schwertmühle – auch, weil auf der einen Seite die Fritz-Müller-Straße gebaut wurde und auf der anderen die Bahngleise. Zuvor habe man einmal rund ums Haus fahren können, erzählt Langbein. „Aber dann ist der Zug auf einmal fünf Meter am Bett vorbeigefahren“, so der Müllermeister, der zeitlebens im Mühlengebäude gewohnt hat.

Letzteres hat ihm den Vorteil verschafft, dass er lediglich durch eine Tür gehen musste und schon an seinem Arbeitsplatz stand. Dieser wiederum hat sich laut dem Müllermeister in den vergangenen 50 Jahren kaum verändert. Tatsächlich wirken die sogenannten Walzenstühle, in denen das Korn vermahlen wird, wie aus der Zeit gefallen mit ihren Rundungen, den offen sichtbaren Rädern und Hebeln und dem chaotisch anmutenden Gewirr von Rohren, die von den Maschinen aus in verschiedenen Winkeln hoch zur Decke und ins darüber liegende Stockwerk führen. Doch Werner Langbein sagt: „Die Maschinen von heute sind außen schön verkleidet, aber innen noch genau wie früher.“

Technik des Müllerhandwerks hat sich wenig verändert

Generell habe sich im Müllerhandwerk wenig verändert in den vergangenen Jahrzehnten, sagt Langbein. Die Technik sei im Prinzip noch die gleiche wie früher: Das Getreide werde in mehreren Durchgängen immer feiner gemahlen, das Mehl immer wieder mit Hilfe von Luftdruck durch die Rohre in die Höhe geblasen, im oberen Stockwerk abgesiebt und für einen weiteren Mahlvorgang durch ein anderes Rohr wieder hinunter geschickt. Bei den insgesamt 19 Durchgängen entstehe helles Mehl, dunkles Mehl und Gries sowie Kleie – Letztere bringe man allerdings zur Futtermittelherstellung nach Plochingen.

Getreide kommt von Bauern aus Region

Früher hätten die Landwirte ihr Getreide nur zum Mahlen in die Mühle gebracht und das fertige Mehl direkt wieder mitgenommen, erzählt Langbein. Das sei heute anders: Man kaufe das Getreide von Landwirten aus der Region und komponiere daraus ein eigenes Produkt. Denn Mehl sei nicht gleich Mehl. Die Mischung macht’s: Es gehöre zum Handwerk des Müllers, aus verschiedenen Sorten ein ordentliches Mehl mit guter Backfähigkeit zu kreieren. „Das ist wie ein Cuvée beim Wein: Die Mischung ist oft besser als nur eine Sorte.“ Vor allem der richtige Proteingehalt sei wichtig für die Backfähigkeit und die sei wiederum wichtig für die Bäcker, die Hauptkunden der Mühle, so Langbein. Deshalb sei es wichtig, eine gleichbleibende Qualität anzubieten. Seine Familie produziere etwa eine Woche auf Vorrat – auch, weil das Mehl erst nach einigen Tagen seine volle Qualität entfalte. Es werde in sogenannten Silozellen gelagert, von denen aus es bei Bedarf entweder in Säcke abgefüllt oder aber über einen speziellen Zugang direkt in die Tankwagen der Bäckereien abgesaugt werden könne.

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Normalerweise könnten sie recht gut abschätzen, wie viel Mehl sie in der kommenden Woche brauchen, sagt Isabel von Terzi. Doch seit Beginn des Ukraine-Kriegs sei das anders. Als die Meldung kam, dass der Krieg Einfluss auf die Getreideernte haben könnte, habe es einen regelrechten Ansturm auf die Schwertmühle gegeben. „Wir mussten zwischendurch zwei Tage schließen, weil wir mit dem Abfüllen nicht mehr hinterher kamen“, erzählt von Terzi. Zeitweise hätten sie und ihr Bruder nur vormittags verkauft, um nachmittags Zeit zum Abfüllen zu haben. Inzwischen habe sich die Lage wieder etwas beruhigt – aber man wisse nicht, was noch komme. Zu Beginn der Corona-Pandemie habe es schon einmal einen solchen Ansturm gegeben, für sie völlig überraschend und wenig nachvollziehbar. „Es wäre immer genug da, wenn die Menschen normal einkaufen würden“, sagt Isabel von Terzi. Schließlich könne sich Deutschland mit Getreide selbst versorgen und exportiere in guten Jahren sogar. Auf Importe sei man gar nicht angewiesen.

Geschichten mit Geschichte

Name
Ihren Namen verdankt die Schwertmühle einem zufälligen Ereignis: Bei den Kanalbauarbeiten für die 1866 von Georg Weller erbaute Mühle wurde ein Schwert aus der Römerzeit gefunden. Es wurde einem Stuttgarter Museum vermacht, ist aber seit den Wirren des Zweiten Weltkriegs verschollen.

Lager
Laut Mühlenbetreiberin Isabel von Terzi wird die Schwertmühle oft fälschlicherweise mit einem früheren Lager in der Nähe in Verbindung gebracht, in dem unter anderem Zwangsarbeiter sowie später Flüchtlinge untergebracht waren. Doch damit habe man nie etwas zu tun gehabt – vermutlich habe man die Schwertmühle in dem Zusammenhang nur erwähnt, weil sie eines der wenigen Gebäude in der Nähe des Lagers war.

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