Altes Rathaus Sillenbuch Stadt setzt Sillenbucher Mosterei vor die Tür

Andreas Seeger muss die Gewerbeflächen im alten Rathaus in Sillenbuch räumen. Foto: Caroline Holowiecki

Das Liegenschaftsamt hat Andreas Seeger mit sofortiger Wirkung die Nutzung seiner Gewerberäume im alten Rathaus in Sillenbuch untersagt. Offenbar ist die Elektrik in einem schlechten Zustand. Wer ist schuld am Fiasko?

Mängel, Gefahrenabwehr, Verkehrssicherheit, Nutzungsuntersagung: Das, was im Brief steht, den Andreas Seeger in Händen hält, klingt dramatisch. Fassen kann er noch immer nicht, was ihm da vor einigen Wochen ins Haus geflattert ist. Das Liegenschaftsamt hat ihn effektiv rausgeschmissen. Andreas Seeger betreibt eine Mosterei im alten Rathaus im historischen Teil von Sillenbuch. Das Haus gehört der Stadt, und die hat ihn vor die Tür gesetzt. Das Mietverhältnis wurde fristlos gekündigt, die Nutzung der Räume mit sofortiger Wirkung untersagt. Sein Gewerbe muss Andreas Seeger von jetzt auf nachher einstellen. „Ich darf nur noch ausräumen“, sagt er kopfschüttelnd.

 

Um die 85 Jahre hat die Alt-Sillenbucher Moste laut Andreas Seeger auf dem Buckel. Sein Vater habe sie vor 65 Jahren übernommen, seit dem Tod des Vaters betreibe er die Mosterei und die dazugehörige Obstbrennerei selbst. „Das ist ein Traditionsbetrieb“, sagt er. Er nimmt für sich in Anspruch, ein seltenes Gewerbe betrieben und einen besonderen Saft hergestellt zu haben, für den die Kundschaft von weit her angereist sei. Das soll nun alles aus sein. Dabei heiße es doch immer, man wolle die Streuobstwiesen fördern. In der Tat, wer in Stuttgart eine Mosterei sucht, muss lang recherchieren. Das Internet findet in der Landeshauptstadt auf Anhieb gerade mal die Fruchtsaftkellerei Mayer mit Sitz in Uhlbach sowie Getränke Dachtler in Weilimdorf.

Schuld am Sillenbucher Aus ist, das entnimmt Andreas Seeger dem Schreiben aus dem Fachamt, der „wirklich sehr schlechte Zustand“ der Installation im Haus. Ein beauftragter Elektriker sei nicht einmal in der Lage gewesen, eine E-Prüfung durchzuführen. „Bei der Begehung ist meinen Kollegen von der Technik aufgefallen, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet ist“, heißt es, daher dürfe die Mosterei nicht weiterbetrieben werden. Für Andreas Seeger ist das alles ein Schlag ins Gesicht. „Gott sei Dank“ betreibe er die sogenannte Packpresse nur im Nebenerwerb und auch nur saisonal. Sein Hauptstandbein ist eine kleine Getränkehandlung, ebenfalls in Sillenbuch. Dennoch: „Ich habe von dem Saft und dem Schnaps auch gelebt.“ Eine Räumung sei gar nicht so einfach. „Ich habe da Maschinen drin, die sind im Boden fest verankert.“ Wohin solle er die bringen? „Die Stadt bietet mir nicht mal eine Alternative an. Die schmeißt mich einfach raus.“

Das einstige Sillenbucher Rathaus, gut erkennbar am kleinen Glockenturm, gilt als Kulturdenkmal. Neben der Mosterei hat dort auch ein Künstlerverein sein Domizil. Er ist von der Kündigung ebenfalls betroffen, bestätigt der Verwaltungssprecher Oliver Hillinger, habe aber zwischenzeitlich neue Räume gefunden. Ob man Andreas Seeger eine Alternative anbieten könne, sei unklar. „Wir sind mit dem betreffenden Mieter im Dialog.“ Klar sei jedenfalls, dass das Rathaus nicht mehr nutzbar sei. Bei einer Routineüberprüfung habe sich herausgestellt, dass die Elektroinstallation nicht mehr den Sicherheitsvorschriften entspreche. Nur eine Kompletterneuerung könne dies beheben. „Dies kann nur in einem geräumten Gebäude erfolgen“, teilt Oliver Hillinger mit.

Andreas Seeger hat gegen die fristlose Kündigung Einspruch eingelegt. Offenbar mit Erfolg, denn die Stadt spricht mittlerweile davon, dass Lagerflächen bis Ende September genutzt werden können. Andreas Seeger sieht bei sich keine Schuld für das Fiasko. „Ich habe die Kelter in Ordnung gehalten“, sagt er, vielmehr habe sich die Stadt nicht um das Haus gesorgt. „Die letzten 60 Jahre hat sich keiner um das Gebäude gekümmert“, sagt er, vor einigen Jahren seien lediglich die Außenfassade und das Dach hergerichtet worden. Warum gleich die Kündigung ausgesprochen werden musste, versteht er nicht. „Jeder andere Vermieter würde sagen: Ich hole einen Elektriker.“

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