Altes Schauspielhaus „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ lahmt

Von Dorothee Schöpfer 

Das Südstaatendrama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ stammt aus den Fünfzigern. Die aktuelle Inszenierung im Alten Schauspielhaus findet keine Antwort auf die Frage, warum das Stück heute noch sehenswert sein könnte.

Ein Paar im Zwist: Brick (Patrick Nellessen) und Maggie (Sabine Fürst) Foto: Tobias Metz 9 Bilder
Ein Paar im Zwist: Brick (Patrick Nellessen) und Maggie (Sabine Fürst) Foto: Tobias Metz

Stuttgart - „Was kann entschlossener sein als eine Katze auf dem heißen Blechdach?“, fragt die zu allem entschlossene Maggie (Sabine Fürst). Sie will ihren dem Suff ergebenen Ehemann Brick mit verbalen Giftpfeilen aus der Reserve locken und ins Bett ziehen. Ersteres gelingt in Ansätzen, letzteres nicht. Es bleibt nur noch die Lüge: Maggie behauptet, es hätte eine Liebesnacht gegeben, ein Kind sei unterwegs. Maggie, die Katze, springt – ob sie mit dieser Lüge auf den Füßen landet oder sich das Genick bricht, bleibt offen.

Den Weltekel ertränken

Tennessee Williams’ 1955 verfasstes Drama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ wurde den Broadway rauf und runter gespielt und drei Jahre später verfilmt: Mit Liz Taylor als Katze und Paul Newmann als Trinker. In der ziemlich blassen Inszenierung im Alten Schauspielhaus spielt Patrick Nellessen den Ex-Sportler Brick, der mit Krücke und im Bademantel nur noch darauf wartet, dass sein Whiskey-Pegel seinen Weltekel ertränkt.

Nellessen wirkt leider nie betrunken, er ändert noch nicht einmal sein Spiel, sondern bleibt stoisch und beleidigt. Besoffen genug um die Wahrheit zu sagen, ist er dann doch: „Big Daddy“, der schwerreiche Patriarch und Plantagenbesitzer, dessen 65. Geburtstag heute gefeiert werden soll, und der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Enkel von seinem Lieblingssohn, hat keine Darmkrämpfe, sondern Krebs.

Big Daddy und die Mastsau

Verlogenheit und Habgier haben die Familie fest im Griff. Da beschimpft etwa Big Daddy, der böse Alte, seine Frau als Mastsau, die es nur auf seinen Besitz abgesehen hat. Hannes Fischer spielt diesen immerzu „Scheißdreck“ brüllenden, frauenverachtenden Polterer ein wenig zu gediegen im feinen grauen Tuch.

Auch die von ihm so wüst beschimpfte Big Mama ist mit Susanne Heydenreich nicht wirklich gut besetzt. „Die Zeit vergeht so schnell. Wir müssen uns doch alle lieb haben“, sagt siehilflos. Aber gerade Hilflosigkeit und Unterordnen unter die Bösartigkeit des Familienoberhaupts nimmt man ihr nicht ab: Dafür ist die Intendantin des Theaters der Altstadt zu sehr Grande Dame, zu souverän in jeder Minute.

Ein Dauerpalaver

Sabine Fürst als Maggie ist nicht nur eine sehr wendige, sondern auch extrem attraktive Katze, die im rosa Spitzenkleid eine genauso gute Figur macht wie in der Unterwäsche. Aber auch eine etwas zu atemlose – ihr Dauerpalaver, das weite Strecken des ersten Teils des zweieinhalb Stunden langen Abends einnimmt, geht einem nie nahe. Einzig Monika Wiedmer als schwangere Schwägerin im biederen Plisseekleid setzt passgenauen Akzente als anbiedernde Streberin, die es aufs Erbe abgesehen hat.

Nichts anderes hat auch Maggie, die verzweifelte Katze, im Sinn, wenn sie das Lügenkind in die Welt setzt. Sie will nicht arm alt werden, sagt sie einmal, sie komme von ganz unten. Sie besäße zwar eine bessere Figur, sei aber der gleiche Typ wie seine Frau, sagt Big Daddy über sie. Es bleibt eine Behauptung, wie so vieles an diesem Abend.

Diffus statt gegenwärtig

Es gibt einige wenige Momente, in denen im Alten Schauspielhaus ein Spot eine Figur fokussiert. Sie gehören zu den besten. Ansonsten krankt die Inszenierung von Harald Weiler daran, dass sie keine Akzente setzt, gar nicht erst versucht, zu erklären, warum dieses Drama heute noch auf eine Bühne gehört. Schon die Verortung der Szenerie bleibt diffus: Könnte irgendwie gegenwärtig sein, muss aber nicht.

Dass die Männerfreundschaft unter den Sportsfreunden von Skipper und Brick homosexuell aufgeladen war, wird zwar im Vergleich zur Verfilmung mit Paul Newmann nicht ausgespart. Aber warum es heute noch ein Tabu ist, sich als Spitzensportler zu outen, darum kümmert sich diese Inszenierung genauso wenig wie um die Wurzeln der brutalen Frauenfeindlichkeit, die im Text so offen zu Tage liegt. Big Daddy spricht wie Donald Trump, aber dieser Faden wird nicht aufgenommen. Die Katze, die im Alten Schauspielhaus zu sehen ist, springt nicht. Sie lahmt.

Weitere Aufführungen: Täglich außer Sonntag bis 13. Juli