Altes Schauspielhaus Stuttgart Dinner mit Friedhofskerze
Franziska Beyer gibt am Alten Schauspielhaus Stephen Kings „Misery“ ein neues Gesicht.
Franziska Beyer gibt am Alten Schauspielhaus Stephen Kings „Misery“ ein neues Gesicht.
Da liegt er nun, der Schriftsteller, arg ramponiert, rührt sich nicht sehr. Sein Auto steckt in einer Schneewehe, die Welt weiß nicht, wo er abgeblieben ist. An der Seite seines Bettes wacht Annie Wilkes, ausgebildete Krankenschwester, größte Verehrerin seiner Werke und nicht bei Verstand, wie der wehrlose Pflegling bald herausfinden wird. Mit „Misery“ hat Stephen King 1987 dem Albtraum aller Bestsellerautoren eine treffliche Form gegeben; drei Jahre später wurde der Roman verfilmt, was Kathy Bates einen Oscar einbrachte. Nun gibt Franziska Beyer der Krankenschwester des Grauens ein neues Gesicht.
Paul Sheldon, Autor der viel geliebten „Misery“-Romane, hatte einen Unfall. Annie Wilkes ist erst hingerissen von der Tatsache, dass dies vor ihrer Tür geschah und dass sie selbst ihr Idol aus dem Schnee rettete. Dann liest sie den neuesten Band der „Misery“-Reihe, soeben veröffentlicht, und ist empört: Die Romanheldin Misery stirbt.
Fortan ist der eben noch umschwärmte Schreiber ein Gefangener, der, auf einer klapprigen Schreibmaschine, seinen Fehltritt korrigieren, seine Protagonistin ins Leben zurückholen soll. Annie Wilkes lässt ihn hungern. Als Sheldon (Ralf Stech) fliehen will, rückt sie ihm mit dem Vorschlaghammer auf den Leib, bindet ihn ans Bett. Buster, der Dorfpolizist (Sebastian Faust) spaziert gelegentlich am Fenster vorbei, ahnt nichts. Paul Sheldon bangt um sein Leben.
Stephan Bruckmeier hat Bühne und Kostüme des Stückes gestaltet. Groß liegt das Fenster in der tapezierten Wand, gibt den Blick frei auf ein unerreichbares Draußen. Sheldons Bett ist ganz an den Rand gerückt, weit entfernt von der Tür. Ralf Stech spielt den Schriftsteller, der langsam zu Kräften kommt, sich erst auflehnt, dann auf Annie Wilkes Forderungen scheinbar eingeht – ein psychologisches Duell beginnt, Sheldon ringt mit bissigem Witz um Überlegenheit. Beim Dinner schließlich präsentiert er seiner Peinigerin den neuen Roman, in dem er Misery wiederauferstehen lässt. Annie Wilkes stellt dazu Friedhofskerzen auf den Tisch.
Bis zum bitteren Ende beherrscht sie die Szene, freudestrahlend, gnadenlos, irre, unberechenbar. Für Franziska Beyer ist dies eine Paraderolle: Die Schauspielerin gestaltet ihre Figur mit boshaft schillernder Glaubwürdigkeit, bedrohlicher Naivität, spricht mit einer kindlichen Stimme, in der sich Wahnsinn versteckt, zieht die Schultern zusammen, lässt die Augen blitzen, baut sich breitbeinig hinter Sheldons Bett auf, sticht mit dem Zeigefinger in die Luft. Jener Augenblick, in dem sie zum ersten Mal ihre Macht auskostet, Sheldon zwingt, seine Medikamente mit Wasser aus dem Putzeimer zu schlucken! In einem Epilog wird der entronnene Schriftsteller vor einem Publikum von seinen Erlebnissen berichten – das Gespenst der Annie Wilkes verfolgt ihn dann immer noch, steht am Bühnenrand in brauner Latzhose, lächelt die Zuschauer an, voll mörderischem Enthusiasmus.
Am Broadway feierte William Goldmans Theaterfassung von Stephen Kings Roman 2015 Premiere; Eva Hosemann inszenierte das Kammerspiel um die erboste Leserin nun in Stuttgart. Dort sollte das Stück bereits vor zwei Jahren zu sehen sein, am Freitag, den 13. März 2020, dem Tag des Lockdowns. Nun standen, mit Verspätung, dem Publikum im Alten Schauspielhaus Stuttgart auf umso angenehmere Weise die Haare zu Berge.
„Misery“ im Alten Schauspielhaus Stuttgart Noch bis 24. April Karten/Informationen unter 07 11 / 22 77 00 und online unter www.schauspielbuehnen.de