Altjahrabend in Eltingen mit dem frisch gewählten Oberbürgermeister Tobias Degode. Foto: Simon Granville
Der Brauch der Leonberger Altjahrabendfeier geht auf das 17. Jahrhundert zurück. In seiner Ansprache verspricht der neue OB Tobias Degode nach vielen Konflikten einen Neustart.
Arnold Einholz
01.01.2026 - 16:00 Uhr
Erhellt Kerzenlicht in der Abenddämmerung die Fachwerkfenster rund um den historischen Marktplatz und ist der Eltinger Kirchplatz in Fackelschein getaucht, sind die Stunden des scheidenden Jahres gezählt. Dann hat das Stadtoberhaupt, wie seit Jahrhunderten Brauch ist, die Bürgerschaft zur Altjahrabendfeier eingeladen, um gemeinsam das vergangene Jahr einzuordnen, aber auch nach vorne zu schauen. Viele hundert interessierte Bürgerinnen und Bürger sind dieses Mal gekommen, um der ersten öffentlichen Rede den neuen Oberbürgermeister Tobias Degode Gehör zu schenken.
Die Altjahrabendfeier geht zurück auf eine Zeit größter Not, in der die Kerzen in den Fenstern ein Zeichen der Hoffnung und des Zusammenhalts waren. Unter diese Vorzeichen stellte Tobias Degode, der seit 1. Dezember im Amt ist, seine Ansprache. „Auch unsere Zeit kennt Unsicherheit. Sie kennt Umbrüche und sie kennt die Frage, wie wir mit dem umgehen, was uns herausfordert“, sagt der OB fünf Tage nach seinem 39. Geburtstag.
Tobias Degode spricht vor dem erleuchteten Weihnachtsbaum. Foto: Simon Granville
Vier Persönlichkeiten wurden 2025 in Leonberg gewürdigt. An seinem 250. Geburtstag der Philosoph Friedrich Schelling, der weltbekannte Architekt Frei Otto an seinem 100. und das Ehepaar Elisabeth und Albert Goes, die für Sprache, die verbindet, für aufrechte Haltung und Menschlichkeit in dunklen Zeiten stehen. „2025 war auch ein Jahr, das vom Engagement vieler getragen wurde, die Verantwortung übernommen haben“, sagt Tobias Degode.
Nicht außen vor lassen wollte der neue Rathauschef die Verdienste derer, die unter dem vergifteten Verhältnis zwischen dem ehemaligen Oberbürgermeister Martin Georg Cohn und seiner Stellvertreterin Josefa von Hohenzollern am meisten gelitten und dadurch nicht immer fair im öffentlichen Fokus standen – die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung. „Dennoch haben sie ihre Arbeit gemacht: sachlich, verlässlich und mit großem Einsatz.“ Zusammen mit dem Ehrenamt, mit Vereinen, mit Unternehmen und vielen engagierten Bürgern hätten sie gesorgt, dass die Stadt funktioniert.
Die Phase, in der die Zusammenarbeit schwer war, sei beendet, nachdem die Bürgerschaft sich sehr bewusst entschieden habe, einen Neustart zu ermöglichen, verspricht der neue Oberbürgermeister. „Die ersten Wochen haben gezeigt, dass Zusammenarbeit wieder möglich ist – sachlich, respektvoll und lösungsorientiert“, sagt Degode. Das beste Beispiel dafür sei der fast einstimmige Beschluss des städtischen Haushalts 2026. Der zeige, dass alle gemeinsam Verantwortung übernehmen wollen, zumal die Herausforderungen real und die finanziellen Spielräume begrenzt seien. „Was Leonberg jetzt braucht, ist Substanz, Klarheit und eine Ausrichtung am Gemeinwohl - nicht einfach, aber notwendig“, gibt der OB den Bürgerinnen und Bürger mit auf den Nachhauseweg.
Degode verspricht Neuanfang
Mit seinem Amtsantritt beginne eine neue Phase, die er nicht als Bruch mit der Vergangenheit sehe, sondern als klare Standortbestimmung. Er trete an mit dem Anspruch Ordnung zu schaffen, Zusammenarbeit zu stärken und Entscheidungen möglich zu machen. „Um Schritt für Schritt ehrlich, verlässlich und zusammen voranzukommen“, sagt Degode.
Wichtig für ihn sei die Entwicklung rund um das Krankenhausareal. Mit dem Landkreis müsse hier gesundheitliche Versorgung, Wohnen und Bildung entwickelt werden. „Mein Anliegen ist, die medizinische Versorgung zu sichern und weiter zu entwickeln – stationär und ambulant“, versichert der OB. In Leonberg gelte es, schnelle Entscheidungen zu treffen, Bürokratie abzubauen, Abläufe zu vereinfachen, die Wirtschaftsförderung zu stärken. „Damit das Bild unserer Stadt wieder dem entspricht, das viele hier erleben: ein guter Ort zum Leben, zum Arbeiten und zum Bleiben“, schreibt sich der neue Bürgermeister auf die Fahne.
Auf dem Leonberger Marktplatz, wo auch gemeinsam das traditionelle Lied „Ach, wiederum ein Jahr verschwunden“ gesungen wurde, sorgte die Lyra Leonberg und der Ökumenische Bläserkreis für den musikalischen Rahmen. In Eltingen bestritten der Posaunenchor des CVJM und die Lyra Leonberg diesen Part.
Brauch kommt aus dem 17. Jahrhundert
Der Brauch der Altjahrabendfeier geht wahrscheinlich auf das Jahr 1635 zurück. Damals wütete die Pest auch in Leonberg. „Die Obrigkeit hat damals angeordnet, dass in allen Häusern, die noch bewohnt waren, ein Licht im Fenster aufzustellen sei, um zu sehen, dass noch Leben im Haus ist“, geht aus Texten hervor, die das Stadtarchiv recherchiert hat.
Urkundlich belegen lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Lichterbrauch und einer Feier auf dem Marktplatz seit 1817. Im Stadt- und Amtsboten Leonbergs aus dem Jahr 1848 ist zu lesen: „Der letzte Abend des alten Jahres wird seit undenklichen Zeiten unter Absingen einiger Lieder in Begleitung von Posaunen, wobei sich die ganze Bürgerschaft beteiligt, mit einer Feierlichkeit beschlossen, wozu die Bewohner des Marktplatzes durch Beleuchtung ihrer Häuser beitragen.“ Eine Rede des Bürgermeisters gab es 1923 zum ersten Mal.
Eltingen hat nachgezogen. Hier geht die Altjahrabendfeier auf Anregung von Schultheiß Emil Arnold zurück. Er hat 1925 eine „Jahresschlussfeier“ unter Beteiligung der Gesangs- und Musikverein veranstaltet. 1926 fand die Feier wieder statt und der Gemeinderat beschloss, die Kosten für die Kerzen zu übernehmen. 1933 wurde die Feier vom damaligen stellvertretenden NS-Bürgermeister verboten. Erst Jahr 1951 wurde die Feier hier wieder eingeführt – nach dem Vorbild der Leonberger Altjahrabendfeier.