Altstadt in Stuttgart Wo es mehr Bars als Bordelle gibt

Die Bartender Giovanni Giuffre (links) und Yol Focosi in der neuen Altstadtbar Easy Street. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Der Reiz des Verruchten beflügelt coole Bars. Von denen gibt es in der Altstadt mittlerweile mehr als Bordelle. Neu im Viertel ist das Easy Street, das Details liebt und ausgefallene Drinks. Derweil wird die legendäre Uhu-Bar für Neues ausgeräumt.

Der Streit über das Leonhardsviertel wird oft mit harten Worten und Beschimpfungen geführt. Die einen warnen vor der Gentrifizierung der Altstadt, also vor einer „Yuppisierung“. Sollten Spekulanten immer mehr Häuser aufkaufen und teuer sanieren, so ihre Befürchtung, würden Bewohner mit niedrigem Einkommen verdrängt. Emotional argumentieren auch die, die fordern, der Sexverkauf müsse verboten werden.

 

Der einstige OB-Kandidat John Heer, der Zimmer an Prostituierte vermietet, ist nicht zimperlich, wenn er seine Gegner verbal angeht. Doch bei der neuen Cocktailbar Easy Street, die unweit seines Büros an der Weberstraße eröffnet hat, gerät er ganz sanft ins Schwärmen. Sonst sind Bordellbetreiber über den Andrang des „Szenepublikums“ nicht so happy, weil dieser Freier fernhalten könnte, die auf ihrem Weg zum Triebabbau kein Publikum wünschten. „Das Easy Street ist die schönste Bar von Stuttgart“, lobt Heer.

Zwei Hundetrainer betreiben die neue Bar

„Easy Street“ ist ein Lied von Doris Day. Die Weberstraße wird also zur „leichten und unbeschwerten Straße“. Das kleine, aber feine Nachtlokal ist ein Liebhaberprojekt des Geschäftsmanns Ingo Hampf und des gelernten Zimmermanns Yol Focosi, der Kandidat in der Sendung „Ninja Warrior“ war und heute das Hundeportal „Abenteuerpfoten“ betreibt. Hampf ist ebenfalls Hundetrainer. Vor der Eröffnungsfeier am Freitag haben er und Nachbar John Heer erst mal die Weberstraße in Eigenregie gesäubert. Die Abfallwirtschaft der Stadt lasse die Altstadt verkommen, klagen sie, und reinige sie viel zu selten.

Der Dritte im Easy-Street-Bunde (Untertitel der Bar: „Life is sweet“) ist der italienisch-kolumbianische Bartender Giovanni Giuffre, zuvor auf Gran Canaria ein Star am Shaker. Ihren neuen Arbeitsplatz hat das Trio mit viel Liebe zum Detail eingerichtet.

Die Farbe Grün dominiert. Beleuchtete Streifen auf der Theke setzen die Cocktails in Szene. Die Innenarchitektin Bettina Kampe – sie kennt den Neuwirt vom Gassigehen – hat sich, wie man’s in solchen Fällen sonst gern tut, nicht an New York orientiert. In der neuen Bar ist’s „stuttgarterisch“, sagt sie und meint damit: Keine Kopie aus einer Metropole erwartet die Gäste, sondern ein Original. Das Easy Street, glaubt sie, werde auch für geschlossene Gesellschaften ein Hit.

Die Karte enthält eine üppige Auswahl an Klassikern und eigenen Kreationen mit selbst gemachten Sirupen. Da wird mit Bunsenbrennern hantiert, die Smogkanone gezückt, mit hübschen Gimmicks dekoriert, mit Rosenwasser besprüht. So viel Spaß haben die Jungs an der Theke, dass man sich als Gast mit ihnen freut. In diesem Schmuckstück wird alles gleich leichter. Nicht umsonst spricht man von Barkultur. Kultur ist das Salz in der Speise des Lebens.

„Die Zeit für reine Schwulenbars ist vorbei“

Vor sechs Jahren hat die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) das Haus gekauft, in dem sich vor der Easy Street die Bar Korridor befand und davor über Jahrzehnte die Schwulenbar Finkennest. Die Stadträtin und Clublegende Laura Halding-Hoppenheit erinnert sich gern daran. „Das Finkennest war seit den 70ern für die Community ein gemütliches Zuhause“, sagt sie. Wenn sich nun Luxus im Viertel ausbreite, gehe damit die Tradition verloren, gibt die „Schwulenmutter“ zu bedenken.

„Die Zeit für reine Schwulenbars ist vorbei“, sagt Ingo Hampf. Sexuelle Orientierung spiele beim Ausgehen und auch sonst keine Rolle mehr. Als Schickimicki-Treff sieht er sein neues gastronomische Angebot nicht. Die Preise sollen erschwinglich bleiben.

Fou Fou Bar, Holzmaler, Botanical Affairs, Lido, Paul & George, Hommage, Puf und so weiter – die Zahl der Bars übersteigt inzwischen die Zahl der Bordelle in der Altstadt. Das Rotlicht wird schwächer, weitere Farben erstrahlen. Fou-Fou-Chef Patrick Witz freut sich über die neue Konkurrenz. Damit werde das Quartier, das viele vom Schmuddel-Image befreien wollen, immer mehr zu einem attraktiven Ausgehviertel, in dem man von einer Bar in die nächste fällt. Eine reine Gastronomiemeile wünscht sich Witz aber nicht. Auf die Mischung komme es weiterhin an. Laufhäuser gehörten auch dazu.

Die Uhu-Bar wird nun ausgeräumt

Die Uhu-Bar, die mit Altstadt-Größe Oskar Müller zu den schönsten Orten des Leonhardsviertels zählte und seit 2021 Geschichte ist, steht vor dem Neustart. In kaum einem anderen Ort dieses Quartiers hat man eine so bunte Mischung an Gästen angetroffen wie hier. Das frühere Biotop der Nacht, unter einem inzwischen geschlossenen Laufhaus gelegen, wird gerade ausgeräumt. Das Interieur wird zwischengelagert – es gehört eigentlich in ein Museum! Das Gebäude wird neu verpachtet. „Wir hatten leider keinerlei Chance, da ranzukommen“, sagt die bisherige Uhu-Wirtin Klaudia Kacijan. Doch mit ihren Nachfolgern verstehe sie sich „sehr gut“. Sie freut sich auf das, was kommt. Die Altstadt, so zeigt sich, erzeugt Kreativität. Der Wunsch eint, dass dieses Quartier nicht vor die Hunde geht, sondern neu erblüht.

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