Altstadt Schüler lernen, wie Politik funktioniert

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Die Hortkinder aus der Helfergasse sammeln Unterschriften für freie Fahrt für Schülergruppen.

Otis, Tim, Ozan und Jessica, die Sozialpädagogin Claudia Franzin und Genti (v.li,) haben Foto: Annina Baur
Otis, Tim, Ozan und Jessica, die Sozialpädagogin Claudia Franzin und Genti (v.li,) haben Foto: Annina Baur

Altstadt - Um etwas zu lernen muss man nicht am Schreibtisch sitzen, zumindest nicht immer. „Bildung findet auch draußen statt“, sagt die Sozialpädagogin Claudia Franzin. Im Schülerhort Helfergase gehören Ausflüge in Museen, in die Natur, ins Schwimmbad oder zu Jugendaktionen selbstverständlich zum Programm.

Weniger selbstverständlich ist der Weg dorthin: „Nicht alle Schüler haben ein Scool-Abo“, sagt die zehnjährige Genti. Der Fahrkartenkauf sei deshalb langwierig: „Meistens brauchen wir diverse Gruppen- und Einzeltickets.“ Das dauert am Automaten lange und verärgert andere Fahrgäste, die es eilig haben: „Wir werden oft angemotzt“, sagt Genti. Dass Busse und Bahnen der Gruppe vor der Nase wegfahren, daran haben sich die Kinder schon beinahe gewöhnt.

„Wir fordern deshalb freie Fahrt für Stuttgarter Schülergruppen“, sagt der fünfzehnjährige Ozan. „Unsere Idee ist, dass Schulen und Horte eine Karte bekommen, mit der Klassen und Gruppen umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können.“ Das würde nicht nur am Ausflugstag selbst, sondern auch im Vorfeld für Entspannung sorgen: „Spontan etwa zu einer Jugendaktion auf dem Schlossplatz zu fahren ist praktisch unmöglich“, sagt Franzin. Stattdessen bedarf jeder Weg, der nicht zu Fuß zurückgelegt werden kanne, einigen Vorlauf: „Ich muss die Eltern informieren, das Geld einsammeln, einige immer wieder erinnern und schlimmstenfalls aus eigener Tasche das Fahrtgeld vorstrecken.“

„Wir fordern seit 2006 freie Fahrt für Schülergruppen“

Schon seit Jahren setzt sich Franzin gemeinsam mit den Hortkindern für eine Vereinfachung dieses Prozederes ein: „Wir fordern seit 2006 freie Fahrt für Schülergruppen.“ Seither schreiben die Erzieherin und ihre Schützlinge jedes Jahr unermüdlich alle Stuttgarter Schulen an, rühren für ihre Forderung beim Weltkindertag die Werbetrommel und haben den Vorschlag bereits zweimal in den Bürgerhaushalt eingebracht, wo die Idee einmal auf dem 14. und einmal auf dem 33. Platz landete.

Mehr als 8000 Unterschriften haben Franzin und die Hortkinder im Lauf der Zeit gesammelt, den nächsten Stapel Listen wollen sie am Weltkindertag im September dem Oberbürgermeister Fritz Kuhn überreichen. Und damit nicht genug: „Wir haben schon einen Film für unser Anliegen gedreht und uns bei der Fernsehsendung Logo beworben“, erzählt der neunjährige Tim. Ozan hat eine Homepage und jetzt auch eine App für Android-Smartphones kreiert, auf der alle Informationen zu der Aktion zusammengestellt sind. „Es ist ein immens großer Schülerwille“, sagt Franzin und zeigt zum Beweis auf mehrere dicke Ordner, in denen sie Zeitungsartikel, Informationsmaterial und die Korrespondenz mit der Stadtverwaltung, dem Verkehrsverbund und der Stuttgarter Straßenbahnen AG archiviert.

Aus Sicht des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) wäre eine generelle Freifahrt vorstellbar, wenn durch die Stadt Stuttgart ein entsprechender finanzieller Ausgleich erfolgen würde. Dies ist allerdings für den Oberbürgermeister keine Option: „Da beim Kauf eines Scool-Abos die Eltern monatlich einen Kostenanteil von derzeit 38,40 Euro leisten, sind im Blick auf die Gleichbehandlung generelle kostenfreie Fahrten nicht möglich“, sagt Fritz Kuhn in seiner Stellungnahme zum Vorschlag im Bürgerhaushalt und verweist auf die netzweite Gültigkeit des Scool-Abos vom Schuljahr 2013/14 an: „Schülerinnen und Schüler mit dem Scool-Abo können dann rund um die Uhr und somit auch bei allen Schulausflügen im Gesamtnetz des VVS fahren.“ Für Franzin und die Kinder ist das nicht genug: „Nicht alle Schüler haben ein Scool-Abo.“ Auch wenn sie im Moment wenig Chancen für ihr Projekt sehen, wollen sie nicht aufgeben, für ihre Forderung zu kämpfen.

Gelernt haben sie jedenfalls durch ihr Engagement schon viel: „Es ist wichtig und ein Schwerpunkt unserer Einrichtung, den Kindern zu vermitteln, wie politische Entscheidungsprozesse zustande kommen“, sagt Franzin. Wer die Entscheidungsträger einer Stadt sind und welche Möglichkeiten es für Bürger gibt, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, komme im Schulunterricht oft zu kurz und werde deshalb im Hort an der Helfergasse thematisiert.

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