So viel Einigkeit gibt es nicht oft. Mehr noch: In der Beurteilung zur Zukunft des wohl ältesten Wohnhauses in der Stadt ließen sich Kommunalpolitiker und die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle sogar zu Jubelarien hinreißen. Das Konzept, zur Sanierung und Nutzung des inzwischen heruntergekommenen Altstadt-Hauses an der Hauptstätter Straße 49, in dem sich das Café Mistral befindet, stößt regelrecht auf Begeisterung.
So nannte Heinrich Huth (SPD) das Angebot des Verschönerungsvereins Stuttgart, das ehemalige städtische Armenhaus aus dem 15. Jahrhundert, auf eigene Rechnung für 1,5 Millionen Euro zu sanieren, ein „Rundum-Sorglos-Paket für die Stadt Stuttgart und Identifikations-Hot-Spot“. Veronika Kienzle meinte indes, dass ihr „das Herz aufgeht“ und CDU-Mann Klaus Wenk überschüttete den Verschönerungsverein mit Lob: „Es ist ein Segen, dass die Stadt Stuttgart so einen Verein hat.“ Und das schon seit 1861. So lange wirkt der Verein bereits in der Stadt, um Baudenkmäler zu erhalten oder eben zu verschönern. Beispiele sind der Hasenbergturm, der Kriegsbergturm und der Killesbergturm. Nun also das Kulturdenkmal der Hauptstätter Straße 49.
„Der Verschönerungsverein möchte zusammen mit dem Schwäbischen Heimatbund die denkmalkundliche Erforschung der Hausgeschichte durchführen“, erklärt der Vereinsvorsitzende Erhard Bruckmann, „wir wollen die Ergebnisse dann wissenschaftlich aufarbeiten und präsentieren“.
Im Erdgeschoss findet Bildung und Kultur statt
Das ist freilich nicht alles: Der Verschönerungsverein möchte das Haus dann im Eigentum oder im Erbbaurecht übernehmen, im Erdgeschoss einen stadtgeschichtlichen Lern- und Erinnerungsort sowie einen Begegnungsort für Gruppen und Initiativen aus dem Stadtbezirk Mitte und den inneren Stadtbezirken schaffen, und im ersten Stock seinen Vereinssitz und im Dachgeschoss einen Besprechungsraum erhalten. Zusammen mit dem Schwäbischen Heimatbund hat man zudem im Leonhardsviertel das Haus Weberstraße 2. Dort hat der Verein allerdings keine eigenen und repräsentativen ausreichenden Räume.
„Das Projekt ist konzipiert mit Gesamtkosten von rund 1,5 Millionen Euro inklusive Inflationszuschlag bis 2026 als reines Bürgerprojekt ohne Mittel der Stadt“, erklärt Bruckmann. Der Verein gewönne so einerseits einen seiner Bedeutung angemessenen Sitz, die Stadt gewönne andererseits einen sanierten repräsentativen und vorzeigbaren Eingang ins Leonhardsviertel anstelle des bisherigen unschönen Zustandes.
Am derzeitigen Zustand ist unter anderem der derzeitige Gastronom und Pächter verantwortlich. Gegen ihn läuft seit Anfang 2020 eine Räumungsklage. Bereits seit 2012 hat die Stadt das Haus von einer Erbengemeinschaft für geschätzte 360 000 Euro gekauft inklusive einer Klausel zur Möglichkeit einer Vertragsverlängerung um fünf Jahre. Wollte die städtische Tochter, die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG), das Haus in ihre Obhut nehmen, würde das nach einer Schätzung von Bruckmann mindestens eine Investition zwischen zwei bis drei Millionen Euro Kosten bedeuten.
Maroder Zustand
„Im jetzigen desolaten Zustand ist es ein Schandfleck. Andere Häuser im Viertel haben gezeigt, dass eine sensible, nachhaltige, denkmalgerechte Restaurierung möglich ist. Der Bezirksbeirat Mitte wünscht, dass das Haus im Bestand der Stadt bleibt, denkmalgerecht restauriert wird und in einer öffentlichen Ausschreibung projektbezogen einer neuen Verwendung zugeführt wird“, hatte der Bezirksbeirat Wolfgang Kaemmer (Grüne) bereits im vergangenen Jahr gesagt und zeigt sich nun mehr als zufrieden mit der Entwicklung, die er mit angeschoben hat. Auch seine Parteigenossin Veronika Kienzle ist ob den Visualisierungen des möglichen Zustandes, der sich am Original orientiert, ganz elektrisiert: „So sah’s mal aus, Leute“, entfuhr es ihr bei der Präsentation von Bruckmann. Der Anwalt selbst ist nun guter Hoffnung, was den Fortgang der Dinge betrifft: „In bisherigen Gesprächen des Vereins mit der Verwaltung der Stadt und mit Fraktionen des Gemeinderates ist das Projekt grundsätzlich allseits begrüßt worden. Nirgends erfuhren wir offene Ablehnung.“ Jetzt will er in „konkrete Gespräche mit den Ämtern der Stadt“ einsteigen.
In seinen Ausführungen stellt Bruckmann zudem klar, dass man das Projekt als einen Teil „des IBA-Betrachtungsraumes“ sehe. Also sehr gut in die gesamte Planung der Internationalen Bauausstellung 2027 Stadt-Region Stuttgart und der Leonhardvorstadt passe. Das Angebot liegt nun bei OB Frank Nopper (CDU) und der Stadtverwaltung. „Das ist doch eine schöne Braut für die Stadt“, meinte Veronika Kienzle zur möglichen Verbindung mit dem Verschönerungsverein. Damit meint sie: Die Stadt und der OB müssen nur „Ja, ich will“ sagen. Dann, so verspricht Bruckmann, „sind wir pünktlich zur IBA 2027 fertig“.
Nutzung in jüngerer Zeit
Bis 1960er-Jahre
Im Krieg unzerstört, danach Lebensmitteleinzelhandel (Gaissmaier), wohl auch noch Handwerk.
1970er-Jahre Übergang zu Nutzungen im Rotlicht-Milieu. Erdgeschoss: Grillimbiss, später Sissybar. Obergeschoss: Einzelzimmer, Zimmerprostitution
2000er-Jahre
Erdgeschoss: Rotlicht-Gastronomie „Café Mistral“. Obergeschoss: Zimmerprostitution.
Herbst 2011
Der Verschönerungsverein bringt die illegalen Zustände im Rotlichtmilieu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Anfang 2012
Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle erfährt von der beabsichtigten Veräußerung des Gebäudes der Eigentümerin, einer Erbengemeinschaft, an einen potenziellen Käufer aus dem Milieu. Bezirksbeirat und Fraktionen veranlassen die Stadt zum Erwerb und Nutzung des Vorkaufrechts für geschätzte 360 000 Euro.
2012
Pachtvertrag des Alteigentümers mit Milieunutzer muss von Stadt übernommen werden, kann nicht gekündigt werden.
2021
Pachtvertrag läuft aus, wird nicht verlängert. Pächter zieht nicht aus, Räumungsklage wird eingereicht. Pächter zieht bis heute nicht aus. Ordnungsamt bewilligt sogar noch Außengastronomie.