Böblingen/Sindelfingen - Zum Nachdenken anregend, inspirierend, überraschend und begeisternd. Diese Bandbreite an Emotionen und noch viel mehr können Kunst und Kultur bieten. Mit genau diesem Anspruch wollen die Organisatoren und Künstler möglichst viele Menschen am 13. November zu Langen Nacht der Museen nach Böblingen und Sindelfingen locken.
Die 19. Auflage des Formats steht zwar unweigerlich im Zeichen der Pandemie, sie setzt aber durch ihr Stattfinden ein deutliches Aufbruchssignal an alle Kulturbegeisterten in der Region, nach einjähriger Pause wieder Kunstwerke zu bestaunen, Musik zu genießen und in die Welt der Geschichte einzutauchen. Ob Familien, Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, das Programm für die diesjährige „Lange Nacht“ ist vielfältig. Führungen und Ausstellungen in den Museen sind genauso Teil des Angebots zwischen 18 und 24 Uhr wie museumsspezifische Aktionen, Filmvorführungen und Workshops.
Verhaltene Prognose wegen Teilnehmerzahlen
Während in Böblingen die vollen sechs Stunden Programm geboten wird, geht es in Sindelfingen dieses Jahr bis 23 Uhr. Ein Shuttlebus wird im Halbstundentakt die beiden Städte miteinander verbinden. Dieses Angebot soll die Menschen ebenso zur „Langen Nacht“ motivieren wie die Tatsache, dass der Eintritt für alle Einrichtungen umsonst ist. Mit Spannung schauen die Veranstalter auf das Besucheraufkommen dieses Jahr.
Andreas Wolfer, Abteilungsleiter Veranstaltungen, Museen und Archiv im städtischen Kulturamt in Böblingen, will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Die Pandemie sei noch zu spüren. „Wir sind wirklich gespannt. Wir gehen aber von einer etwas geringeren Teilnehmerzahl als in den Jahren zuvor aus. Auch sonst kommt noch weniger Publikum als vor der Pandemie in die Museen. Die Sonderausstellungen allerdings sind immer gut besucht“, fasst Wolfer zusammen. Die eine Hälfte des Galeristenpaares Schacher, Katrin Schacher, kann dagegen von positiven Besucherzahlen in ihrer Böblinger Galerie berichten: „Wir verzeichnen einen extremen Anstieg. Der Lockdown war sehr lange. Viele wollen nun wieder Originale live sehen und hören.“
Von regional verankerter Malerei bis neapolitanische Musik
Nach den langen Monaten ohne Live-Kunst und -Kultur scharren die Veranstalter und Künstler mit Blick auf den 13. November mit den Hufen. Das spiegelt sich auch im bunt zusammengestellten und vielfältigen Programm. Die Palette reicht von klassisch bis kurios. Zur Kategorie „klassisch“ lässt sich das musikalisch-literarische Angebot der Evangelischen Stadtkirche Böblingen zum Altdorfer Maler Hans Bäurle zählen. Der Böblinger Kunstverein feiert mit einer Rauminstallation sein 60-jähriges Jubiläum und passend dazu mehr als 170 Künstler, die in Bildercollagen „nahbar und fühlbar“ werden, wie Berit Erlbacher, stellvertretende Vorstandsvorsitzende, es bei der Pressekonferenz in Sindelfingen ausdrückt.
Sehr sehnsuchtsvoll geht es an jenem Samstag in der Galerie Oberlichtsaal in Sindelfingen zu. Ab 19.30 Uhr entführt die Lokalmatadorin Annerose Wald Besucher nach Neapel – in die Sehnsuchtsstadt am Fuße des Vesuvs. Während Napoli bei den eine abgrundtiefe Ablehnung auslöst, lieben andere das Chaos, den morbiden Charme und nicht zuletzt auch die Kulinarik in der süditalienischen Stadt. Da Wald aufgrund der Pandemie nicht selbst nach Neapel reisen konnte, bringt sie am 13. November für ihre Ausstellung Postkarten und eine sechzigteilige Textsammlung mit. Außerdem vorgestellt werden literarische Auseinandersetzungen mit Neapel von Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Alexandre Dumas oder Walter Benjamin. Ergänzt wird die literarische Reise durch neapolitanische Live-Musik von Massimiliano D’Antonio.
Wurst mit allen Mitteln der Kunst
Wirklich kurios wird es im Fleischermuseum Böblingen zugehen, das auch in der Langen Nacht der Museen den Spagat zwischen Fleisch- und Wurstwaren auf der einen und Kunst und Kultur auf der anderen Seite versucht. Von 19 bis 21 Uhr führen Natalie Wolff und Matthias Bumiller im Ersten Stock des Böblinger Museums durch die Ausstellung „Darf’s vom Guten etwas mehr sein?“. Die gebürtige Elsässerin Wolff malt zudem Wurstaquarelle und sorgt dabei dann wohl auch für manche Momente der Nostalgie, als es in den längst vergangenen Kindheitstagen beim Metzger um die Ecke noch ein Rädle Wurst gab.
Wolff bietet am Samstagabend „eine Auswahl der schönsten Schnittbilder der Serie: Bierschinken, Paprikalyoner, Zungenwurst oder feiner Leberkäse“. Künstlerkollege Bumiller greift in die Archivkiste des Fleischermuseums und zeigt ein Sammelsurium von „wertvollen Schätzen“, wie es in der gemeinsame Pressemitteilung der Städte Böblingen und Sindelfingen heißt.