80 Kilometer weit konnte Sumako Hamada an diesem Morgen blicken. Und so weit nördlich, auf der anderen Seite des Ufers nahe ihrer Heimat, war die Welt augenblicklich in Schutt und Asche verwandelt worden. Um 8.15 Uhr des 6. August 1945 war aus einem US-amerikanischen Flugzeug namens Enola Gay in einigen Kilometern Höhe eine mit Uran 235 gefüllte Bombe gefallen. 43 Sekunden später, 600 Meter über der Industriestadt Hiroshima, explodierte sie. Mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus, die Temperatur stieg auf fast 4000 Grad Celsius. Drei Minuten später ragte eine pilzförmige Wolke in den bis dahin sonnigen Himmel. Dann fiel schwarzer Regen. 70 000 Menschen starben in Sekunden, an den Tagen danach folgten mehr als 100 000 Tote. Es war die erste militärisch eingesetzte Atombombe der Geschichte. Drei Tage später folgte eine zweite über Nagasaki.
Auch Japan hatte versucht, eine Atombombe zu bauen
Als die Bauerntochter Sumako Hamada einige Tage später davon erfuhr, dass der große Krieg zu Ende war, überraschte sie das nicht mehr. Die Radioansprache des Tennos, Kaiser Hirohito, war ein Ereignis für sich. Bis zu jenem 15. August 1945 hatten die meisten Japaner noch nie die Stimme ihres Staatsoberhaupts gehört. Doch für Sumako, deren Bruder als Soldat kämpfen musste, hatten die Worte kaum noch Informationswert. „Ich hatte das Gefühl, dass die Niederlage nur eine Frage der Zeit war.“ Sie empfand Erleichterung: „Der Krieg hatte uns alle müde gemacht.“
In den Wochen und Jahren nach der totalen Niederlage rückte das Bild der Müdigkeit in den Hintergrund. Bis zum letzten Mann würde Japan kämpfen, so hatten es die Generäle und Journalisten im Land immer wieder behauptet. Um die Kapitulation zu erklären, fand man ein Narrativ für die Niederlage: Japan, dessen Krieg 1931 mit der Invasion der Mandschurei in Nordostchina begonnen hatte, sei nicht an sich selbst gescheitert, sondern an der Technologie.
Das hatte durchaus seine Logik. Sumako Hamada und die allermeisten anderen Japaner wussten davon nichts, aber auch Japan hatte versucht, eine Atombombe zu bauen. Nachdem im Dezember 1938 die deutschen Chemiker Lise Meitner, Fritz Strassmann und Otto Hahn die Möglichkeit zur Kernspaltung entdeckt hatten, sprach sich das militärische Potenzial einer nuklearen Kettenreaktion international schnell herum. In Japan setzte sich der Physiker Yoshio Nishina, ein Freund der führenden Wissenschaftler Niels Bohr und Albert Einstein, ab 1939 damit auseinander. Zwei Jahre später erhielt Nishina den offiziellen Auftrag, eine Atombombe zu konstruieren.
Japan blieb nach dem Weltkrieg nichts anderes, als auf die Forschung zu setzen
Nur verlief das Projekt nicht wie geplant. Es mangelte vor allem am Rohstoff Uran. Als man bei Deutschland und weiteren Verbündeten um Unterstützung bat, fand sich zwar einiges zusammen, doch für eine zerstörerische Bombe reichte es nicht. Von der Bewertung in der ersten Phase des Vorhabens konnte man nicht nennenswert abrücken: Eine Atombombe, hieß es, sei zwar prinzipiell möglich, aber „es wäre wahrscheinlich selbst für die USA schwer, die Anwendung von Atomenergie während des Kriegs zu realisieren“. Am Ende wurde das japanische Atomlabor durch einen US-Luftangriff zerstört und nicht wieder aufgebaut. Das „N-Projekt“, benannt nach Yoshio Nishina, war gescheitert.
Robert Jacobs, ein wohlgenährter Herr in kurzärmligem Hemd, ist Historiker an der City University Hiroshima. Er forscht zum Trauma, das die Explosion bedeutete. „Als die Bomben ausgerechnet über Japan explodierten“, sagt Jacobs in seinem mit Büchern vollgestellten und überhitzten Büro, „muss die Erschütterung so groß gewesen sein, wie wenn du in einem Duell kämpfst und dein Gegner sich plötzlich wegbeamt: Du hast mal gehört, dass diese Technik theoretisch möglich ist, aber praktisch völlig unrealistisch sein muss.“ Dieses Trauma sieht Jacobs als entscheidend für die Politik Japans an. „Japan wurde in relativ kurzer Zeit zu einem der führenden Standorte für Atomtechnik.“ Als nach dem Zweiten Weltkrieg die USA auf den Inseln Japans regierten und in die neue Verfassung einen Pazifismusartikel schrieben, blieb dem ostasiatischen Land nichts anderes, als auf die Forschung zu setzen. Statt ins Militär wurde in die Wissenschaft investiert.
Im Frühjahr 1956 öffnete wenige Kilometer vom Unicampus entfernt das Friedensmuseum von Hiroshima. Die erste Ausstellung lautete „Atoms for Peace“. Jacobs erzählt: „Sie war eine echte Propagandaveranstaltung für die Nutzung von Atomkraft.“ Man zeigte, wie eine durch Atomtechnik angetriebene Roboterhand japanische Kalligrafie zeichnen konnte. Auch ein Atomreaktor in Miniaturform war ausgestellt. Und man deutete an, dass Nuklearenergie die Strahlungsschäden der Atombombenüberlebenden heilen könnten. Das Publikum war begeistert.
Über die Jahrzehnte entwickelt sich das Land zu einem führenden Standort für Kernphysik
Sumako Hamada besuchte die Ausstellung nicht. Aber auch sie war nicht skeptisch gegenüber der Nutzung der Atomkraft, obwohl sie die Zerstörungskraft aus der Distanz klar hatte sehen können. „Wir haben uns darüber keine großen Gedanken gemacht“, sagt sie während des Gesprächs in ihrem Seniorenheim. Sie zeigt alte Bilder. „Ich war zwar zu Kriegsende etwas pummelig“, sagt sie, „weil wir als Bauern immer Reis hatten, aber wir waren trotzdem arm. Zu uns kamen keine neuen Produkte. Nicht mal Textilien.“ Die heute 93-jährige Sumako Hamada und die anderen in Matsuyama wollten Fortschritt. Warum nicht mit Atomkraft?
Kurz nach der Ausstellung in Hiroshima baute Japan in der einstigen Stadt der Bombentragödie seinen ersten Atomreaktor. Viele weitere folgten. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Land, das am Atombombenbau gescheitert war, zu einem der führenden Standorte für Kernphysik. Unternehmen wie Hitachi, Toshiba, Mitsubishi oder Japan Steel Works avancierten zu den weltweit größten Unternehmen der Branche. In Tsuruga, einer Stadt im Westen des Landes, wurde einer der modernsten Forschungsreaktoren weltweit gebaut. „Bis heute verkörpert das Atom in gewissen Kreisen vor allem Fortschritt“, sagt Robert Jacobs.
Das Klüngel aus Politikern, Unternehmen und Forschern wird das „nukleare Dorf“ genannt
Als am 11. März 2011 zuerst die Erde gewaltig bebte und daraufhin mehr als 20 Meter hohe Wellen über die Nordostküste von Japan hereinbrachen, havarierte in Fukushima ein Atomkraftwerk. Hunderttausende mussten evakuiert werden. Wieder fiel Japan einer nuklearen Kettenreaktion zum Opfer. Und erstmals bildete sich im Land eine sichtbare Antiatombewegung. Doch die Regierung beeindruckte das kaum. Eineinhalb Jahre nach dem Atom-GAU wurde mit Shinzo Abe ein Mann zum Premierminister gewählt, der an der Kernkraft festhalten will. Mehrere der gut 50 heruntergefahrenen Reaktoren ließ er unter strengeren Bedingungen wieder in Betrieb nehmen. Und ein Klüngel aus Politikern, Unternehmen und atomfreundlichen Forschern, den man in Japan das „nukleare Dorf“ nennt, hat es mittlerweile geschafft, vom Fukushima-Desaster eine Erzählung von menschlichen Fehlern zu prägen. In anderen Worten: Das Unglück von 2011 sporne nur dazu an, weiter auf die Atomkraft zu setzen.
Dabei will man in der regierenden Liberaldemokratischen Partei mehr als das. Immer wieder haben Politiker der ersten Reihe Gedanken geäußert, die aufhorchen ließen. 2017 sagte der Ex-Verteidigungsminister Shigeru Ishiba: „Japan sollte die Technologie haben, um eine Atomwaffe zu bauen, wenn es dies will.“ Ishiba gilt als aussichtsreicher Kandidat auf die Nachfolge als Premierminister. Wenn Sumako Hamada solche Sätze hört, wird ihr übel. „Niemand in der Welt sollte Atomwaffen besitzen. Die richten nur Schaden an.“