Besuch bei den Stuttgarter Erfolgsbrennern Wie wird der weltbeste Gin hergestellt?

Von Uwe Bogen 

In nur zwei Jahren ist Ginstr zu einer der bekanntesten Ginmarken Deutschlands geworden. Handballstars vom Erstligisten TVB 1898 Stuttgart halfen nun beim Abfüllen der Flaschen. Ein Besuch am Brennkessel.

Eine Hand greift in ein 120-Literfass mit Alkohol und Botanicals – es ist die Hand von Ginstr-Chef Alexander „Sandy“ Franke, der  das Logo seiner Marke auf den Unterarm tätowiert hat. Foto: Andreas Engelhard 11 Bilder
Eine Hand greift in ein 120-Literfass mit Alkohol und Botanicals – es ist die Hand von Ginstr-Chef Alexander „Sandy“ Franke, der das Logo seiner Marke auf den Unterarm tätowiert hat. Foto: Andreas Engelhard

Stuttgart - Alles fing damit an, dass zwei Kumpels nachts durch Stuttgarter Bars zogen. Markus Escher, ein Winzersohn, und Alexander „Sandy“ Franke, ein Radiomoderator, tranken einen Gin Tonic nach dem anderen, besprachen die Welt, lachten und träumten. „Wir hatten Lust, nur für uns und unsere Freunde mal selbst einen Gin zu machen“, erzählt der 34-jährige Sandy. Was daraus geworden, ist ein modernes Märchen.

Mehrfach preisgekrönt ist ihre „Hommage an die Heimat Stuttgart“, wie die Start-up-Gründer den Inhalt ihrer kompakten Apothekerflaschen beschreiben. Ihre Marke mit vielschichtiger Zi­trusnote und alkoholischer Milde wurde gar zum weltbesten Gin für Gin Tonic gekürt und ist außerdem nun auch noch dabei, den asiatischen Markt zu erobern.

Am Ende ergibt alles einen Gin!

Nur sich selbst abfüllen ist nicht

Auch wenn Chinesen Ginstr lieben, wird er künftig nicht an einem zweiten Standort in Asien hergestellt, sondern entsteht weiterhin unweit des Stuttgarter Wahrzeichens, dessen goldfarbene Turmsilhouette das Etikett schmückt. Sind die Brennkupferkessel im elterlichen Weingut Escher, wo jede einzelne Nummer mit Hand auf die Flasche geschrieben wird, eine Gelddruckmaschine?

Im Handballkader des TVB 1898 Stuttgart gibt’s einige, die versuchen, die Sache mal durchzurechnen. Die Profis sind bis zu 2,10 Meter groß (Rückraumspieler Dominik Weiß, der Überragende, hat von da oben die beste Fernsicht). Jetzt helfen sie in Schwaikheim mit, eigene TVB-Gin-Flaschen abzufüllen und zu verkorken.

Dies durfte davor nur der VfB Stuttgart. Wo die Fußballer gelandet sind, ist hart genug, so dass wir nicht in Wunden stochern mögen. Jedenfalls haben nun echte Erstligisten vom TVB eine eigene Ginstr-Edition, die wie immer aus exakt 711 (Vorwahl-Stolz!) Flaschen besteht.

You are the Gin of my Tonic!

Lange Rede kurzer Gin

Nur sich selbst abfüllen ist nicht. Das Team macht beim Flaschenabfüllen mit. Erst zeigt Markus Escher allen Opas Brennkessel, der Otto heißt (der verstorbene Opa und der Kessel), und mit dem die Erfolgsgeschichte begann. Inzwischen hat er mit Sandy einen zweiten, exakt gleichen Kupferkessel (ebenfalls mit vier Destillationsstufen) für über 60 000 Euro gekauft, um den Umsatz hochzufahren. Werktags von 6 bis 15 Uhr wird produziert, vor Weihnachten auch noch darüber hinaus. Zehn Festangestellte gehören mittlerweile zum Ginstr-Team sowie etliche Teilzeitkräfte.

Also, die Handballer fangen an zu rechnen. Werden Ginverkäufer schneller reich als Profisportler? So aufwendig ist die Herstellung – über 40 Botanicals ruhen erst mal tagelang zwecks Mazeration in 120-Liter-Fässern mit Neutralalkohol –, so relativ gering ist die Menge, die entsteht (im Schnitt sind’s 2800 Flaschen pro Woche, die im Laden zwischen 30 und 40 Euro kosten), dass Dagobert Duck über die Erlöse womöglich lachen würde. „Hinzu kommt die Brandsteuer“, sagt Escher.

Lange Rede kurzer Gin!

„Sandy“ hat das Ginstr-Logo auf den Arm tätowiert

Gin-Enthusiast muss man sein, wenn man seine eigene Marke ohne industrielle Produktion auf den Markt bringt. Immerhin haben es die Ginbrenner bis in die „New York Times“ gebracht. Die ersten Zeitungen, die bei einer Blindverkostung Ginstr auf Platz eins setzten, waren die Stuttgarter Nachrichten und die Stuttgarter Zeitung, wie „Sandy“ Franke, der das Logo seiner Marke auf den Unterarm tätowiert hat, den Handballern verrät.

Der 27-jährige Markus Escher, der mit seiner Freundin wenige Schritte vom Brennkessel entfernt wohnt, strahlt, wenn er die Ingredienzen zeigt. Das muss Liebe sein! Von den Granatapfelkernen, die in den Gin kommen, lässt er probieren. Zwei Jahre haben er und „Sandy“ an der Rezeptur getüftelt. Unter anderem sind drin: Zitrusfrüchte, Rosmarin, Kardamom, Koriander, Süßholz, Orangenblüten – und, na klar, Wacholderbeeren. Nach der Vierfachdestillation wird das Alkoholvolumen mit gefiltertem Bodensee-Wasser sowie Cannstatter Mineralwasser bei 44 Prozent eingestellt.

Heimat kann so erfrischend, leicht und mit Tonic angenehm bitter schmecken. Führend beim noch nicht abebbenden Trend ist Stuttgart, erste Liga halt! Wunderbar, wenn man immer was Gutes im Gin hat.

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