Esslingen - Monatelang hatten sie um den Erhalt ihrer Wohnungen gebangt, und als Anfang März die erlösende Nachricht kam, dass die Esslinger Wohnungsbau (EWB) die historische Häuserzeile in einem Seitenarm der Straße Am schönen Rain erhalten will, war die Erleichterung bei Mietern und Anwohnern riesengroß. Doch zuletzt gab’s einen Dämpfer: Weil die Renovierung des Gebäudeensembles deutlich teurer wäre als vermutet, will die EWB die sechs Reihenhäuser und zwei Doppelhaushälften, die sich um ein Rondell gruppieren, verkaufen. Während sich die Mieter sorgen, dass ihnen nun doch die Kündigung droht, versichert EWB-Chef Hagen Schröter: „Wir wollen keinen rausdrängen.“ Und er ist „offen für innovative Konzepte“. Die Nachbargemeinschaft, die sich im Kampf um den Erhalt des Gebäudeensembles als Rondell-Rebellen formiert hat, will darauf achten, dass die Mieter in ihren Häusern bleiben dürfen.
„Es handelt sich um ein einzigartiges Gebäudeensemble des Esslinger Stadtbaurats Rudolf Lempp“, heißt es im Verkaufs-Exposé der EWB. „Die romantischen Häuser haben Wohnflächen zwischen 57,41 und 68,20 Quadratmetern und wurden im Jahr 1926 gebaut. Das Wohnumfeld ist idyllisch und ruhig. Der nachbarschaftliche Zusammenhalt ist hervorzuheben. Die Lage bietet einen hohen Freizeit- und Erholungswert durch die Nähe zu Wald und Feld.“ Diese Idylle im Esslinger Stadtteil Hohenkreuz zu erhalten, haben sich die „Rondell-Rebellen“ auf die Fahnen geschrieben. Und sie hatten mit ihrem Protest Erfolg. Die EWB brachte einen Beteiligungsprozess auf den Weg, am Ende stand ein Kompromiss: Das Haus an der Stirnseite wird nicht abgerissen und vorerst nicht saniert. Die Reihenhäuser an der Längsseite werden nicht abgerissen. Die verbliebenen Mieter können zu den bisherigen Konditionen in ihren unsanierten Häuschen bleiben oder für eine höhere Miete in eines der freien Reihenhäuschen wechseln, die saniert werden sollen. Die Gärten hinter den Reihenhäuschen werden verkleinert – die so gewonnenen Flächen verkauft die EWB an die Baugenossenschaft, die nebenan ein Wohnprojekt plant.
Dieser Kompromiss hatte bei Mietern, Anwohnern und Stadträten Beifall gefunden. Umso größer war die Überraschung, als die EWB das Objekt nun zum Verkauf ausgeschrieben hat. Schröter begründet das so: „Eine Sanierung würde deutlich teurer werden als vermutet. So viel Geld können wir in den Altbestand nicht investieren, weil wir dann mit einer sehr hohen Miete kalkulieren müssten. Deshalb wollen wir mit Mietern und Anwohnern ein Konzept suchen, um dieses Ensemble weiterzuentwickeln und den Belangen der Mieter gerecht zu werden.“ Deshalb hat die EWB drei möglichen Interessenten ein Kaufangebot unterbreitet: der Nachbargemeinschaft, dem Verein Alternatives Wohnen Esslingen (Alwo) und der Baugenossenschaft. Letztere hätte Interesse, da die Sanierungskosten aber auf rund 1,5 Millionen Euro taxiert werden, sagt Vorstand Oliver Kulpanek: „Einen Erhalt der Häuser könnten wir unter diesen Umständen wirtschaftlich nicht darstellen.“ Die Häuserzeile müsste fallen.
Das wollen die Rondell-Rebellen nicht zulassen: „Dieses liebens- und lebenswerte Viertel darf nicht zerstört werden“, sagt Nicole Rabus von der Nachbargemeinschaft. „Das wollen wir erhalten und dafür sorgen, dass die bisherigen Mieter bleiben können.“ Und sie bekommt Unterstützung von SPD-Stadtrat Wolfgang Drexler und vom Linke-Ratsherrn Tobias Hardt, der in einem Schreiben an den OB die Einhaltung des Kompromissversprechens anmahnt. EWB-Chef Schröter sieht für Sorgen der Mieter jedoch keinen Anlass: „Wir stehen zu unserer Zusage, dass sie bleiben können.“ Und er verweist auf das Verkaufs-Exposé, wo als Bedingung für Käufer klar formuliert ist: „Für die derzeit vorhandenen Mietparteien sind geeignete Regelungen zu treffen, um deren Verbleib in den bestehenden Mietverhältnissen dauerhaft zu ermöglichen.“
Während die bisherigen Mieter jüngst in einer Gesprächsrunde mit anderen Anwohnern erklärt hatten, dass sie auf eine umfassende Sanierung keinen Wert legen, sondern die günstigen Mieten behalten wollen, will Schröter nicht nur ein „Weiter so“: „Wir könnten uns an diesem besonderen Ort ein innovatives Wohnmodell vorstellen, das die Mieter mit einbezieht. Als Partner käme neben der Nachbargemeinschaft auch der Verein Alternatives Wohnen Esslingen in Frage, der sich mit dem Projekt bereits beschäftigt.“ Und Ariane Gölz von der Alwo, die nun den Dialog mit den Mietern suchen will, sagt: „Nach einem Gespräch mit der EWB wollen wir am Thema dranbleiben.“ Modelle wie das bundesweite Mietshäusersyndikat, das dauerhaft selbstverwalteten bezahlbaren Wohnraum schaffen will, könnten wegweisend werden. Dass sich die EWB vorstellen kann, das Areal in Erbbaupacht einzubringen und damit die Investitionskosten zu reduzieren, könnte ein entscheidender Beitrag zum Gelingen werden.
Dass solche Modelle sehr gut in die Zeit passen, ist für Hagen Schröter keine Frage. Er denkt in diesem Zusammenhang genau wie Wolfgang Drexler auch an die Internationale Bauausstellung (IBA), die sich 2027 der „Neuerfindung einer Stadtregion“ widmen will. Während die Stadt Esslingen derzeit über ihren Beitrag zum IBA-Programm nachdenkt, könnte die Entwicklung des Rondells ein separates (förderungswürdiges) IBA-Projekt werden. Dass OB Jürgen Zieger diese Überlegungen durchaus wohlwollend verfolgt, erleichtert die weiteren Überlegungen. Und Wolfgang Drexler, der mit dem Förderverein Nord zum Gelingen beitragen will, findet: „Es würde der Stadt guttun, wenn wir mit solchen Modellen zeigen, dass man Wohnraum erneuern kann, ohne die bestehenden Mieter vor die Tür zu setzen.“