Am Straßenrand aufgelesen Begegnung mit dem Teufel

Teufels-Handpuppen auf einem Flohmarkt in Berlin Foto: imago images / Seeliger

Manchmal fallen einem Sachen zufällig in die Hände. Wie die Teufels-Handpuppe, die unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn in einer Kiste mit Aussortiertem gefunden hat.

Auf dem Trottoir vor der Kindertagesstätte stehen ein paar Kartons. Im Gegenlicht der Nachmittagssonne sehen sie wie schwarze Klötze aus, ich kann ihren Inhalt nicht erkennen.

 

Die Wege sind mit Split vom letzten Schneefall bestreut, ein einzelgängerischer Handschuh liegt zwischen aufgeweichten Feuerwerksresten, Goldflitter und Tannennadeln. Seufzend stecke ich ihn auf die nächste Zaunspitze. Im Anblick eines einsamen Fäustlings hoch über dem Gehweg aufgespießt, der wohl nie mehr seinen verschollenen Bruder findet, steckt die ganze Schwere des endenden Januar, wenn die mit guten Vorsätzen überladenen ersten Wochen vorbeigezogen sind. Schlimmere Auslöser für meine Jahresanfangsmelancholie sind nur noch die mannshoch übereinandergestapelten Christbaumskelette, umgeben von halbkahlen Adventskränzen. Wenigstens stehe ich inzwischen vor der Kita und kann in den Kisten stöbern. Hier wurde fleißig ausgemistet: ein angeschmuddeltes Bodenpuzzle aus Moosgummi, kaputtes Sandspielzeug.

Dann fische ich eine Gestalt im schwarzen Kittel aus dem Gerümpel, eine Handpuppe. Unwillkürlich streife ich sie über meine Rechte. Wie von selbst schlüpfen die Finger in die Filzpranken, das Loch für den Kopf. Sie nickt, schüttelt sich, breitet die Arme aus. Ich schaue sie mir genauer an – ein Kerl. Alles an ihm ist spitz – die dreieckig zulaufenden Ohren, die Rübennase, das Kinn samt Hipsterbart, die Eckzähne, die aus dem aufgerissenen Maul ragen und natürlich seine beiden gedrehten Hörnchen.

Haben sich die Kinder vor ihm gefürchtet?

Ich bringe es nicht fertig, den kleinen Teufel zurückzulassen. Gemeinsam gehen wir weiter. Die fade Wintersonne scheint ihm auf den Plastikschädel, er wirkt quicklebendig. Noch immer funktioniert der Zauber – wie er da am Ende meines Arms sitzt, sich die Hände reibt, nach allen Seiten guckt, mich am Mantelkragen zerrt. Warum er wohl auf dem Müll gelandet ist? Bis auf einen schmalen Riss im Kittel wirkt er unversehrt. Vielleicht musste er weg, weil Kinder sich vor ihm gefürchtet haben? Durchaus möglich. Er hat nichts Freundliches an sich, selbst die schwarzen Augen blicken grimmig. In unserem Puppentheater gab es auch ein Teufelchen. Es war knallrot, mit einem Gesichtsausdruck wie der Kasperle, nur dass an seiner Hinterseite ein Flechtschwanz aus schwarzer Wolle herab baumelte und zwischen den Hörnern eine weiche Haarsträhne hing, die ich gerne mit dem Daumen streichelte.

Das Böse hat inzwischen ein anderes Antlitz . . .

Mittlerweile haben der kleine Unsympath und ich mein Zuhause erreicht, ohne ein Kind zu treffen, an den ich ihn hätte verschenken können. Er sitzt auf den unerledigten Unterlagen, kein schlechter Platz. An den Teufel glaube ich nicht, an das Böse schon. Ob der Gehörnte noch das richtige Bild dafür ist, bezweifle ich. Mir fallen auf Anhieb eine Menge anderer Gesichter ein, die besser an seine Stelle passen.

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