Stuttgart - Wer im Profisport unterwegs ist, der weiß: Der unbarmherzige Maßstab des Tuns sind Ergebnisse. Und in dieser Hinsicht hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft seit dem Jahr 2016 (EM-Titel und Olympia-Bronze) bei jedem großen Turnier ihre Ziele verpasst. Mal ziemlich knapp wie mit Platz vier bei der Heim-WM 2019 und Platz fünf bei der EM 2020, mal deutlich wie beim Achtelfinal-Aus bei der WM 2017 gegen Katar und Platz neun bei der EM 2018. Und auch bei der aktuellen WM in Ägypten hat die Auswahl des mitgliederstärksten Handballverbandes der Welt mit dem verpassten Viertelfinale ihre selbst auferlegten Vorgaben nicht erfüllt.
Etablierte tauchen ab
An der Einstellung, am Willen, an der Motivation liegt es nicht. Die bekannten sportartübergreifenden deutschen Tugenden zeigte das Team auch bei den Titelkämpfen am Nil. Auch zuletzt beim klaren Sieg gegen Brasilien, obwohl eine Stunde vor dem Anpfiff die Nachricht gekommen war, dass das Weiterkommen gar nicht mehr zu realisieren ist. Was bedenklich stimmt: Wie schon in den Turnieren davor, fehlte immer dann, wenn es darauf ankommt, in den entscheidenden und engen Spielen gegen die Topteams, die nötige Qualität. Diesmal vor allem die der noch verbliebenen Etablierten: Kapitän Uwe Gensheimer tauchte ab, Rückraumwaffe Julius Kühn schoss mehr Fahrkarten als Tore und der für seine markigen Sprüche bekannte Keeper Andreas Wolf brachte keine Hand an den Ball.
Gislason gefordert
Auf allerhöchstem Niveau, wenn Kleinigkeiten den Ausschlag geben, wird es ohne ihre Impulse sehr schwierig, Spiele zu gewinnen. Zumal neun Spieler fehlten – darunter das Trio Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold vom Champions-League-Sieger THW Kiel – und Alfred Gislason fast keine Zeit blieb, das neuformierte Team einzuspielen. Kommen diese Spieler aber zurück, gibt es für die Olympiaqualifiaktion und die Spiele in Tokio keine Ausreden mehr: Dann besteht für den neuen Bundestrainer und die deutschen Handballer schlicht und ergreifend eines: Liefer-Pflicht.