Das Gedicht, vom dem sie sprach, ist inzwischen berühmt. Es trägt den Titel „The Hill We Climb“, „Der Hügel, auf den wir klettern“, und wie Amanda Gorman es am Mittwoch auf der Bühne am Kapitol vortrug, war so beeindruckend, dass das Lob nur so prasselt. Nicht nur Barack Obama und Oprah Winfrey und viele andere haben gratuliert, sondern auch, was für eine Poetin vielleicht wichtiger ist, Lin-Manuel Miranda. „YES!!!“, in Großbuchstaben, twitterte der New Yorker, der mit „Hamilton“ ein wunderbar originelles Musical über die Entstehungsgeschichte der USA produzierte, die Rollen der durchweg weißen Gründer der Republik teilweise mit schwarzen Rappern besetzt.
Mit Handbewegungen unterstreicht sie ihren Vortrag
Am Mittwoch, auf der Tribüne am Kapitol, hat Amanda Gorman von der Demokratie gesprochen, deren Vorankommen phasenweise verzögert wird, die aber niemals besiegt werden könne. Vom Sturm auf das Parlamentsgebäude, dem Symbol für eine Kraft, „die unsere Nation zerstören wollte, anstatt sie miteinander zu teilen“. Von einer Nation, die nicht gebrochen, sondern einfach nur unvollendet sei. Und davon, dass sie, „ein dürres schwarzes Mädchen“, Nachfahrin von Sklaven, aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter, davon träumen könne, Präsidentin zu werden – um dann für einen Präsidenten ein Gedicht aufzusagen. Dazu machte sie Handbewegungen, die an den Film „The King’s Speech“ denken ließen. An den britischen König George VI., dem der Sprachlehrer Lionel Logue mit fließenden Gesten den Rhythmus vorgibt, auf dass er nicht stottere.
Auch über Gorman heißt es, dass sie in ihrer Kindheit beim Reden häufig ins Stocken geriet. Weil auch Joe Biden in jungen Jahren gegen das Stottern anzukämpfen hatte, strickten amerikanische Boulevardblätter daraus die Geschichte, dass er sie vor allem deshalb auf seiner Inaugurationsfeier reden lassen wollte. Die 22-Jährige hat das weder bestätigt noch dementiert. Ja, sie habe vor der Zeremonie mit dem neuen Präsidenten gesprochen, aber nicht übers Stottern, ließ sie wissen. Tatsächlich war es wohl Jill Biden, First Lady und Englischlehrerin, die Gorman entdeckte. Nachdem sie die junge Afroamerikanerin bei einem Auftritt in der Kongressbibliothek in Washington erlebt hatte, soll sie so beeindruckt gewesen sein, dass sie Organisatoren der Zeremonie nahelegte, auch an Amanda Gorman zu denken.
Bereits als Schülerin engagiert sie sich für andere
Es ist fünf Jahre her, da gründete die damalige Schülerin eine Organisation namens „One Pen One Page“, die es, so formulierte sie es, jungen Geschichtenerzählern ermöglichen sollte, die Welt zu verändern. Bereits zuvor war ein erster Band mit Gedichten aus ihrer Feder erschienen, „The One For Whom Food Is Not Enough“. Inspiriert von Malala Yousafzai, der mit dem Nobelpreis geehrten Aktivistin aus Pakistan, wurde sie Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen. Später studierte sie an der Universität Harvard Soziologie.
Am Mittwoch dann war sie die jüngste Poetin, die nach der Rede eines frischvereidigten Präsidenten rezitieren durfte. Zu denen, die vor ihr an der Westseite des Kapitols auf der Bühne standen, gehört Maya Angelou, die große schwarze Schriftstellerin, die 1993 Bill Clintons Amtseinführung lyrisch begleitete.
Die Miranda-Regeln und was es bedeutet, mit dunkler Haut aufzuwachsen
Sie habe, so die Frau aus Los Angeles, beim Schreiben ihres Gedichts immer daran gedacht, dass sie kein Bild zeichne, das Unbequemes übertünche. Dass unbequeme Wahrheiten, denen sich ihr Land nun mal stellen müsse, nicht wegradiert oder an den Rand gedrängt würden. Wie sich zum Beispiel das Alltagsleben heranwachsender Amerikaner mit dunkler Haut noch immer unterscheidet von dem ihrer weißen Altersgenossen, hat Amanda Gorman erst vor wenigen Tagen einem Reporter der „Washington Post“ erklärt. Was ihre erste Erfahrung mit Politik gewesen sei, wurde sie gefragt. „Nichts, was mit Protesten oder etwas von der Art zu tun hätte“, erwiderte sie. „Aber vielleicht das: Als ich wirklich noch sehr jung war, las mir meine Mutter meine Miranda-Rechte vor.“
Nach den Miranda-Regeln müssen Festgenommene bei Polizeiverhören auf ihr Recht hingewiesen werden, sowohl einen Anwalt heranziehen als auch schweigen zu können. Im amerikanischen Sprachgebrauch steht der Begriff generell für den Umgang mit Polizisten.
Wenn man als schwarzes Kind in Amerika heranwachse, komme man irgendwann an den Punkt, „an dem unsere Eltern das mit uns führen, was sie ‚das Gespräch‘ nennen“, erklärte Gorman dem Reporter. „Allerdings geht es dabei nicht um Vögel oder Bienen oder darum, wie sich unsere Körper verändern. Es geht um die potenzielle Zerstörung unserer Körper.“ Ihre Mutter, fügte die Dichterin hinzu, habe sichergehen wollen, dass sie wisse, was es bedeute, mit dunkler Haut aufzuwachsen. Vielleicht sei dies ihre erste Erfahrung mit dem politischen Klima des Landes gewesen.
Auszug aus Gormans Gedicht
„Wenn es Tag wird, fragen wir uns, /wo wir Licht finden können in diesem endlosen Schatten. / Der Verlust, den wir mit uns tragen; / Das Meer, das wir queren müssen. / Die Mitte der bösen Macht, der wir trotzen mussten. (...) / Lasst die Welt, wenn sie sonst nichts sagt, dieses sagen: /Dass wir, selbst als wir trauerten, wuchsen; / Dass wir, selbst als wir Schmerzen hatten, hofften; /Dass wir, selbst als wir ermüdeten, es weiter versuchten. / Dass wir immer verbunden sein werden, siegreich; /Nicht, weil wir nie mehr eine Niederlage erleiden, / sondern weil wir nie wieder Spaltung säen werden. (...) /Wenn wir unserer Zeit gerecht werden, / dann wird der Sieg nicht in der Klinge liegen, / sondern in all den Brücken, die wir gebaut haben.“